Vor 100 Jahren landeten Luftschiffe und Flugzeuge:

Karlshorsts vergessener Flughafen

31.07.2017, Marcel Gäding

Blick auf die Ruinen der einstigen Flugzeughallen in Karlshorst. Fotos: Marcel Gäding

Karlshorst. Als Wolfgang Schneider vor 13 Jahren die Fenster seines alten Hauses sanierte, machte er eine interessante Entdeckung: In einem der alten Holzrahmen fand er einen Lieferschein, auf dem als Adresse „Am Flugplatz, Parzelle 57“ eingetragen war. Schneider, damals noch als Lehrer tätig, packte die Neugier – und begann zu recherchieren. Ein Flugplatz in Karlshorst? Das war ihm neu. Und so hat der geschichtsinteressierte Rentner über die Jahre Fotos, Postkarten und Zeitungsberichte wie Puzzlestücke zusammengetragen, die bis zum 3. September im Kulturhaus Karlshorst zu sehen sind. Sie erzählen pünktlich zum 100. Jahrestag der Eröffnung die Geschichte eines vergessenen Flughafens, der in einer rekordverdächtigen Zeit gebaut, genauso schnell aber wieder geschlossen wurde.

Reste des alten Flughafens, der einst zur Gemarkung Biesdorf zählte, muss man nicht lange suchen: An der Köpenicker Allee ragen noch die Kuppeln der Flugzeughallen in den Himmel. Doch die denkmalgeschützten Gebäude sind in einem erbärmlichen Zustand. Mauern, Zäune und Stacheldraht versperren Neugierigen den Weg auf das Areal. Viel mehr als die Kuppelhallen ist nicht übrig von jenem Flughafen, der in der Zeit des Ersten Weltkrieges zunächst als Produktionsstandort für Luftschiffe, später vom Militär als Ausbildungsbasis für Luftbildfotografen genutzt wurde. Auf großen Teilen des einstigen Flughafens stehen seit Jahrzehnten Kleingartenanlagen.

Großes Interesse bei den Karlshorstern

Nur wenige Anwohner wissen jedoch, was es mit den alten Kuppel-Gebäuden nebenan auf sich hat. So ging es anfangs auch Wolfgang Schneider, der seit 1957 in Karlshorst lebt. Für ihn war das Areal, das nach 1945 vom sowjetischen Militär okkupiert wurde, tabu. Jener Fund im Jahr 2004 weckte dann die Neugier. Und nicht nur bei ihm. Als der Hobbyhistoriker kürzlich einen Vortrag über die Geschichte des Areals hielt, war der Saal im Kulturhaus Karlshorst nicht nur bis auf den letzten Platz besetzt. Es mussten auch viele Interessierte nach Hause geschickt werden. Für sie hat Wolfgang Schneider sein Referat am darauffolgenden Tag gehalten. „Ich gehe davon aus, dass darunter viele Hinzugezogene sind, die sich für die Geschichte ihres neuen Wohnortes interessieren.“

Seit fünf Jahren engagiert sich Wolfgang Schneider bei den Geschichtsfreunden Karlshorst, einem Zusammenschluss unter dem Dach des Kulturrings. Ein kleiner Kreis erforscht hochprofessionell die Geschichte des südlichsten Lichtenberger Ortsteils, gibt Bücher heraus, organisiert Ausstellungen und Vorträge. So war es auch kein Zufall, dass Schneiders Suche nach Informationen über den einstigen Flughafen bei den Geschichtsfreunden begann. Dort wusste man zwar, wo man nachforschen kann. Zeit dafür hatte aber niemand. Umso besser, dass Wolfgang Schneider das übernahm. Er wandte sich ans Landesarchiv, an das Archiv von Siemens und auch nach München an die Firma Rank, die einst großen Anteil am Bau der heute noch vorhandenen Flugzeughallen hatte. So viel ist jedenfalls sicher: Die Arbeit Schneiders hat sich gelohnt.

