Langzeitarbeitslose haben eigene Gruppe im Stadtteilzentrum

Raus aus dem tiefen, dunklen Loch

08.06.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel Zum Vergrößern und für die Bildtexte bitte auf das Startfoto klicken!

Marzahn. Es sei, als fiele man in ein tiefes, dunkles Loch und komme einfach nicht mehr heraus, obwohl man immerzu strample, sagt Gudrun B. Die Stimme der 53-Jährigen klingt brüchig, wenn sie über die Jahre ihrer Arbeitslosigkeit erzählt. Den letzten sozialversicherungspflichten Job hatte sie 2005. Seitdem hangelte sich die zu DDR-Zeiten als Facharbeiterin für Fernschreibverkehr Ausgebildete von Maßnahme zu Maßnahme, vom Bewerbungstraining zur Umschulung und zurück. Gebracht hat das alles wenig, einen festen Arbeitsplatz hat sie nie mehr gefunden. Auch, weil mit der langen Arbeitslosigkeit gesundheitliche Probleme begannen: „Du hast das Gefühl, Du bist überhaupt nichts mehr wert. Du traust Dich kaum noch aus dem Haus, fühlst Dich völlig hilflos“, sagt sie.

In der Arbeitsamts-Statistik nicht mehr vorhanden

Gudrun B., nun seit drei Jahren EU-Rentnerin, ist eine von Hunderttausenden Menschen, die in der offiziellen Arbeitslosenstatistik nicht mehr vorkommen. Langzeitarbeitslose werden aus der Statistik der Bundesanstalt für Arbeit wegen Arbeitsunfähigkeit gestrichen, wegen begonnener Bildungsmaßnahmen, wegen fehlender Mitwirkung und Frühverrentung. Mit Stand vom 31. Dezember 2016 gab es laut dem Statistikportal Statista in Berlin 52.952 Langzeitarbeitslose, in ganz Deutschland waren es fast eine Million Menschen.

Gudrun B. hat sich mit uns im Marzahner Stadtteilzentrum Mosaik am Altlandsberger Platz 2 getroffen. Janine L. (40) ist dabei, die einst Konditorin gelernt hat und später noch einmal Möbeltischlerin, seit sechs Jahren nicht mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt, inzwischen gesundheitlich beeinträchtigt. Und Desiree F. (27) mit ihrer dreijährigen Chantal. Die junge Frau, alleinstehend, arbeitete einst in der Lebensmittelabteilung eines großen Berliner Kaufhauses. Bis zu ihrer Kündigung. Sie sagt, sie sei gemobbt worden. Jetzt hat sie Angst, dass es ihr in anderen Arbeitsverhältnissen ebenso geht. Sie ist schüchtern und traut sich nur noch wenig zu, anderen noch weniger.

Gute Kontakte sind wichtig für die seelische Gesundheit

Gudrun B., Janine L. und Desiree F. gehören zur „Arbeitslosentruppe“ des Stadtteilzentrums, einer Einrichtung der Wuhletal gGmbH, einem psychosozialen Zentrum. Manfred Bahr, der Leiter, sagt, dass man sich mit den Angeboten dort an den Bedürfnissen der Anwohner orientiere. So gibt es beispielsweise Veranstaltungen mit Musik und Tanz für Ältere, aber auch Vorträge für jedermann und seit April jeden Dienstag einen geführten Spaziergang, den die Teilnehmer dann bei Kaffee und Kuchen ausklingen lassen. Wichtig für die seelische Gesundheit seien gute Kontakte, sagt er. Auch aus diesem Grund sei vor zwei Jahren die Arbeitslosentruppe gegründet worden, die inzwischen sogar eine eigene Facebookseite hat. „Der Anspruch des Projekts ist, Lebensfreude zu vermitteln und das Selbstbewusstsein zu stärken“, sagt Bahr.

Gemeinsam ist man in andere Berliner Bezirke und nach Brandenburg gefahren, war am Nollendorffplatz in Schöneberg, im Schloss Babelsberg und beim Sattelfest in Altlandsberg. Das Wichtigste jedoch seien die Gespräche untereinander, sagt Gudrun B. Auch wenn man einen Partner habe, Familie und Freunde – diese könnten sich nicht immer so richtig in die emotionale Situation von Langzeitarbeitslosen hineinversetzen: „Es fehlt das Gefühl des Gebrauchtwerdens, die Anerkennung.“ Die meisten wollten doch arbeiten, nicht nur Geld vom Amt beziehen. Am Besten könne man darüber mit jenen reden, die das auch selbst erleben, sagt Gudrun B. Über Aussprüche wie „Wer Arbeit sucht, der findet auch welche“, könne sie nur den Kopf schütteln. Es seien nur wenige Unternehmen, die Langzeitarbeitslosen, vor allem, wenn diese auch noch gesundheitliche Probleme haben, eine echte Chance geben.

Vorstellung zum Sommerfest

14 Menschen, etwa zur Hälfte Männer und Frauen, wirken in der Arbeitslosentruppe vom „Mosaik“ mit. Bis Ende Juni wird das Projekt noch gefördert. Dann ist jedoch nicht Schluss. Ab 1. Juli wird die Arbeitslosentruppe eine Selbsthilfegruppe, Gudrun B. übernimmt die ehrenamtliche Gruppenleitung, Janine L. und Desiree F. sind ebenfalls weiterhin dabei. Beim Sommerfest im Stadtteilzentrum am Mittwoch, 5. Juli, gibt es einen eigenen Stand: „Jeder, der bei uns mitmachen will, ist gern gesehen“, sagt Gudrun B.

Arbeitslosentruppe im Stadteilzentrum Mosaik, Altlandsberger Platz 2: jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat, 16 Uhr. Die Teilnahme ist kostenfrei. Die Gruppe ist auch bei Facebook aktiv.

 

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