Im „Erzählcafé“ reden Fremde miteinander über Gott und die Welt

Geschichten, die das Leben schreibt

28.08.2017, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Hellersdorf. Der Tisch im Büro des Quartiersmanagement ist liebevoll gedeckt: Es gibt kleine Knabbereien, Mineralwasser und Kaffee. Draußen vor der Tür wartet Anne Haedke auf ihre Gäste. Sie ist die Initiatorin vom „Erzählcafé“, in dem sich einmal im Monat Menschen über ihr Leben austauschen, auch mal über Politik reden oder einfach nur in schönen Erinnerungen schwelgen. Gerade noch hat sie mit der Technik gekämpft, die sie später noch brauchen wird. Nun aber steht sie erst einmal vor der Tür. Keine Ahnung, wer heute alles kommt. Denn anmelden muss sich niemand. Und so ist es für Anne Haedke immer wieder ein kleines bisschen aufregend, mit wem sie am Ende an einem Tisch sitzt.

Kinder von Golzow wecken Erinnerungen

An diesem Nachmittag sind es trotz der sommerlichen Hitze Karin Schutka (74), Rosel Juhl (71) und Marianne S. (68), die ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Am Anfang spielt Anne Haedke Ausschnitte einer DVD von „Die Kinder von Golzow“ – eine Langzeitdokumentation von Barbara und Winfried Junge, in der 46 Jahre lang 18 Menschen durch alle Phasen ihres Lebens begleitet wurden. Heute hat sich Anne Haedke Bernhard Oestreich herausgesucht, den alle nur Bernd nennen und der als Kind schon mal beim Rüben-Verziehen auf dem elterlichen Acker half. Die Szene weckt bei Karin, Rosel und Marianne Erinnerungen an die eigene Kindheit, aber auch an das Leben in der DDR. Beim Rüben-Verziehen wurden die schwächsten Rüben von den stärksten getrennt. Letztere wuchsen dann umso besser. „Das war eine harte Arbeit“, erinnert sich die frühere Kinderkrankenschwester Marianne Schubert. Mal war sie mit ihrer Schulklasse auf dem Acker, mal in den Ferien allein. „Mit meinem ersten selbst verdienten Geld habe ich mir dann ein Kleid gekauft“, sagt die Wahl-Hellersdorferin. Das gute Stück hatte sie als Mädchen im Konsum entdeckt und wollte es unbedingt haben. Und Karin Schutka weiß noch gut, wie sie als Kind Blaubeeren pflückte, um sich von dem Verkaufserlös einen Gymnastikanzug zu kaufen. Auch Anne Haedke, die im Westen aufwuchs, findet viele Parallelen zu ihrem eigenen Leben in der DDR-Doku.

Von Tempelhof nach Hellersdorf

Es war schon lange der Wunsch von Anne Haedke, mal ein „Erzählcafé“ ins Leben zu rufen: Seit Februar bietet sie dieses Format ehrenamtlich an, schwingt sich dafür einmal im Monat auf ihr Rad, um von Tempelhof nach Hellersdorf zu fahren. Dass sie sich ausgerechnet einen Kiez im Berliner Osten ausgesucht hat, hängt mit den Menschen zusammen, die hier leben. Dieser Schlag erinnert sie an die Bewohner in Schwerin, die ihr nach ihrem Umzug von Kassel nach Mecklenburg-Vorpommern kurz nach der Wende begegneten. „Das sind einfach tolle Leute, die sehr direkt sein können“, sagt Anne Haedke. Überhaupt findet sie es spannend, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. „Meine erste Berührung mit Hellersdorf hatte ich, als ich vom Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Hellersdorf etwas in der Zeitung las.“ Damals habe dieser sich gegen Fremdenhass engagiert, aber keine Möglichkeit gefunden, mit den Bewohnern im Kiez ins Gespräch zu kommen. Es dauerte nicht lange, da engagierte sie sich vor Ort auch beim Quartiersmanagement. Anne Haedke, die vor vielen Jahren ihre Stelle als Lehrerin aufgab und sich zur Supervisorin und zum Coach qualifizierte, versteht es mit ihrer ruhigen, sympathischen Art, ohne jedes Vorurteil in Gespräche zu gehen, Menschen zuzuhören und ihnen respektvoll zu begegnen. Das kommt auch bei den Besucherinnen und Besuchern des „Erzählcafés“ gut an. Manchmal sitzen bis zu neun Leute mit ihr am Tisch.

Die kleine Filmsequenz, gerade einmal zehn Minuten lang, bringt die vier Frauen zurück in die eigene Vergangenheit. Es ist eine spannende Runde, die sich da gefunden hat: drei Seniorinnen, die in der DDR groß wurden und sich die Erinnerungen an die schöne Zeit nicht nehmen lassen wollen. Und Anne Haedke, die in der Lüneburger Heide aufwuchs, später in Hessen eine Familie gründete und nach der Wende nach Schwerin ging, um dort als Lehrerin weiterzuarbeiten. Einen Ablaufplan gibt es für dieses „Erzählcafé“ nicht. Lediglich der kleine Filmausschnitt zu Beginn des Erzählcafés hat einen festen Platz.

Mit Vorurteilen aufräumen

Die Geschichten der Protagonisten aus der Langzeitdokumentation lassen sich gut mit denen der vier Frauen vergleichen: Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Studium oder Ausbildung, erste große Liebe, eigene Kinder und dazu die Probleme des Alltags. Richtig spannend wird es dann, als sie sich darüber austauschen, wie das in der DDR und drüben im Westen war. „Sie werden es kaum glauben, aber auch wir hatten im Westen Plattenbauten“, sagt Anne Haedke. Und Karin Schutka weiß noch gut, wie sie eigens für eine moderne Plattenbauwohnung von Wittenberge in der Prignitz rüber nach Schwedt an der Oder zog. Die Frauen sprechen über das gesellschaftliche Familienbild, darüber, wie sie ihre Kinder groß zogen und ihr Leben meisterten. Die einen auf der einen Seite Deutschlands, Anne Haedke auf der anderen. Gern habe sie damals in der DDR gelebt, sagt Monika Schubert. Sie mag es nicht, dass ihr andere Menschen das Leben in der DDR erklären. Hier im „Erzählcafé“ findet sie Gelegenheit, mit dem einen oder anderen Vorurteil aufzuräumen. Rosel Juhr empfindet diese Runden als wohltuend – auch, weil das mal eine gute Abwechslung ist zum unsäglichen Fernsehprogramm oder den ständig schlimmen Nachrichten, die sie in der Zeitung liest oder im Radio hört. Die drei Stunden vergehen im „Erzählcafé“ wie im Fluge. Am Ende wird eines klar: Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen, manche wären prädestiniert als Stoff für spannende Bücher.

Das „Erzählcafé“ findet an jedem ersten Dienstag im Monat von 15 bis 18 Uhr im Treffpunkt des Quartiersmanagements, Stollberger Straße 33 (Eingang Boulevard Kastanienallee), 12619 Berlin, statt. Nächste Termine: 5. September, 3. Oktober, 7. November, 5. Dezember. Am 7. November werden Barbara und Winfried Junge, die Produzenten der Reihe „Die Kinder von Golzow“, zu Gast sein. Um eine verbindliche Anmeldung für diesen Termin wird unter anne.haedke@t-online.de gebeten.

 

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