Gedankenbrösel zum Sonntag

Hier verbrachte ich meine Jugend

18.06.2017, Mike Abramovici

Fotos: Birgitt Eltzel. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

 



H
eute kommt von mir mal ein Lobgesang auf meinen Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Ich bin im Moment wirklich begeistert, das will ich mal sagen. Viele Menschen halten den Bezirk ja für bedenklich und berüchtigt, obwohl sie noch nie hier waren, aber einigen Medien glauben, was da auch immer so darüber berichtet wird.

Für mich ist Marzahn-Hellersdorf immerhin der Bezirk, wo ich meine Jugend verbrachte und der für mich mit vielen schönen Erlebnissen verbunden ist. Auch wenn man oft hört, grau sei dort früher die vorherrschende Farbe gewesen, haben wir Jugendlichen das gar nicht so mitbekommen. Der Blumberger Damm war damals noch eine Baustelle und funktionierte noch gar nicht richtig als Straße. Doch für uns war das ein Glücksfall, wir konnten dort unsere ersten Versuche mit den Mopeds unternehmen. Gleich dahinter befand sich eine große Brache, vorherrschend altes Gestrüpp, Sand und Wiese. Und so nannten wir den Ort auch „unsere“ Wiese. Wir trafen uns dort zum Quatschen, machten Lagerfeuer, grillten und hörten Musik. Und wir lieferten uns immer eine Jagd mit den Ordnungshütern, damals noch Volkspolizei genannt. Der Abschnittsbevollmächtigte (ABV) wurde unser bester geliebter Feind. Auch einige Anwohner störten sich daran, dass wir Jugendlichen dort Spaß hatten und viel Blödsinn machten. Wir waren ja so blöd und ritzten in die aufgestellten Bänke unsere Lieblingsfußball-Vereine ein. Schon damals gab es diese Rivalität zwischen BFC Dynamo und FC Union, zwischen den Fans vom HSV und vom FC Bayern. Wir fuhren getrennt zu den Spielen, pöbelten uns im Stadion gegenseitig an und kamen gemeinsam als dicke Freunde zurück. Wir verbrachten viele Stunden damit, am Lagerfeuer zu sitzen und im Radio die Fußball-Bundesliga zu hören.

Diese kleinen schönen Erinnerungen stürzten gestern bei meinem ersten IGA-Besuch auf mich ein, denn diese befindet sich genau an dem Ort, wo ich all diese schönen Erlebnisse in meiner Jugend hatte, nämlich auf „unserer“ Wiese. Mir schoss durch den Kopf, dass vielleicht kein so schön bewachsener, gelungener Ort entstanden wäre, wenn wir damals die Wiese nicht so doll „gedüngt“ hätten.

Die Aussicht vom Wolkenhain über den Bezirk ist wirklich großartig. Viele Menschen reden Marzahn-Hellersdorf zwar schlecht, doch es gibt keinen anderen Bezirk, der eine IGA mit Seilbahn, einen Wolkenhain, eine Mühle und die Alte Börse hat. So viele Facetten gibt es weder im Prenzlauer Berg noch in Neukölln. Gewiss, jeder Bezirk hat seine eigenen Reize und interessante Stellen, man kann überall was Tolles machen.

Aber Marzahn-Hellersdorf braucht sich nicht mehr zu verstecken. Sicher es gibt hier einen hohen Anteil sozial schwacher Menschen, Probleme mit Nazis – aber diese Probleme gibt es woanders auch. Der Bezirk hat ganz viele Gesichter, es gibt so viele schöne Plätze zu entdecken. Und nicht umsonst ist Marzahn Hellersdorf als „Ort der Vielfalt“ ausgezeichnet worden!

Ich wohnte hier früher in einer Neubauwohnung und später in allen Dörfern, die zum Bezirk gehören. Hier verbrachte ich meine Jugend, erlebte die erste Liebe, die erste Ehe, meine Kinder sind hier groß geworden. Ohne zu zögern kann ich sagen: Ich finde es hier großartig; und ich bin der Meinung, das kann man ruhig mal bringen!

Euer Brösel

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