20 Jahre Kunst in der Krankenhauskirche im Wuhlgarten

Gotteshaus, Galerie und Konzerthalle

06.09.2017, Marcel Gäding

Blick ins Hauptschiff des Krankenhauskirche Wuhlgarten. Fotos: Marcel Gäding (zum Vergrößern bitte auf die jeweiligen Fotos klicken!)

Biesdorf. Die ersten Skulpturen stehen bereits, auch die meisten Bilder hängen. Nun muss noch für eines der Kunstwerke Licht organisiert werden. Rolf Frauenstein und Werner Scuda arbeiten sich an diesem Nachmittag mit Leiter und Werkzeugkasten an den Wänden der Krankenhauskirche im Wuhlgarten ab und sind bereits gut vorangekommen. Sie sind in den Endzügen für die Ausstellung, die an diesem Freitag (8. September) eröffnet werden soll. Bis Ende November werden die Werke von 23 Künstlern zu sehen sein, die sich eng mit dem 1893 errichteten Gotteshaus verbunden fühlen. Die Schau läutet ein Jubiläum ein: Seit 20 Jahren bietet die Krankenhauskirche im Wuhlgarten Künstlern einen Raum. Und nicht nur das. Sie ist Ort der Begegnung und der Stille.

Die Stille beginnt hinter der schweren, großen Holztür. Kaum fällt sie ins Schloss, ist es ruhig. Das Licht der tiefhängenden Nachmittagssonne bahnt sich durch die Bleiglasfenster und illuminiert das Innere der Krankenhauskirche im Wuhlgarten auf eine ganz besondere Weise. Auf dem Altar steht ein Strauß mit Herbstblumen, daneben liegt eine aufgeklappte Bibel. In der ersten Reihe hat ein Bauarbeiter Platz genommen. Er hält kurz inne nach einem anstrengenden Tag. Wären anstelle der alten Kirchenbänke nicht gepolsterte Holzstühle aufgestellt worden, könnte man meinen, die Kirche hätte alle Kriegswirren überlebt. Doch weit gefehlt: Bis auf die Grundmauern, einigen Malereien im Altarbereich und den Säulen stammt kaum noch etwas aus den Gründungsjahren dieses besonderen Kleinods, das einst Bestandteil des inzwischen geschlossenen Wilhelm-Griesinger-Krankenhauses war. Und dennoch hat sie sich ihren altehrwürdigen Charme bewahrt – nicht zuletzt wegen des hohen Anspruchs an die Sanierung. Flügelleuchter und Taufschale stammen vom bekannten Metallkünstler Achim Kühn, die Fenster entwarf der Künstler Helge Warme, Taufkrug und Altarvasen sind der Mahlsdorfer Künstlerin Christiane Grosz zu verdanken. Nur die einstige Glocke wurde (bislang) nicht ersetzt. Spätestens im kommenden Jahr soll aber an deren Stelle eine neue hängen, verspricht Detlev Strauß. Das Geld dafür stammt aus privaten Spenden.

Im Hauptschiff wuchsen Birken

Detlev Strauß erinnert sich noch gut daran, wie er das erste Mal das Hauptschiff der Kirche betrat. Überall wuchsen Birken, vom historischen Fußboden waren nur noch Fragmente übrig. Fenster gab es keine mehr, auch vom Mobiliar oder dem Altar fehlte jede Spur. Drei Jahrzehnte musste der einstige Mitarbeiter des Wilhelm-Griesinger-Krankenhauses mit ansehen, wie das Gebäude zerfällt – bis schließlich die Rettung kam. 1997 beschlossen der Träger des benachbarten Unfallkrankenhauses Berlin, das Land Berlin und das Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus, die Kirche nach Maßgabe des Denkmalschutzes behutsam zu sanieren. Sechs Millionen Euro flossen in die Arbeiten. Parallel gründete sich um Detlev Strauß eine Interessengemeinschaft für die Kirche, um das Haus mit neuem Leben zu füllen. „Unser Ziel war ein Ort der Begegnung, der Stille und der Kultur“, sagt Strauß. Mit dem Verein Wuhlgarten e.V. fand sich ein Träger. Die Mitglieder der IG Kirche kümmern sich um den Betrieb. Innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte stellten sie 735 Veranstaltungen auf die Beine. Die Statistik weist für diesen Zeitraum fast 156.000 Besucher aus. Es gibt wechselnde Ausstellungen, Konzerte und Lesungen – und das alles bei freiem Eintritt. Lediglich um Spenden wird am Ende einer jeden Veranstaltung gebeten.

