Willkommen, neue Nachbarn!

„Hey, die sind ja wie wir“

05.12.2015, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich (1-3), Betonia (4)

Marzahn. Es ist kurz vor 19 Uhr. In der Jugendfreizeiteinrichtung „Betonia“ in der Wittenberger Straße 78 wuseln Jugendliche durcheinander, aus dem Recorder dudelt Musik, an der Dartscheibe probieren sich einige im Pfeilwerfen, andere lümmeln in den Sesseln und sind mit ihrem Handy beschäftigt. Nichts Besonderes also, wären da nicht auch einige Jugendliche, die sichtbar nicht in Deutschland geboren sind. Das „Betonia“ ist eine Notunterkunft für UMF`s, für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

„Uns war klar, wie müssen helfen“
Enrico Heilmann, der stellvertretende Leiter der Einrichtung, sitzt in seinem Büro und checkt E-Mails. Zwischen Aktenschrank und Schreibtisch steht eine Liege. Hier schlafen die Betreuer der jungen Flüchtlinge. Die Idee, den Klub zu einer Notunterkunft zu machen, entstand Anfang September. „Wir haben die aktuellen Nachrichten verfolgt und uns war klar, wir müssen helfen“, erinnert sich Heilmann. „Die Räumlichkeiten waren da, ebenso die erforderliche Ausstattung. Wir haben uns aber auch Gedanken gemacht, was unsere Jugendlichen dazu sagen würden. Marzahn ist nicht gerade für Toleranz bekannt, siehe die Montagsdemos, heute ist auch wieder eine. Wir sind hier schon ein sozialer Brennpunkt und es gibt die üblichen Vorbehalte gegenüber Menschen von außerhalb. Wir hatten schon etwas Angst, dass die Jugendlichen mit der Situation überfordert sind.“

Betten aus einem Ferienlager
Waren sie aber nicht. Enrico Heilmann, der früher in einem Verein arbeitete, der ein Ferienlager in Mecklenburg-Vorpommern betreute, wusste, dass dort Betten eingelagert waren. Die haben sie abgeholt und zusammen mit den Jugendlichen aufgestellt. Zuvor hatten sie sich das Einverständnis von ihrem Träger, dem Kinderring Berlin e.V., geholt und beim Senat angeboten, sechs Flüchtlinge aufzunehmen. Die Zahl verdoppelte sich schnell. Der Mehrzweckraum und der Mädchentreff sind nun Schlafräume. Und es gibt einen Betreuungsplan, denn laut Vorschrift müssen minderjährige Flüchtlinge rund um die Uhr betreut werden. Gezielt wurden Jugendliche und auch Bewohner aus der Umgebung angesprochen, ob sie sich für eine kleine Aufwandsentschädigung beteiligen würden. Inzwischen ist das Helfer-Team auf rund 20 Personen angewachsen.

Anfängliche Vorbehalte verschwanden
Von den Stammbesuchern wurde die neue Situation unterschiedlich aufgenommen. Doch anfängliche Vorbehalte verschwanden, als sich die Jugendlichen näher kennenlernten und feststellten: Hey, die sind ja wie wir, die spielen Kicker und mit ihren Handys. Die jungen Flüchtlinge kommen aus Syrien, Iran, Irak, Bangladesch und Gambia. Die Verständigung war anfangs schwierig. Englisch ging nicht so gut, da half Google Translator, am besten funktionierte es mit Händen und Füßen. Inzwischen haben die Flüchtlinge ein paar Brocken Deutsch gelernt. „Wir sind total stolz auf unsere Jugendlichen“, sagt Enrico Heilmann. „Sie engagieren sich, bringen sich ein und zerbrechen sich den Kopf darüber, was sie gemeinsam mit unseren Gästen unternehmen könnten.“ Er legt Wert darauf, dass von Gästen die Rede ist und nicht von Flüchtlingen, Asylanten, Ausländern. Gemeinsam wird geplant, was sie an den Sonnabenden machen – Ausflüge in die Innenstadt beispielsweise. „Wir nutzen auch die Fähigkeiten, die unsere Gäste haben“, erzählt er weiter. „Einer von ihnen kann gut nähen und flickt schon mal eine kaputte Hose oder kürzt eine Übergardine. Ein anderer ist Friseur und schneidet allen hier die Haare.“ Mitte Dezember aber ist Schluss. „Von Anfang an haben wir gesagt, wir sind eine Notunterkunft, die nur zeitlich begrenzt helfen kann. Wir hatten keinen Urlaub, haben zusätzliche Stunden gearbeitet, wir sind jetzt an einem Punkt, uns selbst zu entlasten.“

