Museumsbesucher aus aller Welt in Charlottes Haus

Gepflegtes Erbe

19.04.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Emmanuele Contini (1), Birgitt Eltzel (2-7), Klaus Tessmann (8-9)

Mahlsdorf. Es ist die Kulturstätte in Marzahn-Hellersdorf, die die meisten internationalen Gäste anzieht: das von Charlotte von Mahlsdorf (1928-2002) im Jahr 1960 eröffnete Gründerzeitmuseum im Gutshaus Mahlsdorf am Hultschiner Damm 333. Im Gästebuch des zweitältesten Hauses von Mahlsdorf finden sich Einträge in vielen Sprachen. Etwa 10.000 Besucher werden pro Jahr gezählt, sagt Monika Schulz-Pusch, die Geschäftsführerin des Fördervereins Gutshaus Mahlsdorf. Dieser betreibt die Einrichtung seit nunmehr 20 Jahren – am Freitag, 21. April, gibt es einen Jubiläums-Empfang für geladene Gäste. Am Sonntag, 23. April, lädt der Verein zu einem „Tag des offenen Museums“ ein.

Engagierte Ehrenamtliche

Dass sich der Förderverein überhaupt gründete, hängt mit der jüngeren Geschichte des Hauses zusammen. Charlotte von Mahlsdorf, die als bekanntester deutscher Transvestit gilt, hatte nach Neonazi-Angriffen im Jahr 1991 beschlossen, nach Schweden überzusiedeln. 1995 führte sie letztmalig Besucher durch ihr Privatmuseum, 1997 zog sie nach Porla Brunn (Schweden). Einen Teil ihrer Gründerzeit-Sammlung verkaufte sie dem Land Berlin, einen Teil nahm sie mit. Engagierte Mahlsdorfer schlossen sich danach zusammen und gründeten einen Förderverein mit dem Ziel, das alte Gutshaus weiter zu betreiben. Darunter waren viele, die Charlotte, wie die Museumsgründerin genannt wurde (mit bürgerlichen Namen Lothar Berfelde), persönlich gut gekannt hatten. Bereits am 22. Juni 1997 konnte das Gründerzeitmuseum wieder eröffnet werden. Seitdem betreuen die rund 60 Vereinsmitglieder das Haus, kümmern sich um die Sammlung und führen ehrenamtlich Gäste durch die Räume.

Denkmalgerecht saniert und erweitert

Doch Charlottes Haus ist längst nicht mehr das, was es einmal war: Der Förderverein hat das Gebäude, das er im Mai 2001 von der Museumsgründerin kaufte, in langjähriger Arbeit nicht nur instandgesetzt und denkmalgerecht saniert, sondern auch die Museumsräume wesentlich erweitert. Dafür gab es mehrfach Fördermittel von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie, auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und das Landesdenkmalamt beteiligten sich. Der Bezirk gab eine kleine Summe dazu. Die Sammlungsteile, die Charlotte von Mahlsdorf mit nach Schweden genommen hatte, werden seit 2004 ebenfalls wieder in Mahlsdorf gezeigt. Zunächst waren sie eine Leihgabe der Familie Berfelde, 2011 konnten sie mit Unterstützung der Lottostiftung vom Verein angekauft werden. Nun gibt es nicht nur insgesamt 14 vollständig mit Hausrat und Mobiliar eingerichtete Räume zu sehen, darunter einen roten und grünen Damensalon und einen repräsentativen Gartensaal, sondern auch eine Sammlung von mechanischen Musikinstrumenten und mit der Mulackritze die älteste erhaltene Zille-Kneipe Berlins.

Berühmt durch den Broadway

Dass das Mahlsdorfer Gutshaus inzwischen Gäste aus aller Welt anzieht, ist vor allem auf den US-Amerikaner Doug Wright zurückzuführen. Mit seinem Stück „I Am My Own Wife“, das auf der Autobiografie und von ihm geführten Interviews mit der Museumsgründerin basiert, war Charlotte von Mahlsdorf auch international bekannt geworden. Die Premiere fand 2003 am New Yorker Broadway statt, inzwischen wurde das Stück in mehr als 30 Ländern der Welt gezeigt. „Immer wieder gibt es Besucher, die Charlottes Haus kennenlernen wollen“, erzählt Monika Schulz-Pusch. Der Autor selbst war mehrfach in Mahlsdorf, Monika Schulz-Pusch und ihr Mann haben ihn ebenfalls bereits in New York besucht.

Die wenigsten Gäste kommen aus dem Bezirk

Aus Marzahn-Hellersdorf selbst kommen die wenigsten Gäste ins Gründerzeitmuseum. Vielleicht liegt es ja dran, dass man Gutes, was nahe liegt, unterschätzt. Vielleicht aber auch daran, dass der Bezirk für dieses Kleinod nicht so richtig die Werbetrommel rührt. Dabei ist es nicht nur für Erwachsene interessant. Auch Kinder freuen sich über die Bekanntschaft mit dem Leben in einer längst vergangenen Epoche. Besonders begeistert sind sie bei Rundgängen, wenn die Musikmaschinen spielen. So etwas haben sie schließlich in Zeiten von iPad und iPod noch nie erlebt…

Zahlen & Fakten

Gründerzeit: Der Beginn der Gründerzeit wird durch den Sieg über Frankreich im Krieg 1870/71 und die 1871 erfolgte Gründung des Deutschen Reiches markiert. Danach gab es einen Gründerboom von Aktiengesellschaften, Banken und Unternehmen, die deutsche Wirtschaft erlebte einen großen Aufschwung. Das Bürgertum erfuhr einen bisher nie gekannten Wohlstand. Sein damit gesteigertes Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Repräsentation fand seinen Ausdruck nicht zuletzt im Wohnbereich.

