Das Bezirksmuseum Lichtenberg steht vor großen Veränderungen

Geschichte soll nacherlebbar sein

08.08.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Lichtenberg. Zu einem modernen „Museum für alle“ soll das Bezirksmuseum Lichtenberg in der Türrschmidtstraße laut Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) umgestaltet werden. 243.000 Euro und zwei zusätzliche Stellen sind im Haushaltsentwurf 2018/19 vorgesehen, damit das ehemalige Stadthaus zu einem „Zentrum für Geschichte, Begegnung und Kultur entwickelt wird. Mit mehr Angebotsstunden und besseren Angeboten sollen die Besucherzahlen erhöht werden.

Inzwischen ist viel passiert in Lichtenberg

„Wir haben einen Plan“, sagt Museumsleiter Dr. Thomas Thiele und meint damit das 2016 erarbeitete Konzept zur Neustrukturierung. „Die Ideen wurden schon lange diskutiert, jetzt bekommen wir auch die Mittel zur Umsetzung“, freut er sich. Die bestehende Dauerausstellung mit dem Titel „In den Zeiten. 700 Jahre Stadtgeschichte Lichtenberg“ wird jetzt im elften Jahr gezeigt. „Sie ist damals auch mit einem nicht so auskömmlichen Budget entstanden und nicht sehr attraktiv“, sagt Dr. Thiele – der hier seit fünf Jahren Chef ist – und deutet auf die Ausstellungssäulen aus Sperrholz und Presspappe. „Da müssen wir etwas ändern!“ Die historische Darstellung endet 1992/93. Seitdem ist eine Menge im Bezirk passiert. 2001 fusionierten Lichtenberg und Hohenschönhausen.

Geschichte anhand von Persönlichkeiten

Anhand von Personen, Ereignissen und Orten will der Museumsleiter die Lichtenberger Geschichte sinnlich erfahrbar machen. Das immer noch so genannte Stadthaus, in dem sich heute das Museum befindet, war vor dem 2. Weltkrieg wesentlich größer. Vor der Tür fuhr die Straßenbahn vorbei. Noch früher, von 1901 bis 1908, befand sich in dem Gebäude das Rathaus Rummelsburg. In einem Raum steht sogar wieder der verzierte Schreibtisch des einstigen Orts- und Gemeindevorstehers der Landgemeinde Boxhagen-Rummelsburg, Ernst Hahn, der hier bis 1908 residierte. Dann wurde die Doppelgemeinde in die Stadt Lichtenberg eingemeindet, der Oskar Ziethen vorstand. „Allein anhand dieser beiden Persönlichkeiten lässt sich eine Menge Geschichte nacherlebbar machen“, sagt Thomas Thiele. Besonders stolz ist er, dass es gelungen ist, Original-Inventar Ernst Hahns zusammenzutragen, wie beispielsweise seinen Zylinder, eine Uhr und eine Briefwaage (siehe Foto). Über die Jahrzehnte haben sich viele Objekte angesammelt, die in die Dauerausstellung bisher nicht hineinpassten und in einem Depot auf ihre „Wiederentdeckung“ warten. Darunter befinden sich zahlreiche historische Bügeleisen ebenso wie alte DDR-Kassettenrecorder. „Einzelne besondere Stücke präsentieren wir als „Objekt des Monats auf unserer Webseite“, erklärt Dr. Thiele.

Digitale Technik – heutzutage ein Muss

Er möchte die Attraktivität und die Zugänglichkeit zu geschichtlichem Wissen erhöhen und insbesondere die Veränderungsprozesse von der Wende bis heute besser widerspiegeln. „Zeitgeschichte sollte immer auch aktuell sein“, sagt der Museumsleiter. Die Seh- und Nutzungsgewohnheiten von Medien hätten sich gerade bei jungem Publikum stark verändert und änderten sich weiter. „Es ist nicht leicht, Jugendliche hierher zu bekommen.“ Im Lehrplan der Schulen sei ein Museumsbesuch nicht vorgesehen, es bleibe den Lehrern überlassen, ob sie mit ihrer Klasse das Heimatmuseum besuchen. Die derzeit 33 Ausstellungstafeln mit Text und Bildern sowie nur 25 Ausstellungsobjekte seien allerdings auch nicht sehr attraktiv.

