Zwischen Stadt und Land

Fremd in der eigenen Stadt

14.05.2017, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding

Als wir 1990 nach Berlin zogen, war die Freude groß – bei unserer Mutter, denn sie kam ursprünglich aus Berlin. Wir Kinder aber konnten mit Berlin nicht viel anfangen. Schon zu Ostzeiten, wo sich der Verkehr auf den Straßen in Grenzen hielt, war uns diese Stadt zu laut. Hin und wieder ging es in den Sommerferien zu den lieben Verwandten. Mit einem unserer Cousins kletterten wir über Mauern dunkler Hinterhöfe von Mitte. Der andere stiftete uns Landeier zu Klingelstreichen in Mahlsdorf an. Als wir dann wieder zu Hause auf dem Dorf waren, erzählten wir von den Großstadtabenteuern. Unsere Kumpels machten große Augen. Wir mochten Berlin als Gäste. Dass wir irgendwann einmal selbst Berliner werden sollten, suchten wir uns aufgrund unseres jungen Alters nicht selber aus.

Es dauerte einige Zeit, bis wir uns mit dieser morbiden Stadt angefreundet hatten. Liebe auf den zweiten Blick sozusagen. Für uns Halbwüchsige war unsere Jugend, die wir in direkter Nachbarschaft zur inzwischen durchlöcherten Mauer verbrachten, dann aber eine wilde Zeit. Anfangs wohnten wir in der Habersaathstraße gleich gegenüber vom Stadion der Weltjugend, unserem großen Spielplatz. In der Chausseestraße gab es zwischen den alten Wohnhäusern viele Baulücken oder heruntergekommene Fabrikgebäude. Mit unserem Hund konnten wir seelenruhig über den alten Mauerstreifen laufen – ohne Leine. Interessiert hat es keinen. 1992 oder 1993 muss es gewesen sein, da ließ man die U-Bahnlinie 6 sanieren und erstmals hatten wir eine riesige Baustelle vor der Tür. Danach ging es aber wieder gemächlich zu. Abends war auf der Chaussee- oder Torstraße so viel los wie auf der bestbefahrenen Hauptstraße von Neuruppin.

Vor einigen Tagen war ich nach Ewigkeiten mal wieder im alten Kiez unterwegs. Ich hatte in Mitte Termine. Mein erster Fehler bestand darin, das Auto zu nehmen, denn ich habe die meiste Zeit an Ampeln verbracht. Das hatte wiederum auch den Vorteil, dass ich mich in aller Ruhe umschauen konnte und aus dem Staunen nicht herauskam. Die neue BND-Zentrale an der Chausseestraße kannte ich schon, dass aber keine (!) der einstigen Baulücken mehr frei ist und selbst auf dem Gelände, wo einst Aufzüge montiert wurden, von Glasfassaden geprägte Wohnblöcke entstanden, war für mich neu. An der Friedrichstraße schließlich verließ ich nach langer Parkplatzsuche mein Auto und schlenderte zum Termin, um festzustellen, dass jetzt auch das Tacheles-Gelände Heimat für eines dieser monströsen Wohn- und Geschäftshäuser wird. Auffallend waren die vielen Menschen, das babylonische Sprachgewirr, die Berlin-Besucher auf ihren Leihfahrrädern und die gut angezogenen Männer, die mit Rollkoffern Richtung Bahnhof hasteten. Geschäfte, die jahrelang leer standen, sind jetzt Kneipen und Bars, deren Werbung oftmals nur noch auf Englisch verfasst ist. Wo (Ost-)Berlin mal endete, tobt jetzt das Leben. Fast dachte ich, dass alles, was meine jungen Tage prägte, verschwunden ist. Bis ich jenen Bäcker entdeckte, bei dem wir schon als Teenies Schrippen kauften. Schön, dass es euch noch gibt, sagte ich noch zur Frau hinter der Theke, die mir mit leicht verstörtem Blick meine Brötchen herüberreichte.

Auf dem Weg nach Hause in mein Dorf irgendwo bei Storkow gingen mir die Bilder von der neuen Mitte Berlins nicht aus dem Kopf. Nein, das ist nicht mehr mein Kiez. Ich fühlte mich fremd in der eigenen Stadt, die ein Vierteljahrhundert meine Heimat war. Abends aß ich die Brötchen von Bäcker Taudien in der Invalidenstraße, blickte zufrieden auf unser Waldgrundstück, genoss die herrliche Luft und die Ruhe, die vom Flattern der Stockenten unterbrochen wird, die derzeit unseren Teich ansteuern. Alles hat eben seine Zeit.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf und fährt nur selten mit dem Auto quer durch Berlin.

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