Ihren spirituellen Charakter hat sich die Krankenhauskirche im Wuhlgarten erhalten. An den Sonntagen gibt es im Wechsel evangelische Gottesdienste oder katholische Messen. Außerdem steht das Haus den Seelsorgern des benachbarten Unfallkrankenhauses offen. Hier finden Menschen Trost, die entweder selbst schwer erkrankt sind oder Angehörige, die den Verlust eines Freundes oder Verwandten verarbeiten wollen. Mit Hilfe von rund 15 Ehrenamtlichen kann außerdem ein täglich ein kleines Café betrieben werden. Die Kirche ist somit an jedem Tag geöffnet. Immer wieder zieht es Menschen hierher, die eine Kerze anzünden, beten und die Ruhe genießen.

Gebaut im Stil einer frühchristlichen Basilika

Die Krankenhauskirche entstand 1893 zusammen mit den anderen Gebäuden der einstigen „Anstalt für Epileptische Wuhlgarten bei Biesdorf“ unter der Regie des Stadtbaudirektors Hermann Blankenstein (1829-1910). Errichtet wurde sie im Stil einer frühchristlichen Basilika. Einst bot sie bis zu 500 Menschen Platz. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwer beschädigt. Statt es aber wieder aufzubauen, nutzte man es als Lager. Einige Elemente des Hauses wurden für den Wiederaufbau des Wilhelm-Griesinger-Krankenhauses benutzt. Nach dem Fall der Mauer begann zunächst die bauliche Sicherung der Ruine, die 1989 in die Liste der geschützten Denkmale eingetragen wurde. „Für mich und viele einstige Kollegen war klar: Mit der Kirche muss man was machen“, erinnert sich Detlev Strauß.

Führungen und Gottesdienst zum Tag des offenen Denkmals

Wer selbst einen Blick in die Kirche werfen will, hat am Wochenende die Gelegenheit. Am 8. September wird um 19 Uhr die Ausstellung „20 Jahre Kunst in der Krankenhauskirche im Wuhlgarten 1997-2017“ eröffnet. Im Rahmen des Tag des offenen Denkmals gibt es am 9. September um 14 Uhr eine Führung durch das Krankenhausgelände, die Kirche ist von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Am 10. September steht die Kirche von 11 bis 18 Uhr offen. Um 10 Uhr ist ein Gottesdienst geplant, um 11 Uhr eine Führung über das Krankenhausgelände, um 18 Uhr steht ein Cello- und Harfe-Konzert auf dem Programm.

Tag des offenen Denkmals – drei weitere Tipps

Bauhaus in Kaulsdorf: Fünf Jahre haben Peter K. Bachmann und Ute Linz investiert, um Haus Dittmar wieder im alten Glanze erstrahlen zu lassen. Es war 1932 in Anlehnung an den Bauhausstil errichtet worden. Am 9. September werden zwischen 13 und 17 Uhr stündlich Führungen angeboten. Anmeldungen bis 8. September unter linz-bachmann@online.de erbeten. Adresse: Am Baltenring 25, 12621 Berlin.

Einst die modernste Klinik Deutschlands: Wo sich heute die Katholische Hochschule für Sozialwesen befindet, hatte einst eines der modernsten Krankenhäuser Deutschlands seine Heimstatt: Das St.-Antonius-Hospital eröffnete 1930 in Karlshorst. Am Sonnabend wird um 10 Uhr eine Führung angeboten. Treffpunkt ist der Haupteingang, Köpenicker Allee 39-57, 10318 Berlin.

Legendäres Ausflugslokal: Die einstige Gaststätte Riviera war einst ein legendäres Ausflugslokal an der Dahme. Nach dem Fall der Mauer verfielt die Anlage. Nun wird sie Bestandteil einer Seniorenwohnanlage. Am Sonntag können Besucher die verbliebenen Reste des Riviera von 10 bis 18 Uhr anschauen und sich über die Zukunft des Areals informieren (Achtung: keine Innenbesichtigung!). Ort: Regattastr. 161 und 167, 12527 Berlin.

Weitere Informationen und alle Adressen:

Tag des offenen Denkmals Berlin 2017

 

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