Mit Graf von Zeppelin über Karlshorst

Wilhelm von Siemens, der Sohn des bedeutenden Werner von Siemens, war einst neben derer von Treskow Besitzer des weitläufigen Areals. Weil Luftschiffe seinerzeit vor allem für den militärischen Einsatz gefragt waren, wandte sich der preußische Generaloberst Helmuth von Moltke (1848-1916) 1907 an Siemens mit der Bitte, sich bei der Produktion von Motorluftschiffen zu engagieren. Siemens ließ daraufhin vom Architekten Karl Janisch, dem Erbauer von Siemensstadt, eine drehbare Luftschiffhalle bauen – die erste ihrer Art weltweit. 1909 begann der Bau jener Halle, die 135 Meter lang, 25 Meter hoch und 25 Meter breit war. Je nach dem, wie der Wind stand, konnte die Halle so positioniert werden, dass ein- und ausfahrende Luftschiffe nicht durch Windböen beschädigt wurden. Denn genau das war das Problem der einst von Ferdinand Graf von Zeppelin konstruierten Luftschiffe. Ihr Korpus bestand aus Aluminium, das sich bei jeder kleinsten Kollision verbog. Bei den von den Siemens-Schuckert-Werken gebauten Luftschiffen jedoch setzte man auf eine Gummi-Konstruktion. 1911 ging das erste Exemplar auf eine Fahrt über den Dächern von Karlshorst. Wolfgang Schneider hat ein Foto aufgetrieben, auf dem jenes Luftschiff am Roten Rathaus vorbeifährt. Die längste Strecke, die es zurücklegte, betrug 270 Kilometer ins thüringische Gotha. Flugzeit: 6 Stunden und 53 Minuten. Nach einem Umbau galt das Luftschiff als das schnellste seiner Art weltweit. 1912 nahm sogar der legendäre Zeppelin Platz in der Kabine. Dabei kam es zu einem Unfall, den alle glimpflich überstanden. Weil aber die Bedienung der Luftschiffe auf lange Sicht für die Angehörigen des Militärs zu kompliziert war, stellte man das Projekt 1912 ein, das Gelände wurde vom Militär weiter genutzt.

Flugbetrieb hielt nur vier Jahre an

Das Ende des Luftschiffhafens war gleichzeitig der Anfang des Flughafens Karlshorst. Bereits seit 1916 landeten auf dem 154 Hektar großen Areal Doppeldecker. Auf Bestreben der Gemeinde Friedrichsfelde, zu der Karlshorst einst gehörte, kaufte man das Gelände und verpachtete es an die Militärverwaltung. Ab Herbst 1917 montierte man dort Flugzeuge und bildete Soldaten für die Luftbildfotografie aus. Mit Ende des Ersten Weltkrieges wurde das Projekt eingestellt. Der Weiterbetrieb erfolgte durch die Sicherheitspolizei. Zudem wurde eine Fliegerstaffel für den Grenzschutz Ost in Karlshorst aufgestellt. Mit neun Flugzeugen versahen die einstigen Militärpiloten nun im Dienst der Polizei ihre Arbeit – bis auf der Grundlage des Versailler Vertrages der Flugbetrieb gänzlich stillgelegt wurde. Nach nur vier Jahren Flugbetrieb dienten die Hallen sodann gewerblichen Mietern. Bis 2002 befand sich dort die Forschungsanstalt für Schiffahrt, Wasser- und Grundbau, die in die heutige Bundesanstalt für Wasserbau aufgegangen ist.

Wolfgang Schneider hofft, dass die noch erhaltenen Flugzeughallen stehen bleiben. Denn ein Immobilienunternehmen hat das Areal erworben und will dort Wohnhäuser bauen. „Wir sind gespannt, wie der Investor mit dem Geschenk, das er bekommt, umgeht“, sagt er.

Die Ausstellung „100 Jahre Flughafen Karlshorst“ ist bis zum 3. September montags bis sonnabends von 11 bis 19 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Ort: Kulturhaus Karlshorst, Treskowallee 112, 10318 Berlin.

Weitere Informationen: www.kulturring.org/geschichtsfreunde-karlshorst/

 

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