Gelesen: „Hippie Trails“ von Detlef Fritz

Auf den Spuren von Reiselegenden

11.03.2018, Birgitt Eltzel

Foto: Birgitt Eltzel

Kurz vor der am heutigen Sonntag, 11. März, zu Ende gehenden Internationalen Tourismus-Börse (ITB) ist der 220 Seiten umfassende Band „Hippie Trails“ von Detlef Fritz in zweiter, erweiterter und aktualisierter Ausgabe erschienen. Der Autor, Jahrgang 1952, langjähriger Redakteur des „Berliner Kurier“, dort u.a. zuständig für die Reise-Seiten, war während seiner Schul- und Studienzeit selbst unterwegs auf den angesagten Routen der jungen Rucksacktouristen – in Griechenland, Marokko, der Türkei, dem Iran und Afghanistan. Das Büchlein mit dem Untertitel „Reiselegenden und ihre Geschichten“ betrachtet jedoch keineswegs mit verklärendem und nostalgischem Blick die Reisegewohnheiten der Globetrotter der 1960er, 1970er-Jahre, sondern hinterfragt auch selbstkritisch deren Verhalten. Waren die Aussteiger und Abenteurer tatsächlich so politisch korrekt, so ökologisch bewusst wie vielfach behauptet? Und unterschieden sie sich wirklich so fundamental von den oftmals gescholtenen Massentouristen?

Im vollbesetzten Bus nach Afghanistan

Fritz erzählt spannend und durchaus humorvoll von Reisen vergangener Zeiten. Er schildert schikanöse Grenzkontrollen, berichtet von Auswanderern, Aussteigern und gescheiterten Existenzen – und den einen oder anderen Gaunereien, mit denen schon damals leichtgläubige Reisende zur Kasse gebeten wurden. Im Mittelpunkt steht eine Reise nach Afghanistan, seinerzeit eines der In-Ziele der sich als nicht angepasst verstehenden jungen Leute. Die fanden sich auf dem Weg nach Afghanistan, Nepal oder Indien zunächst im Istanbuler Pudding-Shop zusammen, heute ein unscheinbares Café der Metropole am Bosporus. Von dort ging es mit einem vollbesetzten Bus ohne Heizung und Klimaanlage bis Teheran, dann noch einmal zwei Tage bis Kabul. Im Reisetagebuch des Autors findet sich der Eintrag: „Der Stopp in Erzerum ist ein glatter Reinfall. Wir stehen an einer Tankstelle, begnügen uns mit einem Kaffee. Die Leute sind unfreundlich – jedenfalls kommt es uns so vor. Einen besonderen Grund, zu uns freundlich zu sein, haben sie allerdings auch nicht: Wir essen nichts, wir trinken nichts außer dem Kaffee, sind auf der Durchreise und bringen kein Geld.“

Auf der Suche nach dem Glück

Denn die Hippies waren, egal auf welcher Route, vor allem mit der eigenen Suche nach dem Glück beschäftigt. Die Lebensgewohnheiten der Einheimischen und die politische Lage der jeweiligen Länder waren den meisten, jedenfalls in der Praxis, weitgehend egal. Einig war man sich nur beim Iran: Das Reich des Schahs von Persien, einer blutigen Diktatur, wollte man lediglich auf der Durchreise passieren. Was allerdings nicht nur mit der Politik zusammenhing, schreibt Fritz: Die persische Hauptstadt Teheran war nicht nur ohne alle Exotik, zeigte sich laut und stinkend vom Verkehr und Dauerstau – und war auch einfach zu teuer für Leute mit geringem Budget.

Chancen für Entwicklung

Insgesamt zieht der Autor eine positive Bilanz des Reisens. Denn nicht nur die Globetrotter profitierten davon, sondern auch viele Orte, die die Touristen besuchten oder in denen sich niederließen. So berichtet er beispielsweise vom spanischen Benidorm, 1952 noch ein kleines Fischerdorf an der Costa Blanca mit knapp 2.500 Einwohnern. Weil dessen damaliger Bürgermeister früh die Chancen der Entwicklung durch den Tourismus erkannte, reiste er zum spanischen Diktator Franco und erwirkte eine Ausnahmegenehmigung vom seinerzeit im streng katholischen Spanien geltenden Bikini-Verbot. Die Lockerung der Sitten zugunsten devisenbringender Gäste zeigte Wirkung: Benidorm wurde zu einer Stadt mit fast 100.000 Einwohnern, darunter 30.000 Ausländern. Allerdings auch mit Hochhaustürmen, den Bausünden der 1960er- und 1970er-Jahre.

Wie der Massentourismus entstand

Kenntnisreich geschildert wird auch die Geschichte des Massentourismus. Detlef Fritz wirft einen Blick darauf, wie überhaupt Pauschalreisen entstanden. Das dürfte den wenigsten Lesern bekannt sein. Erste Anfänge gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in England mit sogenannten Abstinenzlerreisen des Baptistenpredigers Thomas Cook (nach dem heute ein Reisekonzern heißt). Eine breite Basis für den Nah- und Fernurlaub nicht nur für die oberen Zehntausend, sondern auch für jedermann wurde aber erst im 20. Jahrhundert gelegt. Die Gewerkschaften erkämpften einen tariflichen Jahresurlaub und Löhne, von denen die Beschäftigten auch etwas fürs Reisen zurücklegen konnten. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges verstärkte sich diese Entwicklung – ab Mitte der 1970er Jahre trat etwa die Hälfte aller Bundesbürger jährlich eine Urlaubsreise an.

Detlef Fritz, Hippie-Trails – Reiselegenden und ihre Geschichte; 2. erweiterte und aktualisierte Auflage 2018, Reisebuch Verlag, Taschenbuch 9,99 Euro. ISBN: 978-3947334131, E-Book 4,99 Euro. Das Buch ist auch als Hörbuch für 5,99 Euro erhältlich.

 

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