Sinti in Karlshorst: Gerettet durch mutige Nachbarn

„Kann nur das beste Zeugnis geben“

30.01.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Lichtenberg. Unter dem Titel „Kann nur das beste Zeugnis geben“ beschäftigt sich eine neue Ausstellung im Museum Lichtenberg mit dem bisher unbekannten Schicksal Karlshorster Sinti-Familien im Nationalsozialismus. Sie ist gleichzeitig ein Zeugnis davon, dass auch in finsterster Zeit Nachbarn Mut und Menschlichkeit bewiesen haben. Die Exposition wurde von der Historikern Barbara Danckwortt, die seit mehr als 30 Jahren zu Sinti und Roma in der NS-Zeit forscht, erarbeitet. Beschränkt sich die Ausstellung über die Karlshorster Sinti noch auf einen Raum innerhalb der Dauerausstellung des Museums, soll eine größere im Sommer folgen. Diese wird dann der Geschichte der Sinti und Roma in ganz Lichtenberg nachgehen. Die Exposition war am Internationalen Gedenktag anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, 27. Januar, eröffnet worden.

500.000 Sinti und Roma ermordet

Denn zu den Opfern der Rassenideologie und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten gehörten nicht nur rund sechs Millionen Juden, sondern auch annähernd 500.000 Sinti und Roma aus ganz Europa. In Berlin wurde 1936 in Vorbereitung der Olympischen Sommerspiele das sogenannte Zigeuner-Lager in Marzahn eingerichtet, in das die in der Stadt ansässigen Sinti verbracht wurden – die meisten von ihnen fanden in den Vernichtungslagern der Nazis den Tod. Auch viele der in Karlshorst ansässigen Sinti-Familien wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Einige wenige Familien überlebten, weil sich ihre Nachbarn für sie mutig eingesetzt hatten.

Unterschriften und Briefe an die Behörden

Die Karlshorster Sinti stammten aus Familien, die sich um 1900 in Russland als sogenannte Wolgadeutsche angesiedelt hatten und nach der Oktoberrevolution und den folgenden Jahren wegen der stalinistischen Repressionspolitik um 1930 nach Deutschland zurückgekehrt waren. Sie lebten in heute nicht mehr bestehenden Gartenkolonien um die Robert-Siewert-Straße und in Friedrichsfelde, hatten Verwandte in Prenzlauer Berg. Die meisten von ihnen waren Musiker. Weil sie als Wolgadeutsche galten, wurden sie nicht ins „Zigeunerlager Marzahn“ eingewiesen und erhielten sogar von der Reichsmusikkammer eine Sondergenehmigung für die Ausübung ihres Berufs. Ende 1943 aber, auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges, wurden auch Karlshorster Sinti deportiert. Fünf Familien, für die sich mehr als 30 Nachbarn mit einer Unterschriftensammlung und Briefen an die NS-Behörden eingesetzt hatten, konnten jedoch in ihren Lauben bleiben. Weil ihnen danach allerdings eine Zwangssterilisation angedroht wurde, tauchten sie bis zum Kriegsende unter. Einer der Überlebenden war der bekannte Jazzmusiker Alfred Lora, der als Kind unter dem Namen Alfred Freiwald in der Karlshorster Gartensiedlung „Wiesengrund“ aufgewachsen war.

Erinnern heute wichtiger denn je

Erinnern sei heute wichtiger denn je, betonte Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) bei der Eröffnung der Ausstellung. Welche Lehren haben wir gezogen, damit sich die Schrecknisse nicht wiederholen? „Offensichtlich nicht genug“, sagte er anlässlich des Einzuges von Parteien in die Parlamente, die offen rassistisch und menschenverachtend agierten. Auch heute noch würden Sinti und Roma stigmatisiert, der herabsetzende Begriff „Zigeuner“ für diese Menschen gebraucht. „Wie fing es damals an? Nicht gleich mit Vernichtungslagern, sondern es begann mit dem Schüren von Vorurteilen, Wut und Hass, der Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen. “

Namen der Opfer an Wand projiziert

Wie seit vielen Jahren waren vom Abend des 27. Januar an bis zum Morgen des nächsten Tages die an die Wand des Bezirksmuseums projizierten Namen der mehr als 300 jüdischen Menschen aus Lichtenberg zu lesen, die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurden. „Wir werden darüber nachdenken, ob künftig dort auch die Namen anderer Lichtenberger NS-Opfer zu sehen sein werden“, sagte Dr. Thomas Thiele, der Leiter des Museums. Der Auftrag, zur Geschichte der Sinti und Roma während der NS-Zeit in Lichtenberg zu forschen, geht auf einen Beschluss des Bezirksparlaments zurück.

Die Ausstellung „Kann nur das beste Zeugnis geben – Karlshorster Sinti-Familien im Nationalsozialismus“ ist bis zum 29. April im Museum Lichtenberg im Stadthaus zu sehen, Türrschmidtstraße 24. Geöffnet: Di–Fr 11 bis 18 Uhr, So 11 bis 18 Uhr. (Am heutigen 30. Januar ist der Museumsbesuch nur eingeschränkt möglich. Der Dauerausstellungbereich bleibt geschlossen.)

 

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