Zum 14. Mal befragten Schüler die Politiker im Rathaus

Kinder an die Macht

23.11.2017, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich

Hellersdorf. Kinder an die Macht: Vertreter des Schülerparlaments der Pusteblume-Grundschule kamen am Montag, 20. November, ins Rathaus in der „Hellen Mitte“. In einer Kinderversammlung debattierten sie mit den Stadträten und der Bürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf. Sie hatten sich gründlich vorbereitet, um die Probleme, die sie beschäftigen, auf den Tisch zu packen.

Der Termin war nicht zufällig gewählt, denn an diesem Tag fand der bundesweite Aktionstag „Kinderrechte“ statt. Am 20. November 1989 hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Kinderrechtskonvention verabschiedet, das wichtigste internationale Menschenrechtsinstrumentarium für Kinder. Sie gehört zu den neun internationalen Menschenrechtsverträgen. International gilt der Tag als Weltkindertag, Deutschland hat allerdings den 20. September als Kindertag festgelegt. Bis auf Somalia und die USA haben alle Mitgliedsstaaten der Uno das Übereinkommen ratifiziert.

Privatsphäre anerkennen

Wie gut sich die Schüler auskennen, zeigte ein Animationsfilm, den sie selbst produziert hatten. Darin ging es um einige Artikel der Kinderrechtskonvention wie den Artikel 2, der vorschreibt, dass Kinder nicht diskriminiert werden dürfen, oder Artikel 22, in dem die Rechte von Flüchtlingskindern festgeschrieben sind. Gemurmel im Saal, als es um Artikel 16 ging: der Schutz der Privatsphäre und der Ehre. Da musste sich wohl am Abend so mancher Erziehungsberechtigte einen Vortrag anhören, wenn das Handy konfisziert werden sollte zwecks Überprüfung der umfangreichen Kommunikation. Aber auch bei den anderen Beispielen hörten die Kinder genau zu. Artikel 18 bekräftigt den Grundsatz, dass beide Elternteile gemeinsam für die Erziehung und Entwicklung des Kindes verantwortlich sind. Artikel 33 betrifft den Schutz vor Suchtstoffen. Artikel 31 bestätigt das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen.

Kinderrechte ins Grundgesetz?

Die Kinder hatten auch Fragen an die anwesenden Politiker vorbereitet. Braucht man besondere Kinderrechte? Ja, betonte Bürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke), denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Und Stadtrat Thomas Braun (AfD), zuständig für Bürgerdienste und Wohnen, ergänzte, dass erst spät erkannt wurde, dass Kinder besondere Bedürfnisse haben. Sollten die Kinderrechte ins Grundgesetz? Dagmar Pohle meinte ja, Thomas Braun stimmte ebenfalls zu, wollte aber noch spezielle Regelungen.

„Ich bin neun und kenne mich aus“

Um die Frage eines neuen Wahlalters – 14 Jahre für Kommunalwahlen und 16 Jahre für Bundestagswahlen – entspann sich ein Disput. Könne sie sich langfristig vorstellen, formulierte Bürgermeisterin Pohle vorsichtig. Allerdings müsse sichergestellt sein, dass auch die Kinder in der Lage sind, selbstständig zu entscheiden. Stadtrat Braun und Stadtrat Johannes Martin (CDU), zuständig für Wirtschaft, Straßen und Grünflächen, betonten, dass zum Wählen eine gewisse Lebenserfahrung vonnöten sei und die hätte ein Vierzehnjähriger eben noch nicht. Das konnte eine der Schülerinnen nicht auf sich sitzen lassen. „Ich bin neun und kenne mich schon gut mit Politik aus. Ich habe auch an den U18-Wahlen teilgenommen.“ Andere Kinder trauten sich das nicht zu, sie fanden 18 Jahre zum Wählen richtig.

Auch selbst aktiv werden

Die Kinder gaben dann den Politikern einige Aufgaben vor mit Fragen, ob sie diese als wichtig für die Kinder- und Jugendpolitik ansehen: Bekämpfung der Kinderarmut? Natürlich. Gleiche Bildungschancen? Aber ja. Höhere Geburtenrate ja oder nein? Hmm … Stadtrat Braun machte eine längere Ausführung zu Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um dann als Fazit zu formulieren: Kinder sollte man bekommen können, ohne arm zu werden. Für Dagmar Pohle stand die Selbstbestimmung der Frau an erster Stelle.

