Das Mies van der Rohe Haus braucht dringend ein Besucherzentrum

Juwel der Moderne ist überlastet

22.07.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Hohenschönhausen. Das Mies van der Rohe Haus am Obersee in Alt-Hohenschönhausen verzeichnet stetig steigende Besucherzahlen. Jährlich kommen rund 18.000 Architektur- und Kulturinteressierte aus aller Welt, darunter viele Reisegruppen, um das 160 Quadratmeter kleine, ebenerdige Haus der klassischen Moderne mit den wandgroßen Fenstern zum Garten und Richtung Obersee zu sehen. Die tragenden Backsteinwände entsprechen in Maß und Proportion der Größe eines Ziegelsteins – nur ein Detail des minimalistischen Herangehens des Architekten Mies van der Rohe und zugleich Ausdruck seines großen bautechnischen Verständnisses. Ein Kleinod mit einer wohl einzigartigen Verbindung von Architektur, Kunst und Natur. Der Eintritt ist kostenlos. Hier finden bedeutende Ausstellungen, Symposien und Vorträge statt.

Zu klein für Büro, Küche und Lager

„Aber der Denk- und Erfahrungsraum stößt mehr und mehr an die räumlichen Grenzen des Machbaren“, sagt die Leiterin des Hauses, Dr. Wita Noack. So wie bisher gehe es nicht weiter. In dem Baudenkmal sind zum Beispiel auch das neun Quadratmeter kleine Büro (für zwei Mitarbeiterinnen), die viel zu kleinen Besuchertoiletten und die Küche untergebracht. Es gibt quasi keinen Lagerraum zur Vorbereitung neuer Ausstellungen und Veranstaltungen. Und es fehlen ein separates Beratungszimmer sowie ein Veranstaltungsraum. Jeder, der neugierig durch die Eingangstür kommt, steht sofort mitten im Haus, ein Empfangstresen ist nicht vorhanden. Besuchergruppen haben keine Sitzmöglichkeiten.

Die Idee von einem neuen Besucherzentrum

Ein zusätzliches Gebäude soll als Besucherzentrum das eigentliche Baudenkmal von institutioneller Überfrachtung befreien, es schonen und zugleich die Potenziale des Kulturortes stärken. „Wir plagen uns schon lange mit dem Gedanken eines zusätzlichen Baus herum und mit der Frage: Kann man das machen, ohne den existenziellen Bezug zwischen innen und außen, Gebäude und Landschaft zu stören“, sagt die Leiterin. Es gab einen langen Diskussionsprozess und einen studentischen Wettbewerb an der Hochschule für Technik in Stuttgart Anfang 2016, bei denen die Studierenden ihrer Fantasie freien Lauf ließen und Ideen entwickelten, was möglich wäre.

Der Berliner Architekt und Vorstand des Fördervereins, Prof. Benedict Tonon, entwickelte für das Vorhaben ein Denkmodell (Foto), das die Anforderungen, Ideen und Wünsche der Betreiberinnen berücksichtigt. Seine Holzminiatur eines möglichen Visitor Centers mutet an wie eine perfekte Ergänzung zum L-förmigen Mies van der Rohe Haus. Hier soll künftig der Haupteingang sein, der zunächst in einen Empfangsbereich mündet. Große Fenster im Durchgang zu weiteren Räumen geben den Blick frei auf das eigentliche Meisterwerk der deutschen Avantgarde-Architektur.

Der Entwurf unterstreiche den Hof und befriede den Raum, meint die promovierte Kulturwissenschaftlerin. „Die Leute sollen den Ort erleben, an dem sie sich mit Kunst und Kultur beschäftigen, wo sie sich wohlfühlen und einen Rückzugsraum finden.“ Natürlich dürfe das neue Haus das alte nicht übertönen. Es müsse sich sozusagen an das Denkmal anschmiegen und zugleich davon unterscheiden.

