Naturschutz Malchow e.V. hat vom Aussterben bedrohte Rinder erworben

Freeman, Ginger Ale, Genoa & Thilda

17.11.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Wartenberg. Freeman nimmt’s gelassen. Erst am 9. November zog der 13 Monate junge Bulle von einem biologisch wirtschaftenden Betrieb an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste auf den zehn Hektar großen Wiesenschlag am Rande des Landschaftsparks Wartenberger Feldmark. Die Reise unternahm er nicht allein. Die Jung-Kühe Ginger Ale, Genoa und Thilda sind mit an den Rand der deutschen Hauptstadt gekommen. Doch hier wurden die Damen von ihrem männlichen Artgenossen erst einmal getrennt. Sie sind noch zu jung für Freeman und stehen deshalb auf einer Wiese in Falkenberg neben dem Tierheim Berlin – nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Nun leisten vier schottische Jungbullen dem Neuankömmling aus Nordfriesland erst einmal Gesellschaft.

Älteste noch lebende Kulturrasse

Die Anschaffungen sind der ganze Stolz des Vereins Naturschutz Berlin-Malchow. Geschäftsführerin Beate Kitzmann steht das Glück ins Gesicht geschrieben. „Die Jungtiere sind ‚Deutsche Shorthorns’, Rinder, die zur weltweit ältesten noch lebenden Kulturrasse gehören“, sagt sie. Shorthorns stammen ursprünglich aus Nordengland, wo sie von den Brüdern Colling um 1822 gezüchtet wurden. Später entwickelten Viehhalter aus Schleswig-Holstein die Rasse zu einer Linie mit eigenen Merkmalen weiter. Das deutsche Shorthorn ist mittelgroß, hat einen muskulösen und kantigen Körperbau und ist – relativ hochbeinig – hervorragend an maritimes Klima mit wechselfeuchten Böden angepasst. Im Körperbau ähnelt es dem Auerochsen. Die Tiere sind genügsam und eignen sich zur sogenannten Robustrinderhaltung. Sie können das ganze Jahr im Freien verbringen. In der Natur reichen ihnen einige Sträucher, um sich zurückzuziehen. Bei der Wiesenhaltung dient ein Unterstand als Ersatz. Das Fell der Rinder ist rot, rot-bunt, weiß und auch schimmelfarbig. Die namensgebenden, kurzen Hörner sind bei ausgewachsenen Exemplaren leicht nach vorne gebeugt.

Auf der Roten Liste

In ganz Deutschland leben gerade noch etwa 200 Shorthorns. Durch Stallzüchtung haben davon nur noch ca. 30 Tiere überhaupt Hörner. Sie sind deshalb auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen als „stark gefährdet“ eingestuft. Der Kauf von Ginger Ale, Genoa, Thilda und Freeman wurde mit 10.000 Euro von der Stiftung Naturschutz Berlin finanziert. „Wir wollen die Tiere extensiv halten und einen tragfähigen Bestand entwickeln“, sagt Beate Kitzmann. „Einige der bis vor kurzem gehaltenen Heckrinder mussten wegen veterinärrechtlicher Vorschriften leider abgeschafft werden.“ Deshalb habe man überlegt, welche alte Haus- und Nutztierrasse in die Region passt – so seien die Naturschützer auf die Shorthorns gekommen.

Fressen für mehr Biodiversität

Die Tiere sollen nicht der Fleischgewinnung dienen, vielmehr wolle man mit ihnen die Landschaftspflege befördern, erklärt die Vereins-Chefin. Das Grünland sei ein Kultur-Biotop, das man in der Stadt nicht mehr so oft finde. Die pflanzenfressenden Wiederkäuer sollen durch ihr Fressverhalten die Biodiversität der Flora und Fauna fördern. Ohne die Beweidung der Flächen würden dort binnen weniger Jahre zunächst Sträucher, später auch Bäume wachsen. „Viele Insekten brauchen aber gerade die Bedingungen einer Wiese mit Blumen, Gräsern und Kräutern zum Überleben“, erklärt die Biologin. Von den Insekten wiederum seien die Populationen vieler Vögel abhängig. „Zu den Gräsern und Kräutern, die die Rinder auf der Weide finden, füttern wir aber auch noch etwas Heu hinzu“, ergänzt Bernd Pasewald, Teamleiter für den Bereich biologische Landwirtschaft.

Das Große Wiedersehen

Der Naturschutz Berlin-Malchow e.V. hat in den vergangenen 23 Jahren Pionierarbeit in der Pflege und Gestaltung von Biotopen durch die Beweidung mit Rindern geleistet. Insgesamt hält der Verein derzeit gut 100 Tiere, auch auf Flächen in Marzahn-Hellersdorf und Pankow.

Im kommenden Wonnemonat Mai ist das große Wiedersehen des Shorthorn-Bullen mit den Rinderdamen im Naturschutzgebiet Falkenberger Rieselfelder geplant. „Dann hoffen wir Anfang bis Mitte 2019 auf zahlreiche Kälbchen“, sagt Bernd Pasewald. Die Austragungszeit bei den Shorthorn-Kühen beträgt neun Monate. „Vielleicht wird im Rahmen der Bestandspflege dann in fünf oder sechs Jahren auch mal ein Tier geschlachtet“, erklärt Beate Kitzmann. Im Hofladen der Naturschutzstation Malchow an der Dorfstraße 35 wird nämlich auch zertifiziertes Biofleisch angeboten.

 

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