Zwischen Stadt und Land

Kudamm mit Waldblick

14.01.2018, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding

Nun also wollen sie auch eine der letzten Lücken in Alt-Hohenschönhausen zubauen. An der Simon-Bolivar-Straße werden ein aus DDR-Zeiten stammendes Bürogebäude, alte Lagerhallen und betonierte Parkplätze weiteren Wohnhäusern weichen. In der Nachbarschaft sind solche Brachen längst verschwunden. Dort wohnen jetzt junge Familien. Das wachsende Berlin verändert auch das Gesicht von Kiezen, für die sich früher keiner interessiert hat. Die Gegend ist kaum wiederzuerkennen.

In unserem kleinen Städtchen ist ebenfalls Bewegung. Unsere Bürgermeisterin erzählte neulich, dass die Zahl der Baugenehmigungen gestiegen ist. In der Innenstadt ist das zu sehen. Die einstigen Lücken zwischen den hübschen Kleinstadthäusern sind weg, dort stehen nun Mehrfamilienhäuser. Und weil die Nachfrage nicht abreißt, wird die Stadt weitere Baugebiete ausweisen. Läuft in Storkow. Im Interview mit der örtlichen Lokalzeitung lässt sich die Rathaus-Chefin mit den Worten zitieren: „Die Zeichen stehen auf Wachstum.“ Sie erzählt, dass vor allem Familien aus dem nahen Berlin die kleine Storchenstadt für sich entdecken. Spätestens, wenn sie das erste Mal am Ufer des Sees stehen, über die weiten Felder blicken oder im nahen Wald tief durchatmen, sind sie hin und weg.

Kurze Parkplatzsuche

Uns ging das nicht anders, als wir vor zweieinhalb Jahren Berlin hinter uns ließen. Wenn wir in unserer kleinen Stadt unterwegs sind oder auf Dorffesten, merken wir schnell im Gespräch: Es haben sich tatsächlich viele Berliner unters Landvolk gemischt. Warum es die Berliner hierherzieht, wollte die kleine Lokalzeitung von der Bürgermeisterin wissen. Stolz erzählte sie von der guten Autobahnanbindung, über die man schnell in die Hauptstadt kommt. Von Grundstückspreisen, die noch bezahlbar sind. Es gibt Schulen, Kitas, ein abwechslungsreiches Kulturleben. Und kurze Wege. Wer mal im Rathaus was erledigen muss, weiß das zu schätzen. Zumal man dort, wenn man einen neuen Personalausweis braucht, meist keine fünf Minuten warten muss. Der eine oder andere Zugezogene hat sogar schon einen Job in der Umgebung gefunden. Viele aber fahren nach wie vor nach Berlin. Und freuen sich, wenn sie abends die vielen Baustellenstaus hinter sich lassen und nicht Ewigkeiten nach einem Parkplatz suchen müssen. Nun gut, dafür sind dann auch alle Bürgersteige hochgeklappt.

Bei uns im Dorf gibt es gleich eine ganze Straße mit glücklichen Ex-Berlinern. Die haben nach der Wende ihre einstigen Wochenendgrundstücke bebaut und es sich eingerichtet. Im Ort sind sie integriert, organisieren sogar einen eigenen Weihnachtsmarkt. Die alten Dorfbewohner haben der Straße auch schon einen Namen gegeben. Sie nennen sie kurzum Kudamm. Gleich dahinter beginnt der Wald.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie vier Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. An das Leben auf dem Land konnte er sich lange gewöhnen – im Wochenendhaus mit Seeblick, umgeben von erholungshungrigen Berlinern.

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