Alle Kinderrechte in Marzahn-Hellersdorf verwirklicht? Die Antwort „Ja“ wurde gleich etwas relativiert. Naja, es gäbe noch Verbesserungsbedarf, beispielsweise bei den Spielplätzen. Und bei der Umsetzung der Kinderrechte sollten natürlich auch die Mädchen und Jungen mit einbezogen werden. Die Bürgermeisterin erinnerte an das Kinder- und Jugendparlament mit Vertretern aus allen Schulen, das schon mal gut im Bezirk gearbeitet habe. Dessen Mitglieder wurden aber erwachsen – und es gab keine nachrückende Generation. Deshalb ermutigte sie die versammelten Kinder, diese Form der Demokratieausübung wiederzubeleben. Stadtrat Martin schob nach: „Die Initiative muss von Euch kommen, Ihr müsst da Zeit und Arbeit investieren.“

Wie wichtig sind drei Mahlzeiten am Tag?

Wenn man schon mal die Politiker aus dem Rathaus vor sich hat, kann man doch auch gleich mal auf einige Probleme aufmerksam machen, dachten sich die Kids. Zu den Themen Lebensbedingungen und Gesundheit hatten sie Fragebögen verteilt, die mit interessanten Antworten zurückkamen. Sehr wichtig waren den Schülern drei Mahlzeiten am Tag, altersgerechtes Spielzeug, ein Internetanschluss und eigene neue Kleidung. Auf die Frage: Bekomme ich das?, waren bei drei Mahlzeiten am Tag und der neuen Kleidung aber auch einige Nein zu sehen.

Es ging auch um gefährliche Straßen, um zu wenig altersgerechte Spielplätze und um ältere Leute, die „nerven“, wenn Kinder spielen. Mit dem Thema altersgerechte Spielmöglichkeiten hatten sie sich auch am Bürgerhaushalt 2018/19 in Marzahn-Hellersdorf beteiligt. Eine Seilbahn, Brunnen, Bänke, ein Parcours, aber auch viel Natur – das wäre toll auf einem Spielplatz für Kinder, die für eine Wippe zu alt und für den Jugendklub zu jung sind. So wie sie, die so genannten „Lückekinder“ zwischen 9 und 12 Jahren. Stadtrat Martin hörte aufmerksam zu und machte sich Notizen. Dagmar Pohle verwies auf den Kienberg und den Jelena-Santic-Friedenspark, wo es nach der IGA Berlin 2017 doch interessante Angebote gäbe.

Weniger Hausaufgaben!

Das Thema Schule ließ die langsam nachlassende Konzentration im Saal wieder etwas anwachsen. Das Plakat mit den Problemen dazu war dicht beschrieben: Weniger Hausaufgaben! Weniger Tests, mehr Vorträge! Mehr Arbeitsgemeinschaften im Hort! Alle Kinder gleich behandeln! Da die Pusteblume-Grundschule derzeit saniert wird, gibt es verschiedene Standorte für die Klassen. Das macht die Mittagsversorgung schwierig, oft müssten die Schüler im Klassenzimmer essen und schmecken tue es auch nicht immer.

Mehr für die Jugendclubs werben

Ein Thema war auch „Ich und meine Zukunft – wo sehe ich mich in 25 Jahren?“ Sängerin, Polizist, Marathonläufer waren einige der Berufswünsche. Ein Haus und Familie stand auch ganz oben auf der Wunschliste und viel Geld besitzen oder zumindest keine Geldsorgen haben.

Christian und Dustin, zwei Gymnasiasten vom Bezirksschülerausschuss, sprachen ein Problem an, das offensichtlich noch niemand auf dem Schirm hatte: Jugendklubs gelten unter Jugendlichen als uncool, „da sitzen nur Hartz-IV-er und Arme“. Sie forderten eine Imagekampagne, damit wieder mehr Jugendlichen hingingen und auch die Schulen die Angebote besser nutzen. Sie forderten auch Sozialarbeiten für die Gymnasien. Die Schüler dort stünden unter einem hohen Druck und bräuchten dringend Ansprechpartner. Auch eine Ausweitung der Drogenpräventionsarbeit in der Oberstufe sei notwendig.

In einigen Monaten wird nachgefragt

Nach gut 100 Minuten war die Kinderversammlung beendet. Es war die inzwischen 14., mit einer vierjährigen Unterbrechung, wie Ina Herbell vom Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro Marzahn-Hellersdorf erzählte. Es sei nicht so leicht, Schulen zu finden, die mitmachen und sich entsprechend vorbereiten würden. Dabei wäre es durchaus lohnend, denn das Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro fragt in ein paar Monaten noch mal nach, was aus Zusagen der Politiker geworden ist.

Bei anderen Aktionen des Büros hingegen ist die Beteiligung reger. Zwölf Kindergruppen aus dem Bezirk bewarben sich in diesem Jahr beim Jugend-Demokratiefonds mit eigenen Projektideen. Eine Kinderjury wählte sechs Projekte aus, die aus einem 7.000-Euro-Fonds gefördert wurden. Damit werden nun Schulen und Klubs verschönert und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft geben Deutschunterricht.

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden