Gedanken-Brösel

Mach mal nass!

08.04.2018, Mike Abramovici

Foto: Panthermedia, AndreB.

Eigentlich möchte man sich nicht daran erinnern. Als wir noch jung an Jahren und klein an Wuchs waren und wenig von der Welt wussten. Bevor es frisch geschniegelt aus dem Haus ging, sagte Mutter: Warte unten, mach dich nicht dreckig! Doch kaum kam sie kurze Zeit später heraus, sah der kleine Sohn oder die Tochter total verdreckt aus, die Hände schmutzig – und wenn wir Glück hatten, schenkte uns die nette Nachbarin zu dem Dilemma noch Schokolade (die uns wohl in weiser Voraussicht von der Mutter vorher nicht gereicht wurde). Somit nahm das Unglück seinen Lauf. Mutter hielt uns ein Taschentuch vors Gesicht und es folgte der Satz, der sich für viele bis heute in die Hirnrinde eingebrannt haben mag. Ein Satz der grausiger nicht sein konnte und vielen heute noch einen kalten Schauer über den Rücken jagt: “Mach mal nass!” Und wie auf Befehl steckte man die Zunge raus, das Taschentuch wurde an der Zunge gerieben und schwuppdiwupp übers ganze Gesicht geschrubbelt. Bei den ganz harten Eltern oder mancher Großmutter kam es oft noch schlimmer: Sie spuckten fröhlich ins Taschentuch, dann wurde auf der Gesichtsbacke rumgerieben – und man bekam sein ganzes Leben nie mehr den Geruch von Spucke aus der Nase.

Mit zunehmender eigener Körpergröße, wurde die Prozedur zum Glück immer seltener und hörte irgendwann ganz auf. Aber wir alle schworen uns, das „Nie, nie nie!“ bei unseren Kindern zu machen. Vermutlich haben es später doch viele Eltern ihren Kindern angetan.

Es folgte eine Entwicklungsphase, mit dem wohl besorgten Satz von Mutter, Vater oder Großmutter: „Hast du denn auch einen guten Schlüpper an!?“ Als wäre es das Wichtigste auf der Welt, bei einem Verkehrsunfall, wenn man besoffen in der Ecke liegt oder aus dem Bus fällt: Hauptsache man hat einen guten „Schlüpper“ an! Weitere Kontrollfragen waren: „Sind die Fingernägel auch sauber?“ – Und gerne, wenn man schon im losgehen war: „Hast du auch ein sauberes Taschentuch dabei?“

Letztere Frage ist heute abgelöst von: „Hast du auch dein Handy dabei? Die Eltern möchten eben, dass es den Kindern gut geht und ihnen nichts passiert. Und wenn doch, sollen sie schnell Hilfe herbeirufen können, dank moderner Technik. Fraglich, ob sie in der größten Not daran denken.

So sind sie, diese kleinen Spuren der Erinnerung. Gerade, wenn man in der Lebensmitte angekommen ist, seine Eltern so betrachtet, wie sie selbst ins Kleckeralter zurückkehren und gerne sagen möchte: „Na, mach mal nass!“, um sie anschließend selbst abzuschrubbeln.
Ach, lassen wir das mal lieber!

 

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