Hoffnungsgeschichten aus 20 Jahren Arche

Keine verlorenen Kinder

02.09.2015, Linna Schererz

Fotos: Volkmar Eltzel, Klaus Tessmann (2)

Hellersdorf/ Deutschland. Kinder haben ihre Träume aufgeschrieben. Kosmonaut will eines werden, ein anderes mal einen Kiosk besitzen, ein Mädchen strebt eine Karriere als Topmodel an, ein weiteres denkt an eine Villa. Es sind ganz normale Kinderwünsche. Doch ob sie in Erfüllung gehen? Die Jungen und Mädchen stammen aus armen Familien, viele Eltern sind mit ihrem eigenen Leben überfordert, manche haben aufgegeben, kümmern sich kaum um ihre Kinder, weil sie selbst keinen Halt mehr haben. Deshalb findet man auch solche Notizen: „Ich wünsche mir, dass Mama und Papa wieder arbeiten gehen.“ „Ich wünsche mir, dass es keine Konflikte in der Familie gibt.“ „Ich wünsche mir, dass wir nicht so wenig Geld haben.“ „Dass meine Verwandten aus der Türkei heil in Deutschland ankommen und mein Onkel vor der türkischen Mafia geschützt wird.“

Aufgeschrieben wurden die Kinderwünsche in den Archen Deutschlands, Einrichtungen des christlichen Kinderhilfswerks. Insgesamt 21 Archen, davon vier Standorte mit Schulbetreuung gibt es derzeit. Nicht nur in Deutschland, sondern inzwischen auch in Polen und in der Schweiz. Deren Rezept: Ein warmes Essen und ganz viel Liebe. Genau so lautet auch der Titel des jüngsten Buches von Arche-Gründer Pastor Bernd Siggelkow und dem Journalisten Wolfgang Büscher, unterschrieben mit „Hoffnungsgeschichten aus 20 Jahren Arche“. Der 223 Seiten starke Band ist vor einigen Wochen im adeo Verlag erschienen und das passende Geschenk zum 20. Jubiläum der „Arche“. Der Verein „Die Arche – Christliches Kinder- und Jugendwerk e.V.“ wurde am 25. November 1995 gegründet.

Jenseits der Sonnenseite
Der aus Norddeutschland stammende Siggelkow begann sich vor mehr als 20 Jahren in Hellersdorf um Kinder zu kümmern, die nicht auf der Sonnenseite der Gesellschaft leben – aus Zusammenkünften in der Siggelkowschen Familienwohnung entwickelte sich das Hilfswerk, das 1995 die erste „Arche“ in Hellersdorf, heute Stammhaus der Einrichtungen, begründete. Damals war das im Bezirk nicht unumstritten. Denn anders als in anderen Einrichtungen gab es dort für die Kinder, die keine Bedürftigkeit nachweisen mussten, eine kostenlose warme Mahlzeit ohne jegliche Gegenleistung. Gebetet wurde auch. Nur anfangs steuerte der Bezirk bescheidene Mittel für die „Arche“ bei, seit vielen Jahren finanziert diese sich lediglich aus Spenden und Sponsorengeldern. Auch durch eine professionelle Werbung macht diese auf sich aufmerksam, gewann Stars und andere Prominente als Unterstützer. So sind beispielsweise der Fußball-Nationalspieler Lukas Podolski, die Fernsehmoderatorin Bettina Cramer, der Musikproduzent Dieter Falk, der Komiker Mario Barth sowie die Schauspieler Susan Sideropolis und Erdogan Atalay Arche-Botschafter. Längst gibt es in den Archen nicht nur kostenlose warme Mahlzeiten und Freizeitbetreuung, sondern auch Hausaufgabenhilfe und Ferienfahrten. Sogar Schulen, in denen Kinder aus sozial schwachen Familien besonders gefördert werden, wurden gemeinsam mit Kooperationspartnern eingerichtet, nicht nur im Ursprungsgebiet Hellersdorf.