Offener und herzlicher
Im Eingangsbereich am Tresen schwingt Vera den Lappen, verteilt Saft und Wasser. Die 18-Jährige leistet ihren Bundesfreiwilligendienst im Klub. Sie möchte Lehrerin werden und hatte vorher in einer Schule gearbeitet. „Aber dann bin ich doch hier im Klub geblieben, die Arbeit hier mit den Jugendlichen und den jungen Flüchtlingen hat mir besser gefallen und ich habe ganz neue Erfahrungen sammeln können“, sagt sie. Ihr ist aufgefallen, dass sich auch bei den jugendlichen Klubbesuchern etwas verändert hat. „Viele von ihnen waren doch etwas vorbelastet mit rechten Meinungen, nun sind sie viel offener und auch herzlicher geworden.“ Schlechte Erfahrungen, wenn sie mit den Flüchtlingen unterwegs war, hat sie in Marzahn nicht gemacht, nur manchmal gab’s scheele Blicke. „Aber auf der Warschauer Straße sind wir mal von einem Nazi angepöbelt worden.“ Ihr Engagement kommt auch in der Familie und im Freundeskreis gut an: „Bisher gab’s nur positive Reaktionen.“ Wenn die Gäste des Betonia in anderen Unterkünften untergebracht sind, möchte sie sich in ihrer Freizeit auch weiterhin für Flüchtlinge einsetzen. „Das finde ich total wichtig, das sollte jeder machen, dann wäre vieles leichter.“

Freundschaften geschlossen
Inzwischen ist der Einkaufstrupp zurück. Céline packt die Getränke in den Kühlschrank. Die 16-Jährige überbrückt die Zeit bis zum Ausbildungsbeginn als Einzelhandelskauffrau im Februar mit einem Praktikum im Klub. Auch sie war lange Jahre selbst Besucherin. „Ich hatte früher auch eine andere Meinung über den Zustrom von Flüchtlingen“, erzählt sie, „aber das hat sich stark geändert, ich habe sogar Freundschaften geschlossen und verbringe gerne Zeit mit ihnen. Ich hatte vorher noch nie Kontakt zu Ausländern, ich weiß auch nicht, warum ich so gedacht habe. Mit den gesammelten Erfahrungen konnte ich mir ein ganz neues Bild machen.“ Da sie noch zu jung ist, übernimmt sie nur gelegentlich Nachtschichten, meist mit Nadine zusammen.

Nadine ist 37 Jahre alt und wohnt gleich gegenüber. „Als man mich angesprochen hatte, ob ich als Freiwillige mithelfen würde, habe ich erst mal nein gesagt. Aber dann habe ich gesehen, da ist wirklich Not am Mann“, sagt sie. Nun ist sie schon zwei Monate dabei. „Die Nachtschicht beginnt um 20 Uhr, tagsüber sind ja die Hauptamtlichen da. Dann bereiten wir gemeinsam das Abendbrot vor und waschen auch ab. Danach unterhalten wir uns oder spielen etwas gemeinsam, bis die Jungs ins Bett gehen. Dann mache ich hier sauber.“

Anerkennungsquote nur bei Syrern hoch

Plötzlich ist Unruhe im Raum. Enrico Heilmann spricht mit einem Flüchtling. „Du hast morgen einen Anhörungstermin, da fahren wir zusammen hin.“ Erschrecken bei dem jungen Mann, auch Céline guckt entsetzt. „Nein, nein“, beruhigt Heilmann, „Du kommst wieder mit zurück, es ist nur eine Anhörung für die Erstaufnahme.“ Bei den meisten Flüchtlingen sind die Chancen einer Anerkennung gering, nur bei den Syrern ist die Quote hoch. Langsam kehrt wieder Ruhe ein. Es wird Zeit, das Abendbrot vorzubereiten.

Die Artikelserie „Willkommen, neue Nachbarn!“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von LiMa+ mit der FreiwilligenAgentur Marzahn-Hellersdorf, gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

 

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