Auf dem Weg zu einem modernen Museum

„Kunstvermittlung und Museumspädagogik, auch für Lichtenberger und Berliner Schüler, braucht entsprechende Räumlichkeiten außerhalb des Mies van der Rohe Hauses“, sagt Wita Noack. Ein modernes Museum, das seiner Aufgabe gerecht werden wolle, benötige einen Empfang, eine Garderobe, einen Aufenthalts- und einen Vortragsraum, ausreichend Toiletten, ein Café und einen Museumsshop sowie ein Lager im Untergeschoss, um Ausstellungen vorzubereiten. Durch das Besucherzentrum könnte der ehemalige Wirtschaftstrakt des Hauses Lemke, der etwa ein Viertel der Gesamtfläche ausmacht, mit Designmöbeln von Mies van der Rohe gestaltet und für die Besucher zugänglich werden. „Das Ganze würde gewinnen“, so die Leiterin.

Die Geschichte: Vom Wohnhaus zum Baudenkmal

Das markante, mit roten Backsteinziegeln verklinkerte Haus, das der damalige Bauhaus-Direktor, einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts, Mies van der Rohe (1886-1969), als Land- und Wohnhaus für den Druckerei-Unternehmer Karl Lemke und seine Frau Martha entworfen hatte, wurde 1933 fertiggestellt. Es sollte das einzige Wohnhaus bleiben, das Mies van der Rohe verwirklichte. Und es war zugleich sein letztes Projekt, bevor er 1938 in die USA immigrierte. Eigentlich ein bescheidenes Domizil mit nur drei Räumen für zwei Leute. Was nur wenige wissen: Karl Lemke hatte das Doppelgrundstück, Oberseestraße 58-60 erworben, aber nur einen Teil der Fläche auf Nummer 60 bebaut. Sollten einmal schlechte Zeiten kommen, wollte der Druckereibesitzer die andere Grundstückshälfte verkaufen. Dazu ist es aber glücklicherweise nie gekommen. Trotzdem hat das Haus eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Nach Kriegsende 1945 musste das Unternehmerehepaar ausziehen. Das architektonische Schmuckstück wurde von der Roten Armee beschlagnahmt, verkannt und in den Folgejahren als Garage – später von der Stasi als Wäschedepot, Hausmeisterwohnung, Küche und Lager zweckentfremdet. Erst 1977 stellte es der Magistrat von Berlin unter Denkmalschutz. Das Grundstück befindet sich heute im Besitz des Bezirks Lichtenberg, der von 2000 bis 2002 eine denkmalpflegerische Grundinstandsetzung von Haus und Garten nach historischen Unterlagen durchführte. Betrieben wird das öffentlich zugängliche Ensemble vom Verein Freunde und Förderer des Mies van der Rohe Hauses e.V.

Zwei Millionen Euro gesucht

„Natürlich muss es eine offizielle Ausschreibung geben, wenn das Bauvorhaben konkret wird“, sagt Dr. Wita Noack, die das Haus seit 1992 führt. In naher Zukunft rechnet der Förderverein mit noch größerer internationaler Aufmerksamkeit und wesentlich mehr Publikum. Denn 2019 wird das hundertjährige Jubiläum der Gründung des Bauhauses begangen, dessen Direktor in Dessau und Berlin Mies van der Rohe war, als er das Haus Lemke projektierte.

„Wir wollen auch nach außen sichtbarer werden, wollen zeigen, dass ein Besucherzentrum funktional und inhaltlich mit dem Baudenkmal zusammengehört“, erklärt die Leiterin. Das Denkmal sollte vermittelt und erklärt werden, dazu brauche es zusätzlichen Raum. Deshalb müsse auch Neues entstehen dürfen. Anerkannte Experten des Vereins schätzen die Baukosten auf zwei Millionen Euro.

Lichtenbergs Bürgermeister und Stadtrat für Personal, Finanzen, Immobilien und Kultur, Michael Grunst (Die Linke), begrüßt die Initiative des Fördervereins. „Ein Besucherzentrum macht sicher Sinn, muss sich aber dem Denkmal unterordnen. Hier steht die Prüfung noch aus“, sagte er. Ein Neubau bis 2019 sei nicht realistisch. „Wenn wir es schaffen, bis zum Bauhausjubiläum alle Voraussetzungen hinzubekommen wie die Finanzierung, einen denkmalgerechten Entwurf und eine Baugenehmigung, dann wäre das schon ein Erfolg“, so der Bürgermeister. Für Ende August hat er ein Gespräch mit dem Förderverein anberaumt.

Mies van der Rohe Haus, Oberseestraße 60
Tel. 030 – 97 00 06 18
info@miesvanderrohehaus.de

www.miesvanderrohehaus.de

 

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