Bündnis macht mobil gegen Ausbau der A 100

Hochstraße über der Frankfurter Allee?

28.04.2016, Birgitt Eltzel & Marcel Gäding

Foto: Birgitt Eltzel

Lichtenberg. „Die Bäume haben wir Mieter alle selbst gepflanzt“, sagt eine rüstige Mittsiebzigerin. Sie deutet auf hochgewachsene Birken, Pappeln und Erlen, die in diesem Frühjahr schon ein dichtes grünes Blätterkleid ausgebildet haben. „1973 war das, wir waren gerade hergezogen.“ Die Rentnerin wohnt im Quartier Frankfurter Allee Süd. Das soll vom künftigen Ausbau der Stadtautobahn A 100 besonders betroffen sein, sagen Kritiker des Projekts. Der kleine Park, der sich vom Nachbarschaftshaus Kiezspinne nahe der Wilhelm-Guddorf-Straße bis hin zur Gürtelstraße/Frankfurter Allee zieht, würde dann wegfallen, die Plattenbauten vom Lärm zehntausender Autos täglich zusätzlich betroffen. Bereits jetzt gilt die Kreuzung Frankfurter Allee/Gürtel-/Möllendorffstraße als einer der belastetsten innerstädtischen Verkehrsknotenpunkte, regelmäßig werden dort zulässige Feinstaubwerte überschritten. Auch die Geräusche der Züge auf der nahegelegenen Bahntrasse hören die Anwohner in ihren Wohnungen.

vorgesehene Verlängerungstrasse A100 Zeichnung: Volkmar Eltzel

vorgesehene Verlängerungstrasse A100
Zeichnung: Volkmar Eltzel

Befürchtungen über steigende Belastungen
Die Belastungen werden noch steigen, wenn der Weiterbau der A 100 tatsächlich Realität wird, prognostizieren Autobahngegner. Tobias Trommer vom Aktionsbündnis A 100 stoppen, die selbst im Viertel lebende Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Die Linke), der bündnisgrüne Verkehrsexperte aus dem Abgeordnetenhaus, Harald Moritz, und der Berliner Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Tilmann Heuser, hatten deshalb kürzlich die Presse zu einem Vorort-Termin ins Wohngebiet eingeladen, an dem auch etliche Anwohner teilnahmen. Wie berichtet kritisieren sie, dass der erst angedachte Abschnitt 17 der A 100 im Entwurf des Bundesverkehrswegeplans 2030 bereits als „im Bau“ ausgewiesen ist. Damit würde Bürgerbeteiligung ausgehebelt, es solle suggeriert werden, dass Widerstand dagegen zwecklos sei, behaupten die Projekt-Gegner. Die Stadtautobahn A 100 wird bis 2022 von Neukölln bis zum Treptower Park verlängert (16. Abschnitt), die Arbeiten dafür haben bereits begonnen. Für den 17. Abschnitt bis zur Frankfurter Allee/Storkower Straße gibt es bisher lediglich Vorplanungen aus dem Jahr 1999.

Befürworter des Weiterbaus der A 100 führen hingegen an, dass durch die Verlagerung des Autoverkehrs auf die Autobahn die Stadtquartiere entlastet würden – auch durch die Tunnellösung. In einem Argumentationspapier der Berliner SPD, das LiMa+ vorliegt, ist davon die Rede, dass es „zu bedeutender Lärm- und Luftschadstoffentlastung im Stadtgebiet“ kommen wird. „Die Bundesautobahn A 100 ist für das Fern-, Regional- und Stadtstraßennetz Berlin von großer Bedeutung“, heißt es weiter.

“Projekt aus dem letzten Jahrhundert”
Doch das Szenario, das die Kritiker entwerfen, klingt bedrohlich, besonders für die Anwohner aus der Frankfurter Allee Süd. Laut Harald Moritz beginnt der 17. Bauabschnitt am Treptower Park, überquert die Spree und taucht vor dem Ostkreuz in einen Doppelstocktunnel ab, unterfährt die Neue Bahnhof- und Gürtelstraße und taucht dann im Bereich Wiesenweg/Kiezer Weg wieder auf. Dann überquert die Trasse östlich der Ringbahn die Gürtelstraße und Frankfurter Allee (am Ring-Center) und endet an der Storkower Straße, die ausgebaut werden muss, um den zusätzlichen Verkehr aufzunehmen.

Städtebaulich ist insbesondere die Überquerung an der Frankfurter Allee kaum vorstellbar. Das ginge wegen des dort in der Erde liegenden U-Bahntunnels der Linie U 5 wohl nur als Hochstraße, mutmaßt Tobias Trommer. „Eine einzige Katastrophe“, sagt die Rentnerin, die bisher ihr Viertel als gutes Wohngebiet mag. „Da sinkt die Lebensqualität.“ Heuser bezeichnet das Vorhaben als „Projekt aus dem letzten Jahrhundert“, das eine „autogerechte Stadt“ verfolge statt den öffentlichen Personennahverkehr – preiswerter und umweltfreundlicher – auszubauen.

Noch Zukunftsmusik
Der Entwurf des Bundesverkehrswegeplans soll bis zum Jahresende durch das höchste deutsche Parlament, den Bundestag, beschlossen werden, sagt Lötzsch. Nur noch bis zum 2. Mai sind offiziell Einwendungen dagegen möglich, online oder per Brief an: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Referat G12, Stichwort BVWP 2030“, Invalidenstraße 44, 10115 Berlin. Er wird im Sommer vom Bundeskabinett beschlossen und danach von den verschiedenen Fachausschüssen des Bundestages beraten, sagt Lötzsch, die Vorsitzende des Haushaltsausschusses ist. „Mit seinen Kritiken kann man sich also auch nach dem 2. Mai an die zuständigen Bundestagsabgeordneten wenden“, rät sie.

Martin Pallgen, Sprecher der Senatsstadtentwicklungsverwaltung, sagt hingegen, dass der 17. Bauabschnitt derzeit noch Zukunftsmusik sei und es sich zunächst um eine Bundesangelegenheit handele, da der Bund für den Bau von Autobahnen zuständig ist. Dass der Bund bereits von „im Bau“ spreche, hänge mit den Vorhalteflächen zusammen, die im Zuge des Neubaus vom Bahnhof Ostkreuz entstanden. „Der Bundesverkehrswegeplan muss erst einmal beschlossen werden“, sagt Pallgen. Außerdem bleibe abzuwarten, welche Projekte dann wie priorisiert würden. Nach wie vor halte es das Land Berlin für verkehrspolitisch notwendig, die A 100 zu verlängern. Sollte der Bauabschnitt 17 beschlossen werden, gebe es die gesetzlich vorgeschriebenen Beteiligungsverfahren, sagt Pallgen. In diesem Rahmen können Einwände von Betroffenen erhoben werden. Derzeit ist aber noch nicht absehbar, wann konkret mit Planungen begonnen würde.

 

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