Der Gehrensee ist kaum noch ein See, er verlandet immer mehr. Warum?

Gehrensee: Tod auf Raten

10.10.2017, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Falkenberg. Klimawandel oder zu viele Wohnhäuser? Verwaltung und Experten streiten darüber, warum ein kleines Gewässer im Norden von Lichtenberg kaum noch Wasser führt. Ändert sich nicht bald etwas, ist der See Geschichte.

Der Weg zum Gehrensee führt vorbei an einer großen Baustelle: Wohin das Auge blickt, entstehen derzeit Reihenhäuser. Kurz vor der Landesgrenze zu Brandenburg wird der Platz auf den freien Flächen knapp – was zu einer großen Gefahr für den kleinen Pfuhl im Norden des Bezirks wird. Denn schon jetzt führt der Gehrensee so wenig Wasser, dass man schon gar nicht mehr von einem Gewässer sprechen kann. Die Folge: Für heimische Pflanzen- und Tierarten wird es eng, sodass Naturschützer befürchten, dass die hier typische Flora und Fauna zusehends verdrängt wird. Für die Naturschützer liegt der Grund auf der Hand: Weil immer mehr Freiflächen bebaut werden, gelangt nicht mehr genug Regenwasser ins Erdreich, der See trocknet aus. Das zuständige Bezirksamt Lichtenberg sieht hingegen den Klimawandel als Ursache.

Regenwasser landet nicht mehr im See

Viel ist von dem kleinen See nicht mehr übrig. Dabei gab es noch um die Jahrtausendwende Pläne, ihn wieder mit Wasser aufzufüllen. Jahrzehntelang fristete der Gehrensee nahe der Ahrensfelder Chaussee sein Dasein. Er befand sich lange auf dem Areal, das einst vom DDR-Ministerium des Inneren genutzt wurde. Gut für die heimische Tier- und Pflanzenwelt: Sie konnte sich in dem Biotop ungestört entfalten. Doch inzwischen rücken die architektonisch recht anspruchslosen Einfamilienhäuser immer näher ans Wasser. Einstige Freiflächen wurden mit monotonen Wohnkästen bebaut, Straßen sowie Gehwege angelegt. Und genau das ist das Problem. Regenwasser, das einst im Erdreich versickerte und von dort unter anderem auch in den See gelangte, wird nun weitestgehend in die Berliner Kanalisation abgeführt. „Ich war recht erfreut, als wir vor einigen Wochen dort die Rotbauchunke hörten“, sagt Beate Kitzmann, Diplom-Biologin und Chefin der Naturschutzstation in Malchow. Das sei ein gutes Zeichen, denn mit den Rufen dieser heimischen Kröte sollen Artgenossen auf die Paarungsbereitschaft hingewiesen werden. Der Starkregen, mit dem Berlin im Sommer mehrfach zu kämpfen hatte, war ein Segen für den Gehrensee. Inzwischen ist von dem Wasser aber auch nur noch eine Pfütze übrig. Die Naturschützer, die sich darum kümmern, dass die wenigen Freiflächen rund um den See beweidet werden, sind in großer Sorge. Sie fordern, dass das anfallende Regenwasser komplett in den See geleitet wird.

Feuchte Winter fehlen

Der für Umwelt zuständige Lichtenberger Bezirksstadtrat Wilfried Nünthel (CDU) kennt das Problem mit dem Gehrensee. Er sagt, dass dieser Gewässertyp vom Grundwasser abhängig ist. Den niedrigen Grundwasserspiegel führt er jedoch auf den schleichenden Klimawandel zurück. „In erster Linie fehlen uns die feuchten Winter“, sagt Nünthel. Weil es kaum noch nennenswert schneit, sinke der Grundwasserspiegel. „Einen richtig guten Winter hatten wir zum Jahreswechsel 2009/ 2010 und dann noch einmal Ende 2010“, erinnert sich Nünthel. In der Tat lag damals über mehrere Monate bis weit in den April hinein Schnee – und das an einigen Stellen kniehoch. Die Versiegelung von freien Flächen, beispielsweise durch Neubauten, werde jedoch kompensiert. „Anfallendes Niederschlagswasser muss versickern“, sagt Nünthel und widerspricht damit der Behauptung der Naturschützer.

Naturschützer fühlen sich übergangen

Dennoch nimmt der Bezirk die Sorgen der Experten ernst – und hat nun auch eine neue Stelle geschaffen für einen Mitarbeiter, der die Gewässerproblematik im Auge hat. Unter anderem soll verhindert werden, dass die Amphibienpopulation zusammenbricht.

Für Beate Kitzmann ist der Gehrensee nur ein Beispiel dafür, dass der anhaltende Bau von Einfamilienhäusern und Mehrgeschossern langfristig heimische Tier- und Pflanzenarten verdrängt. Zwar hätten anerkannte Naturschutzverbände über die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz die Möglichkeit, im Rahmen von öffentlichen Anhörungen Stellungnahmen zu Bauvorhaben einzureichen. Aus der Praxis aber wisse sie, dass in 99,8 Prozent aller Fälle die Einwände keine Berücksichtigung finden. Streng geschützte Tierarten wie die Zauneidechse würden mehr und mehr verdrängt. Da helfe auch kein Zauneidechsen-Transit, wie ihn Kitzmann bezeichnet. Darunter ist die Umsiedlung von Zauneidechsen zu verstehen, deren Lebensraum zu einer Baustelle umfunktioniert wird. Es sei ein Irrglaube, dass man seltene Tier- und Pflanzenarten einfach so umsiedeln kann. „Der Lebensraum hängt von vielen Faktoren ab“, sagt Kitzmann.

Wie es mit dem Gehrensee weiter geht, ist indes unklar. Bleibt das notwendige Wasser weiter aus, wird er langfristig versanden. Dann erinnern nur noch Fotos vergangener Jahre an ihn – und Eintragungen in Landkarten. Dort ist der aktuell noch als großer blauer Fleck zwischen viel Grün zu sehen.

 

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