Prägende Erfahrungen
Siggelkow, verheiratet und Vater von sechs Kindern, geehrt mit dem Bundesverdienstkreuz und anderen Auszeichnungen, bestärkt sein Glaube an seinem Einsatz für die „Arche“. Über die Heilsarmee war er als 16-Jähriger zum Christentum gekommen. Doch auch aus seiner eigenen Geschichte rührt sein Grundsatz „und ganz viel Liebe“ her. Denn, so ist aus dem Buch zu erfahren, die vermisste er selbst in seiner Kindheit. Die Mutter hatte die Familie verlassen, als er sechs Jahre alt war, ein Trauma für einen kleinen Jungen. Zumal der Vater mit dem wirtschaftlichen Überleben gefordert und auch manchmal überfordert war. Was es heißt, wenn Eltern sich nicht oder kaum um ihre Kinder kümmern können oder wollen, hat der ausgebildete Kaufmann, der später Pastor der Evangelischen Freikirche wurde, selbst erfahren. Das prägt.

Einsatz gegen Rechts
Deshalb ist er glücklich, wenn er Hoffnungsgeschichten aus der „Arche“ erzählen kann. Wie jene von Tim aus Düsseldorf, der bei einem Ausflug mit Arche-Mitarbeitern erstmals das Meer, die Ostsee, sah und nun davon träumt, später dort selbst mal bei einer „Arche“ zu arbeiten. Oder die von Steve aus Hellersdorf, der aufgrund schlechter Leistungen in eine Förderschule abgeschoben werden sollte, nach Unterstützung durch die Arche-Mitarbeiter dann seine Lese-Rechtschreib-Schwäche überwand und in einer „normalen“ Grundschule jetzt recht gut mitkommt. Oder die Wandlung von „Katze“ (32), der aus der Nazi-Szene ausstieg und heute in der Hellersdorfer Arche als „Mädchen für alles“ wirkt. Sogar ein Seminar hat er inzwischen veranstaltet – für Jugendliche, die für rechtes Gedankengut anfällig sind. Siggelkow, der Neonazis entschieden entgegentritt, zum Beispiel als diese die „Arche“ für ihre Propaganda missbrauchen wollten LiMa+ berichtete bewegt, warum gerade so viele junge Menschen aus Marzahn und Hellersdorf gegen Flüchtlingsheime demonstrieren. „Fast alle dieser jungen Menschen kommen aus bildungsfernen Familien und sehen in den Flüchtlingen Konkurrenten um einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz“, schreibt er. Sie wüssten nicht, woher diese Menschen im Heim kommen und was sie durchgemacht hätten, denn keiner dieser überwiegend jungen Männer lese Zeitungen mit Hintergrundberichten oder schaue sich Nachrichtensendungen an. „Sie brüllen die Parolen nach, die ihnen von anderen vorgegeben werden, sie bewundern es, das die Rädelsführer sich nicht den Mund verbieten lassen, und sie finden den martialischen Kleidungsstil der Rechten cool.“

Missstände angeprangert
Siggelkow kritisiert: „Die Gründe für diese Entwicklungen sind seit Jahren bekannt. Warum gelingt es Politik und Gesellschaft dann immer noch nicht, diesen jungen Menschen eine Alternative zu bieten? Im Gegenteil: Mit der Pegida-Bewegung bietet sich den Rechten jetzt noch eine weitere Plattform, regelmäßig in der Öffentlichkeit aufzulaufen und ihre Ideen zu verbreiten.“
Dass es weniger „verlorene Kinder“ gibt, dass auch Jungen und Mädchen aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien künftig ein glückliches,ausgefülltes Leben führen können, ist für Siggelkow eine Herzensangelegenheit. Die Missstände prangert er bei vielen Gelegenheiten an – ob in Talkshows, Diskussionsrunden oder auch ein wenig spektakulär mit einer Aufsehen erregenden Quadtour in diesem Sommer durch ganz Deutschland.

Ein warmes Essen und ganz viel Liebe. Hoffnungsgeschichten aus 20 Jahren Arche. Bernd Siggelkow/Wolfgang Büscher. adeo Verlag. ISBN: 978-3-86334-043-8, 16,99 Euro.

 

 

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