Charlotte von Mahlsdorf: Die Museumsgründerin wurde am 18. März 1928 als Lothar Berfelde in Mahlsdorf geboren. Der sich als Mädchen fühlende Knabe hatte sehr unter seinem gewalttätigen Vater zu leiden. Zuflucht fand er bei seinem Großonkel Josef Brauner. Die ihn dort umgebende Wohnkultur der Gründerzeit sollte eine Liebe für das ganze Leben werden. Bereits 1946 hatte er fünf vollständige Zimmereinrichtungen zusammengetragen. 1958 nahm er sich des vom Abriss bedrohten Gutshauses Mahlsdorf an, wo er am 1. August 1960 zunächst in zwei Räumen sein Gründerzeitmuseum eröffnete. 1972 wurde das Gebäude auf die Denkmalliste der DDR gesetzt. 1974 wollte der Staat Museum und Sammlung durch hohe Steuernachforderungen in seinen Besitz bringen. Das konnte 1976 durch den Einsatz des Anwalts Friedrich Karl Kaul und der Schauspielerin Annekathrin Bürger abgewendet werden. Bis 1995 führte Charlotte die Besucher noch durch ihr Museum, im Frühjahr1997 übersiedelte sie nach Schweden. Bei einem Besuch in Berlin verstarb sie unerwartet am 30. April 2002. Einem großen Publikum bekannt wurde Charlotte von Mahlsdorf durch ihre Autobigrafie „Ich bin meine eigene Frau“, die 1992 durch Rosa von Praunheim verfilmt wurde. Der US-Autor Doug Wright bekam für sein Theaterstück „I Am My Own Wife“ 2004 sowohl den Pulitzer-Preis als auch den Tony Award.

Aus der Vereinschronik: Der Förderverein Gutshaus Mahlsdorf wurde am 14. Mai 1997 gegründet, am 22. Juni 1997 erfolgte die Wiedereröffnung des Museums. Seitdem gibt es dort nicht nur Führungen, sondern auch zahlreiche Veranstaltungen. Am 24. August 2003 wurde der vom Förderverein gestiftete Gedenkstein für Charlotte von Mahlsdorf feierlich enthüllt. Am 5. Januar 2006 spielte der Schauspieler Jefferson Mays im Gutshaus das Erfolgsstück von Doug Wright. Am 9. September 2007 hatte das Theaterstück „Ich mach ja doch was ich will“ im Berliner Renaissance-Theater mit Dominique Horwitz in der Rolle der Charlotte von Mahlsdorf Premiere. Am 1. August 2010 kamen rund 3.000 Gäste zum 50. Museums-Jubiläum. Februar 2014 kaufte der Verein auch das Grundstück.

Das Museum: Die Mahlsdorfer Sammlung zählt zu den bedeutendsten Gründerzeitsammlungen Deutschlands. Sie besteht aus 14 vollständig eingerichteten Ausstellungsräumen einschließlich einer mechanischen Musikmaschinensammlung. Im Untergeschoss befindet sich eine Kücheneinrichtung und die Kneipe Mulackritze. Bis auf das neogotische Speisezimmer zeigt das Mobiliar den damals bevorzugten Einrichtungsstil der Neorenaissance. Das Ambiente gründerzeitlichen Wohnens wird bis hin zu Waschgarnitur, Nähgarn und Monogrammstickerei in hohem Maße authentisch erlebbar.

Zum Jubiläum: Es ist ein Kurzfilm entstanden, der die Entwicklung des Gründerzeitmuseums nach dem Tod von Charlotte von Mahlsdorf zeigt. Ein zweiter Film über die Museumsgründerin wird noch in diesem Jahr fertig und soll im Museum seine Premiere haben.

(Aus Informationen des Museums und des Fördervereins)

Gründerzeitmuseum im Gutshaus Mahlsdorf: Hultschiner Damm 333, 12623 Berlin.
Tel. 030-567 83 29. Geöffnet: Mi und So 10 bis 18 Uhr. Der Museumsbesuch ist nur mit einer Führung möglich. Auch außerhalb der Öffnungszeiten können Führungen vereinbart werden (auch in deutscher und polnischer Sprache).
Eintritt: 4,50 Euro, Kinder 6–12 Jahre 2 Euro, Studenten 3,50 Euro, Gruppen ab 8 Personen je 3,50 Euro.
Am Sonntag, 23. April, anlässlich des Jubiläums Eintritt frei! 

Weitere Informationen:
www.gruenderzeitmuseum.de

 

 

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