Geflüchtete leiden unter nicht gestattetem Familiennachzug

Grübeln, Stress und Trauer

29.11.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Prenzlauer Berg/Marzahn-Hellersdorf. Abdullah Achmed hat Angst. Er hat Furcht davor, Fotografen sein Gesicht zuzuwenden, weil er annimmt, wenn sein Bild aus Deutschland im Internet von Leuten aus seiner alten Heimat Irak erkannt wird, könnten sie seiner Familie dort etwas antun. Der Frau und den fünf Kindern, das älteste 17 und im Gymnasium, das jüngste vier. Er hat Angst, dass das mitgebrachte ausgedruckte Handyfoto, das die Familie zeigt, beim Ablichten zu scharf erscheint, auch das könne sie in Gefahr bringen. Aus genau diesen Gründen nennt der 52-Jährige bei der Pressekonferenz der Volkssolidarität Berlin am Dienstag, 28. November, auch nicht seinen wahren Namen.

Seit Mai 2014 ist der Mann mit dem Pseudonym Abdullah Achmed in Deutschland, seit fast drei Jahren hält er nur per Smartphone Kontakt zu seiner Frau und den Kindern. Als Beduine, eine unterdrückte Minderheit in vielen arabischen Ländern und gleichzeitig Sunnit, war er aus der Stadt Tikrit vor den schiitischen Milizen in den Norden geflohen. „Nach Tikrit kann ich nicht mehr, das wäre mein Ende“, sagt der frühere Schäfer. Seine Frau kam mit den Kindern bei Bekannten in der Umgebung unter. „Dort haben sie Schlafplätze nachts, aber nicht mehr“, erzählt Abdullah Achmed. Von den ihm in Deutschland gewährten Sozialleistungen schickt er monatlich 300 Euro an seine Familie.

Eines der umstrittensten Themen

Er hat Furcht davor, diese vielleicht auf weitere Jahre nicht zu sehen. Denn er hat nur den sogenannten subsidiären Schutzstatus – nach Artikel 4 des Asylgesetzes ist ihm damit bis 18. März 2018 der Familiennachzug verwehrt. Vielleicht sogar noch länger, je nachdem wie mögliche Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD laufen und was die immer noch geschäftsführende Bundesregierung inzwischen tut. Der Familiennachzug war schon bei den geplatzten Jamaika-Verhandlungen eines der umstrittensten Themen. Denn seit Monaten kursieren hohe Zahlen, wie viele Angehörige von Geflüchteten damit im nächsten Jahr nach Deutschland kommen würden – die AfD sprach von zwei Millionen Menschen, der derzeitige Bundes-Innenminister Thomas De Maiziere „von einer gewaltigen Zahl“.

Studie: Kommen weniger Menschen als gedacht

René Döscher, Referent für Flucht und Migration beim Landesverband Berlin der Volkssolidarität, verweist auf eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkts- und Berufsforschung (IAB), die auf der repräsentativen Befragung von 4.800 erwachsenen Geflüchteten basiert. Danach kommen auf jeden Flüchtling im Schnitt 0,28 nachzugsberechtigte Ehegatten oder Kinder, die im Ausland leben – also etwa auf vier Geflüchtete eine nachzugsberechtigte Person. Auf anerkannte Asylbewerber und Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskommission entfallen der Studie zufolge zwischen 100.000 und 120.000 Menschen. Bei Menschen mit subsidiärem Schutz seien es zwischen 50.000 bis 60.000 Personen.

Volkssolidarität für Nachzug 2018

Die Volkssolidarität betreibt insgesamt drei Unterkünfte für Geflüchtete in Berlin, zwei Gemeinschaftsunterkünfte (Bornitzstraße, Lichtenberg; Bitterfelder Straße, Marzahn) sowie eine Erstaufnahmeeinrichtung (Brebacher Weg, Biesdorf). Insgesamt 1.000 Menschen leben dort. „Dass die Familien nicht nachziehen können bei den sogenannten subsidiär Geschützten, das treibt uns schon um“, sagt Döscher. Etwa ein Drittel der Bewohner der Einrichtungen sei davon betroffen. „Wir wollen, dass der Nachzug ab dem 19. März 2018 möglich wird.“

Flüchtlingsberater begleitet auch zum Gericht

Klaus-Jürgen Dahler ist Flüchtlingsberater beim bezirklichen Migrationssozialdienst Marzahn-Hellersdorf. Elf Aufnahmeeinrichtungen gibt es in dem Stadtrandbezirk. 3.561 Geflüchtete aus vielen Nationen leben dort, die meisten aus dem Bürgerkriegsland Syrien, Afghnistan und dem Irak. Es gibt eine Kapazität von 4.779 Plätzen. „Die Unklarheiten um den Familiennachzug sorgt für Stress und Trauer bei den Bewohnern“, sagt Dahler. „Das zehrt an den Nerven.“ Mehr als 2.440 Gespräche mit Geflüchteten gab es schon in der Beratungsstelle, dem von der Volkssolidarität betriebenen Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte an der Marzahner Promenade, ebenfalls in zwei Unterkünften, die Dahler je einmal in der Woche aufsucht. Er begleitet Geflüchtete zum Verwaltungsgericht, wenn sie gegen Entscheidungen von Behörden klagen, zum Petitionssauschuss im Abgeordnetenhaus und in die Härtefallkommission des Landes.

Whatsapp-Nachrichten von der Familie

Oft kann er Erfolge vermelden. „Bis November ist das Verwaltungsgericht in 41 von 78 Fällen unserer Auffassung gefolgt“, sagt Dahler. Auch Abdullah Achmed hat mit seiner Unterstützung den Gang zum Gericht gewagt. Er will erreichen, dass ihm der höhere Schutzstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention zugestanden wird, aufgrund seiner zweifachen Diskriminierung als Beduine und als Sunnit. Dann dürfte er sofort seine Familie nach Deutschland holen. Eine Entscheidung des Gerichts steht noch aus. Bis dahin wird Abdullah Achmed das tun, was er seit fast drei Jahren jeden Tag macht: Deutsch lernen, obwohl er sich schlecht konzentrieren kann, weil er stets an Frau und Kinder denkt, Whats-App-Nachrichten der Familie schicken und welche von ihr empfangen, viel grübeln und nachts immer nur wenige Stunden schlafen können.

 

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