Gedankenbrösel zum Sonntag

Handy mal aus – da passiert nichts!

22.10.2017, Mike Abramovici

Foto: Katrin Pohle



U
nser Leben besteht manchmal nur noch aus Stress. Wir verfallen in Wahnsinn und Hektik. Es gibt Augenblicke, wo es scheint, als ob uns die Großstadt völlig im Griff hat. Da wurde mal das Smartphone vergessen und schon ergreift uns die Panik. Oh mein Gott, niemand kann mich erreichen! Alles geht nun schief, nichts klappt mehr! Wie haben wir das denn nur vor ein paar Jahren ohne diese ganze Technik gemacht? Smartphones gibt es doch erst seit 10 Jahren, Handys – wenn ich mich richtig entsinne – seit ca. 20 bis 25 Jahren. Schon einige Zeit lang sind wir dauererreichbar. Immerhin können wir noch selbst laufen und Kaffee trinken. Aber wehe, das Smartphone ist mal nicht da! Entzugserscheinungen machen sich breit, sobald man das Teil einmal irgendwo liegen lässt. Das Lustige daran ist, selbst wenn man das Ding mal wirklich vergessen hat und später raufschaut, sind kaum Anrufe drauf. Aber allein schon dieser Gedanke, nicht erreichbar zu sein, macht uns doch völlig alle!

Den Irrsinn bekommen wir nicht aus dem Schädel raus, im Gegenteil, er breitet sich schnell aus. Egal wo wir hinsehen, in Bus oder Bahn – die Menschen schauen aufs Smartphone. Was macht der Radfahrer – er schielt aufs Smartphone. Der Fußgänger wartet an der roten Ampel – und checkt dabei sein Smartphone. Selbst beim Essen liegen die Telefon- und Surf-Computer auf dem Tisch. Und ich vermute mal, das sind nicht wirklich extrem wichtige Dinge, welche da angeschaut werden. Ich gebe zu, das ist bei mir selbst nicht anders. So erhalte ich Unmengen von Mails, davon sind mindestens 80 Prozent Plunder. Jemand möchte mir Farbe verkaufen, osteuropäische Mädchen suchen den Mann fürs Leben, es werden Penisverlängerungen oder Viagra angeboten. Da ist man schnell beim Löschen, und schwupps, ist fix mal etwas Falsches gelöscht und eine wichtige Mail landet im Papierkorb. Dann muss man sich durch den Papierkorb quälen und den ganz Müll noch einmal ansehen.

Auch dieses Dauerposten bei Facebook kann ganz schön anstrengend sein. Anfangs habe ich noch gelacht, als die Leute Essensbilder für Mutti posteten. Noch nicht mit dem Essen anfangen, ich muss erst ein Bild schicken! – Bitte, was ist das denn? Aber ich habe gut Lachen und ein großes Maul, dabei muss ich zugeben: Vieles davon tue ich nun selbst. – Doch ich versuche, es einzuschränken. Zum Beispiel, wenn ich in ein Restaurant gehe, lasse ich das Smartphone bewusst in der Tasche oder im Auto. Da wird man aber schnell mal blöd angeschaut, wenn man die Kinder bittet, doch mal ihre Handys wegzupacken. „Wie spießig ist das denn, bist Du etwa alt?“, muss man sich anhören.

Viele Menschen sind heutzutage hektisch, nervös und dünnhäutig geworden, die Burnouts nehmen zu. Dabei wäre es doch viel besser, wenn Jede und Jeder sich wirklich mal vornimmt, etwas entspannter zu leben und sich auf die guten alten Dinge besinnt, wie: Freunde zu treffen, gemeinsam zu kochen, zu lesen, Musik zu hören oder einen Spaziergang durch den Park zu machen. Seien wir mal ehrlich, ein wenig Entschleunigung, etwas Herunterkommen und weniger Stress sowie eine ruhigere Stadt täte uns allen gut! Vielleicht könnten wir ja sogar versuchen, das Handy einfach mal für einen Tag lang auszulassen, das wäre doch ein Anfang! Hinterher werden die Meisten feststellen: Es ist (fast) nichts passiert. Für die wirklich ganz wichtigen Nachrichten gibt es immer noch das Radio!

 

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