Kommt der Milieuschutz in der Victoriastadt zu spät?

Kaskelkiez – „Das war sein Milljöh“

10.05.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1-2, 4-7), Birgitt Eltzel (3). Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Rummelsburg: Das hätte Vater Zille (1858-1929) sicher erstaunt. Das Bezirksamt Lichtenberg hat im April Maßnahmen beschlossen, die das Milieu seines Kiezes bewahren sollen. „Soziale Erhaltungsverordnung“ heißt das angestrebte Schriftstück auf Verwaltungsdeutsch. Der Grafiker, Maler und Fotograf Heinrich Zille wohnte und lebte zwischen 1884 und 1892 u.a. in der Pfarrstraße (damals Schillerstraße), am Tuchollaplatz (damals Victoriaplatz), sowie ganz in der Nähe in der heutigen Nöldner- und in der Fischerstraße). „Das war sein Milljöh“, so der Titel des weithin bekannten Liedes mit dem Text von Marlene-Dietrich. Der von den Berlinern liebevoll „Pinselheinrich“ genannte Zeichner nahm das Milieu auf Hinterhöfen, Straßen und Plätzen in unzähligen Bildern auf die sprichwörtliche Schippe. Sein feiner Humor richtete sich dabei gegen die sozialen Missstände, nicht gegen die karikierten Bewohner, die hier in ärmlichen Verhältnissen lebten. Zille war einer von ihnen.

 

 

Mit dem Milieu zu Zilles Zeiten hat der Kaskelkiez, auch Victoriastadt genannt, heute allerdings nur noch wenig gemein. 86 Prozent der Häuser sind in einem gut-durchschnittlichen bis luxuriösen Zustand. In dem Gebiet zwischen dem S-Bahnhof Nöldnerplatz im Osten, der Hauffstraße im Norden, der Marktstraße im Westen und der Türrschmidtstraße im Süden, das an allen Seiten von Bahngleisen umschlossen ist, lebt es sich gut. – Wenn man das nötige „Kleingeld“ hat. Viele kleine Geschäfte und die schnelle Erreichbarkeit der Innenstadt sind nur zwei Vorzüge.

Einkommensschwache verdrängt

Ein vom Bezirk 2016 in Auftrag gegebenes Gutachten zur Prüfung der Sinnhaftigkeit einer Sozialen Erhaltungsverordnung kam zu dem Schluss, dass sich die „demografische und soziale Struktur des Gebietes Kaskelstraße“ in einem „Veränderungsprozess zu jüngeren und einkommensstärkeren Haushalten“ befindet. Im Umkehrschluss heißt das: Ältere und einkommensschwächere Einwohner werden aus dem Kiez verdrängt. Von den 3.705 Einwohnern (Stand 2016) sind schon jetzt knapp 47 Prozent im Alter zwischen 27 und 45 Jahren (im Vergleich Lichtenberg gesamt: 29, Berlin: 28 Prozent). Weitere Aufwertungs- und Verdrängungspotenziale seien vorhanden, heißt es in der Studie.

69 Prozent im Kaskelkiez in Privatbesitz

Die sogenannte Gentrifizierung erfolgt meist über erhöhte Mieten nach Modernisierungsmaßnahmen in den Wohnungen und Gebäuden. Im Quartier rings um die Kaskelstraße, das laut Berliner Mietspiegel von 2015, als einfache Wohnlage einzuordnen ist, werden die vergleichbaren Mietpreise bereits heute um zehn Prozent überschritten. Die durchschnittliche Nettokaltmiete stieg von 5,14 Euro je Quadratmeter im Jahr 2011 auf 6,52 Euro Ende 2016 (im Vergleich 2015 Weitlingstraße: 6,24 Euro). Die Einflussmöglichkeiten der Verwaltung auf die Miethöhen sind begrenzt, denn 69 Prozent der Wohnungen gehören Privateigentümern, nur 26 Prozent sind in der Hand städtischer Wohnungsunternehmen.

Milieuschutz auch für Nachbarkieze?

Knapp die Hälfte aller Wohnungen befindet sich in energetisch modernisierten Gebäuden. Da 98 Prozent der Unterkünfte bereits über einen hohen Ausstattungsstandard verfügen (z.B. Dusche, Bad, Zentralheizung), werden immer häufiger graduelle Verbesserungen vorgenommen. So haben elf Prozent der Quartiere eine Zweittoilette, 60 Prozent verfügen über einen Balkon oder eine Terrasse und in der Hälfte aller Wohnungen liegt Parkett oder es gibt abgezogene Dielen. 17 Prozent der Gebäude wurden inzwischen mit Aufzügen versehen.

Bürgermeister Michael Grunst (Die Linke) sagt, der Milieuschutz im Kaskelkiez käme zehn Jahre zu spät. „Inzwischen hat dort ein Bevölkerungsaustausch stattgefunden.“ Milieuschutzsatzungen müssten gerichtsfest sein, weil sie die Eigentümer z.B. bei Sanierungsmaßnahmen stark einschränken würden. Die Fraktion seiner Partei in der Bezirksverordnetenversammlung vertrat in einer Presserklärung Mitte April den Standpunkt, dass jetzt der benachbarte Weitlingkiez und das Gebiet Frankfurter Allee Nord vorsorglich unter Milieuschutz zu stellen wären, um Entwicklungen zu verhindern, die im Kaskelkiez bereits gelaufen seien.

Lichtenbergs Stadträtin für Stadtentwicklung, Birgit Monteiro (SPD), erklärte hingegen: „Das Gutachten weist nach, dass sich das Milieu im Kaskelkiez derzeitig wandelt und ohne unser Eingreifen weitere Verdrängungen zu erwarten wären.“ Dies sei der wesentliche Unterschied zum Weitlingkiez und der Frankfurter Allee Nord. Denn dort sei das Milieu relativ stabil. Erfahrungsgemäß führten besonders die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen zur Verdrängung. „Mit der Milieuschutzsatzung ist diese Umwandlung nur noch in wenigen Ausnahmefällen möglich“, sagte die Stadträtin. Luxussanierungen dürften künftig nicht mehr genehmigt werden. Gegen die allgemeine Mietpreisentwicklung sowie dauerhafte Kostensteigerungen durch die Modernisierungsumlage könne man auf Bezirksebene jedoch nicht vorgehen. „Hier sind Landes- und Bundesregierung gefragt…“, so Monteiro.

 

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