Digitale Technik kann gerade für junge Menschen Geschichte erlebbarer darstellen und bietet mehr Möglichkeiten, sich Informationen und Wissen interaktiv zu erschließen. Mittels elektronischer Medien könne – beispielsweise an Informationsdisplays – viel mehr Wissen auf unterschiedlichen Ebenen abgegriffen und vertieft werden. „Für uns eröffnen sie zudem die Möglichkeit, kurzfristig und relativ einfach, Inhalte hinzuzufügen“, sagt der Museumsleiter. Regelmäßige Neuheiten erhöhten für die Lichtenberger und Hinzugezogene auch den Anreiz, öfter mal ihr Heimat-Museum zu besuchen.

Vernetztes Wissen anbieten

„Zurzeit haben wir an Technik lediglich einen Projektor, mit dem ein 15-minütiges Programm abgespielt wird“, so Thiele. Nachfragen könnten nur beantwortet werden, wenn auch gerade einer der Mitarbeiter zugegen sei. Auf einem Tablet oder an einer Medienstation im Raum würden die Besucher selbst bestimmen, wann zum Beispiel ein Film gestoppt – und stattdessen andere Informationen aufgerufen werden.

Vernetztes Wissen sei ihm besonders wichtig, erklärt Thomas Thiele. Menschen, die für Lichtenberg von historischer Bedeutung waren, müssten in Bezug zu Orten und zu Ereignissen gesetzt werden. „Wenn sich jemand zum Beispiel für eine Persönlichkeit der Stadt- oder der deutschen Geschichte interessiert, die auf dem Friedhof Friedrichsfelde bestattet ist, könnte sie digital dargestellt und angeklickt werden“, erläutert Thomas Thiele. Die Besucher gelangten so zu Geschehnissen oder Erfindungen, die mit der betreffenden Person in Zusammenhang stehen.

Interaktion könnte auch so aussehen, dass Besucher auf einer digitalen Karte auf dem Fußboden zum Beispiel die Siegfried-, Herzberg- und Josef-Orlopp-Straße aufsuchen und auf einem Bildschirm automatisch entsprechende Fotos sowie Informationen erhalten. „Die ursprünglichen Industriebetriebe in diesem Gebiet sind heute weitgehend verschwunden. Hier wurde früher alles produziert, was die Menschen brauchten und nicht brauchten“, meint der Museums-Chef. Er hat viele Ideen: „Hier soll ein Zeitstrahl der Geschichte an die Wand“, erklärt er beim Gang über den Flur. „Und die Garderobe soll originell umgestaltet werden.“ Wie, das will der Leiter noch nicht verraten.

Mehr Gegenständliches zeigen

Außerdem will der Stadthaus-Leiter mehr Ausstellungsobjekte zeigen. „Eine Buttermaschine zum Beispiel weckt die Neugier bei vielen Kindern. Alle essen Butter, aber nur wenige wissen, wie sie hergestellt wird, geschweige denn wie sie früher produziert wurde“, sagt er.

„Wir werden das Museum einfach moderner gestalten und mehr Leben hineinbringen“, fasst Thomas Thiele zusammen. Derzeit seien die Besucherzahlen nicht zufriedenstellend. Eines seiner Vorbilder ist das Museum Neukölln mit der ständigen Ausstellung „99 x Neukölln“. Dort gibt es viele frei im Raum stehende Glasvitrinen mit Informationsdisplays. Thiele hat schon Kontakte geknüpft, um von den Erfahrungen der Neuköllner zu profitieren.

Das Konzept für das moderne Museum steht. Nun sind der Museumsleiter und sein Team dabei, die Themen und Objekte für die neue ständige Ausstellung auszuwählen. Dann werden mit Hilfe von Experten die Texte geschrieben sowie Bilder und Filme zusammengestellt. Ein Kraftakt werde noch einmal die Programmierung der Displays sowie eines Museumsguides als App für Smartphones und Tablets. Sämtliche Ausstellungsräume müssten per Datenkabel mit einer zentralen Steuerung vernetzt werden. „Unser Ziel ist, dass wir bis 2020 die Modernisierung im Wesentlichen abgeschlossen haben“, sagt Dr. Thomas Thiele. „Noch viel Arbeit!“

 

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