Café in der „Stadt der Tiere“ soll bald ganz ohne Fleisch auskommen

Im Tierheim geht es um die Wurst

14.11.2016, Marcel Gäding / Volkmar Eltzel

Fotos: Marcel Gäding (1), Lars Potschka (2-5). Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Falkenberg. Die Speisekarte ist überwältigend: Sie reicht von hausgemachten Bouletten über Schnitzel mit Spiegelei bis hin zu Rindfleisch-Burgern und Flammkuchen. Was das Menü des kleinen „Café und Restaurant im Tierheim“ aber deutlich von anderen Kneipen und Lokalen im Bezirk unterscheidet: Zwischen all den deftigen Mahlzeiten finden sich überdurchschnittlich viele vegane und vegetarische Gerichte. Und das Fleisch stammt aus umweltschonender Nutztierhaltung des Vermarktungslabels „Neuland“. Handgemachte Speisen, die man eher im hippen Kreuzberg oder in Mitte erwarten würde – mitnichten aber in Falkenberg, kurz vor der Grenze zum Land Brandenburg.

Nach sechs Jahren: Kündigung

Sechs Jahre ist es her, dass Lars Potschka das kleine Café im Tierheim Berlin in Falkenberg gepachtet hat. Der junge Unternehmer und gelernte Konditor wusste damals, worauf er sich einließ. „Daher war von Anfang an klar, dass das Fleisch ausschließlich von Neuland kommen soll“, sagt Potschka. Hinter dem Label verbirgt sich ein Vermarktungsverein, der vor mehr als 20 Jahren unter anderem vom Deutschen Tierschutzbund als Alternative zur Massentierhaltung gegründet wurde. Für den Tierschutzverein für Berlin, der zugleich auch der Landesverband des Deutschen Tierschutzbundes ist, war es also eine der Bedingungen an den Café-Betreiber. Lars Potschka ließ sich später sogar darauf ein, seine Speisekarte um zahlreiche vegetarische und vegane Gerichte zu erweitern.

Doch jetzt wirft Potschka das Handtuch. Grund ist ein Streit zwischen dem Tierschutzverein auf der einen sowie dem Pächter und Tierfreunden auf der anderen Seite. „Als ich meinen Vertrag verlängern wollte, wurde mir mitgeteilt, dass es ab 2017 gar kein Fleisch mehr in unserem Café geben soll“, sagt Potschka. Das habe ihn überrascht und verärgert zugleich. Denn: 80 Prozent seines Umsatzes macht Potschka mit Fleischgerichten, nur 20 Prozent mit fleischfreier Kost. „Ich habe dem Vorstand des Tierschutzvereins dargelegt, dass man damit nicht überleben kann“, sagt Potschka.

Hinzu käme die schlechte Lage des Tierheims. Doch statt sich noch einmal in aller Ruhe hinzusetzen, flatterte dem Café-Pächter eine Kündigung ins Haus – fünf Monate vor Ablauf des regulären Pachtvertrages. Daraufhin schaltete Potschka einen Rechtsanwalt ein.

Vorne Wurst, hinten Schweine?

„Der Wunsch nach rein vegetarischer Kost kam aus den Reihen der Vereinsmitglieder und von zahlreichen Besuchern des Tierheimes“, sagt Annette Rost, Sprecherin von Tierschutzverein und dem dazugehörigen Tierheim. Es ginge nicht, dass man auf dem Hof aus der Not gerettete Schweine, Schafe und Hühner halte und vorne Wurst verkaufe. Das Restaurant müsse auch die Haltung des Tierschutzvereins verkörpern. Den Beschluss zur Angebotsänderung im Restaurant habe die Hauptversammlung des Tierschutzvereins deshalb auch ohne Gegenstimmen gefasst, sagt Rost. „Dabei wollen wir niemanden missionieren, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren.“ Man verurteile auch keine Fleischesser. Nur zum Tierheim Berlin passe das eben nicht mehr. Eine Vertragsverlängerung mit dem Pächter des Cafés wäre möglich gewesen, erklärt die Sprecherin. „Herr Potschka ist jedoch unserer Bitte nicht nachgekommen, eine Speisekarte mit rein vegetarischen und veganen Gerichten zu entwickeln. Wir hätten ihm dafür sogar eine entsprechende Schulung bezahlt“, sagt die Tierheimsprecherin. Das Argument großer drohender Umsatzeinbußen bei einer gänzlichen Umstellung auf fleischlose Speisen, wollte Rost nicht gelten lassen. Gerade in Berlin würden sich immer mehr vegetarische und vegane Street Food-Anbieter und Restaurants behaupten. Man sei jedoch weiterhin offen, falls es sich der Betreiber noch einmal anders überlege und wolle sich auf keinen Fall im Streit trennen.

Vorwurf der Bevormundung

Bei einigen Mitgliedern des Tierschutzvereins sorgt der Streit aber für Unverständnis. Holger Rabe, seit drei Jahren Mitglied und bekennender Vegetarier, sagt: „Das Café hat ein tolles Angebot, aber die wenigsten Besucher sind Vegetarier.“ Das Tierheim-Café wäre für Fleischesser, die immer noch eine überwältigende Mehrheit der Besucher darstellten, kaum noch interessant. Rabe wirft dem Vorstand des Tierschutzvereins Bevormundung und Ausgrenzung vor. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und fürchtet, dass durch den Paradigmenwechsel bei der Ausrichtung des Cafés dauerhaft Besucher wegbleiben. Er hätte es gut gefunden, wenn durch die Vielzahl vegetarischer und veganer Gerichte Besucher langfristig davon überzeugt würden, ganz oder teilweise auf Fleisch zu verzichten. Das jetzige Vorgehen sei aber einem Zwangsvegetarisierungsplan gleichzusetzen. Inzwischen gibt es zwischen Holger Rabe und dem Tierheim einen umfangreichen Schriftverkehr. „Bedauerlich ist jedoch, dass auf keines meiner Argumente eingegangen wurde. Seinen Fragen sei in der Regel ausgewichen worden. Er überlege daher, seine Mitgliedschaft zu kündigen. Von anderen Tierfreunden wisse er, dass diese das neue Café nicht mehr besuchen werden.

Lars Potschka hat seine Konsequenzen gezogen. Er stellt Mitte Dezember schweren Herzens den Betrieb ein. Wenige Kilometer vom Tierheim entfernt hat er mittlerweile das Café und Restaurant George in der Konrad-Wolf-Straße übernommen. Noch hat der Tierschutzverein keinen neuen Pächter finden können. „Für eine Übergangszeit sind wir in der Lage, das Café auch selbst zu bewirtschaften“, sagt die Tierheimsprecherin „Aber das wäre nur eine Notlösung und kann nicht unser Bestreben sein.“

 

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