Krieg ist scheiße

16.07.2017, Marcel Gäding

Weltkriegsmunition. Foto: Marcel Gäding

Als Kinder der 70er- und 80er-Jahre haben wir in Berlin noch die Spuren des Zweiten Weltkrieges gut sehen können. Wer aufmerksam durch die Straßen von Mitte lief, dem fielen an den Fassaden die Einschusslöcher auf. Zeugnisse schlimmer Kämpfe in den letzten Tagen vor Kriegsende. Erst mit der Sanierung der Mietskasernen verschwanden die Relikte hinter neuem Stuck und frischer Farbe, aber auch teilweise deren Bewohnerinnen und Bewohner, die mitunter noch selbst Zeugen der Straßenkämpfe waren.

Auch bei uns auf dem Dorf werden wir zuweilen mit den Schrecken des Zweiten Weltkrieges konfrontiert. Gleich bei uns um die Ecke gibt es mitten im Wald einen kleinen Friedhof, auf dem drei Soldaten ihre letzte Ruhe fanden. Ihre von Munition durchsiebten Helme hat man auf die Gräber gelegt. Und ein paar Orte weiter, in Halbe, gibt es einen großen Friedhof, auf dem Tausende Soldaten beerdigt wurden, die sich einen erbitterten Kampf mit dem „Feind“ lieferten. Kleine Hinweisstelen erzählen eindrucksvoll die Geschichte einer Schlacht, die vielen Menschen – darunter auch Zivilisten – das Leben kostete. Da läuft einem schon der Schauer über den Rücken.

Im Wald hinter unserem Haus haben wir vor wenigen Wochen die Reste einer Gasmaske entdeckt. Keine Ahnung, wem sie zum Schutz dienen sollte. Und doch haben wir uns gefragt, welche Geschichten diese Fundstücke erzählen könnten. Auch Helme gibt es im Unterholz noch reichlich. Hin und wieder zudem Munition. Es ist noch gar nicht so lange her, da flogen den Kameraden der Nachbarfeuerwehr bei einem Waldbrand die Geschosse um die Ohren.

Bomben statt Radieschen

Die Erinnerung an einen sinnlosen Krieg haben wir aber auch im eigenen Garten zu spüren bekommen. An einem Frühlingstag wollten wir auf einem kleinen Stück unseres viel zu großen Grundstücks die Erde umgraben, um dort Radieschen, Kräuter und Salat anzubauen. Eine schweißtreibende Arbeit, denn im Erdboden stößt man immer wieder auf Bauschutt. Den haben die Dorfbewohner in all den Jahrzehnten in dem kleinen, einst ungenutzten Wäldchen abgelegt, das heute unser Zuhause ist. Und so wird das Umgraben zu einem Kraftakt, weil man unentwegt alte Dachziegel und Steine aus dem Erdreich holt, um sie säuberlich auf einen kleinen Haufen zu werfen. Mächtig groß aber war der Schreck, als sich einer der Gegenstände als besonders widerspenstig erwies. Er ließ sich nicht ohne weiteres aus der Erde holen. Also ging es mit den Händen weiter, um ihn freizulegen. Erst nach einiger Zeit wurde klar, um was es sich handelt – um Wurfmunition. Armdick und mit der Länge eines Unterarms. Der kleine Propeller am Ende des Geschosses war noch gut zu erkennen. Schnell wurden die Gartenarbeiten unterbrochen. Die alarmierte Funkstreife schaffte es dann nach gut vier Stunden zu uns. Die beiden in die Jahre gekommenen Beamten schauten sich das gute Stück an, blieben ratlos stehen, um die Finder zu fragen, ob sie es abdecken könnten. Ein kleiner Mörteleimer war gleich zur Stelle. Einige Stunden später klingelte ein Mann vom Munitionsbergungsdienst an unserer Tür. Er nahm sich der Sache an und fand mit Hilfe seines Suchgeräts weitere dieser Geschosse. „Die Dinger wurden alle anderthalb Meter abgeworfen“, erzählte er uns. Und während er uns einen Vortrag über die Geschichte dieser Munition hielt, kamen zwei weitere baugleiche Bömbchen zu tage. „Alle noch scharf“, sagte der Mann zum Schluss.

Gut, dass wir nicht in Berlin wohnen. Da wurden neulich nahe der Allee der Kosmonauten ganz ähnliche Bomben gefunden. Was dann folgte, war das ganz große Berliner Programm: Straßensperrung, unzählige Funkwagen, Durchsagen im Radio… Ganz unaufgeregt ging die Bergung hingegen bei uns über die Bühne. Die Bomben landeten in einem Eimer. Am frühen Abend war die Aufregung vorüber. Einsatzstärke der Bergungskräfte: 1

Beim Bierchen erzählten die Nachbarn später, was ihnen die Großeltern aus den letzten Kriegstagen berichteten. Tod, Leid und Angst waren ständige Begleiter – auch in unserem Dorf. Den Tag beendeten wir sodann mit einer Erkenntnis: Krieg ist scheiße.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor, Pazifist und Kriegsdienstverweigerer, auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

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