Zwischen Stadt und Land (16)

Kennzeichen mit Effekt

25.03.2018, Marcel Gäding

Autokennzeichen mit Initialen des Fahrers. Foto: Marcel Gäding
Autokennzeichen mit Initialen des Fahrers. Foto: Marcel Gäding

Ossis hat man früher am Kennzeichen erkannt. Als die Mauer fiel, mussten Weißenseer oder Lichtenberger ihr mit „I“ beginnendes Nummernschild gegen die „B“-Variante tauschen. Wer nicht gleich wegen seines Trabants oder Wartburgs eindeutig zuzuordnen war, wurde spätestens über die dann folgende Buchstabenkombination seines Kennzeichens verraten. Kamen nach dem „B“ ein „P“ oder „K“, war klar, aus welchem Teil der Stadt der Fahrer oder die Fahrerin kam. Wie verräterisch.

Lange vor dieser Zeit gab es auf dem Dorf, auf dem der Autor dieser Zeilen aufwuchs, einen aus damaliger Sicht merkwürdigen Menschen. Ingo hat nicht alle Tassen im Schrank, erzählte man sich. Gerade die Brandenburger sind sehr direkt, wenn sie von Menschen umgeben werden, die von irgendwelchen „Normen“ abweichen. Während alle anderen Halbwüchsigen heimlich rauchten oder sich nachts Mutproben lieferten, in dem sie über die Transitautobahn rannten, führte Ingo ein Leben in seiner eigenen Welt. Die bestand unter anderem darin, sich von jedem aus dem Dorf das Autokennzeichen zu merken. Wenn uns die Langeweile packte und wir Ingo vorm Konsum trafen, fragten wir die Buchstaben- und Nummernkombinationen ab. Natürlich hätte er uns was vom Pferd erzählen können, weshalb wir seine Informationen prüften. Ingo hielt dem Faktencheck stand. Mag er in unseren pubertierenden Augen noch so komisch gewesen sein – für dieses Wissen bewunderten wir ihn. Immerhin wohnten bei uns mehr als 1.000 Menschen.

Umzug, Ummeldung, Wunschkennzeichen

Kurz nach unserem Umzug aufs Land mussten wir vor fast drei Jahren auf die Kfz-Zulassungsstelle, unser Auto ummelden. Neuerdings kann man das Bouletten-B am Auto behalten. Wir aber wollten, dass auch an unseren Stoßstangen eindeutig abzulesen ist, dass wir wohnorttechnisch die Großstadt hinter uns gelassen haben. Bei der Gelegenheit ließen wir uns gleich ein Wunschkennzeichen anfertigen. Gegen einen kleinen Aufpreis wurden uns die Anfangsbuchstaben unserer Vornamen aufs Blech gepresst, die zufällig auch die Initialen des Zeilenschinders ergaben.

Hier auf dem Dorf machen das alle so: Man erkennt seine Pferde am Galopp – pardon, am Kennzeichen. Kommt uns auf der Landstraße jemand Bekanntes entgegen, grüßen wir freundlich. Mit Argusaugen geht unser Blick stets auf das Kennzeichen, denn oft sind Fahrerin oder Fahrer hinter der Windschutzscheibe je nach Sonnenstand nur schlecht zu identifizieren. Und so machen wir den Grüßaugust, heben zwischen unserem Dorf und unserem hübschen Storkow oft die Hand.

Achtung, Verwechslungsgefahr!

Neulich hatte ein Kamerad von der Feuerwehr eine Reifenpanne. Anhand seines Kennzeichens erkannten wir ihn gleich. Die angebotene Hilfe lehnte er mit Verweis auf das bereits gewechselte Rad dankend ab. Manchmal grüßen uns aber auch Leute, die wir nicht zuordnen können. Ein Freund aus dem Nachbardorf brachte Licht ins Dunkel: „Dein Auto und Dein Kennzeichen ähneln sehr denen einer Frau aus unserem Ort!“

Hier und da sind Kennzeichen am Auto aber auch verhängnisvoll. Einer der wenigen bei uns, die nicht auf diesen Initialen-Quatsch am eigenen Fahrzeug stehen, fährt einen Transporter. „LOS-RD….“ ist auf den Stoßstangen zu lesen. Viele Rettungsfahrzeuge benutzen die Abkürzung „RD“ allerdings ebenfalls (steht für Rettungsdienst). Vor einiger Zeit ist einer dieser Rettungswagen in hohem Tempo auf dem Weg zum Einsatz gewesen – und geblitzt worden. Ein vermutlich völlig übermüdeter Sachbearbeiter bekam das Foto auf den Tisch, ohne sich die Mühe zu machen, die hinter LOS-RD stehenden Zahlen richtig abzulesen. Dank eines kleinen Zahlendrehers erhielt der Fahrer des Transporters einen Bußgeldbescheid. Dumm gelaufen.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie drei Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Weil das Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln eine reine Katastrophe ist, fährt er fast ausschließlich Auto.

 

Lesen Sie auch die bisherigen Kolumnen:

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden