Vor 40 Jahren wurde die erste Platte in Marzahn gesetzt

Es begann mit der Gummistiefelzeit

07.07.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Emmanuele Contini (1-3), Birgitt Eltzel (3-7)

Marzahn-Hellersdorf. Direkt neben der Steinernen Richtkrone, die sich an der Allee der Kosmonauten in Marzahn in die Höhe reckt, ist in einer schon etwas verwitterten Betonwand eine scherenschnittartige Figur zu sehen: Sie soll den Berliner Brigadier Peter Zeise darstellen, der am 8. Juli 1977 mit erhobener Hand dem Kranführer das Zeichen zum Hochziehen der ersten Marzahner Platte gibt. An diesem Tag beginnt an der Marchwitzastraße 41-45 der Hochbau der Großsiedlung Marzahn (die Tief- und Verkehrsbauer waren schon vorher tätig) – rund 100.000 Plattenbauwohnungen in Marzahn und Hellersdorf wurden bis 1992 errichtet.

Mehr Einwohner als Saarbrücken

Als ich darüber für unser im Frühjahr erschienenes Buch „Gestatten? Marzahn-Hellersdorf“ schrieb, hatte ich sofort den Titel für das Kapitel im Kopf: „Eine ganze Stadt in einem Vierteljahrhundert“. Doch ich musste mich als schwache Kopfrechnerin korrigieren (glücklicherweise hatte ich die Zahl noch nicht niedergeschrieben): Es brauchte nämlich sogar lediglich 15 Jahre bis 1992 die Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf mit Wohnhäusern, Kitas und Schulen, mit Verkaufs- und Kultureinrichtungen fertig waren. Auf früherem Dorf- und Rieselfeldgebiet war in sagenhaft kurzer Zeit eine Großstadt entstanden. Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf hat mit inzwischen mit mehr als 262.000 Menschen mehr Einwohner als Saarbrücken, die Hauptstadt des Saarlandes. Etwa zwei Drittel der Einwohner leben in der Plattenbausiedlung, die als die größte in Europa gilt. Übrigens durchaus zufrieden, wie zahlreiche Umfragen beweisen.

Erste Bewohner schon vor Weihnachten 1977

Sicherlich kann man über die normierten Häuser, die Wohnungsschnitte und auch die „Platte“ an sich geteilter Meinung sein. Doch die großartige Leistung, viele Menschen in kurzer Zeit mit relativ komfortablem Wohnraum versorgt zu haben, bleibt. Und nicht von ungefähr wohnen insbesondere jene, die in den Marzahner Gründerjahren in diese Häuser einzogen, nach wie vor gern in ihren Vierteln. Wie das Ehepaar Carola und Gerd Jütte, das wir für unser Buch interviewt hatten. Heute sind beide Rentner, damals waren sie die Erstbewohner im Block Marchwitzastraße 41-45, an dessen Richtfest am 2. September 1977 das Denkmal der Steinernen Richtkrone erinnert. Sie erzählten uns, wie froh sie damals waren, als sie mit Tochter Ilka aus einer Bruchbude in Weißensee in ihr neues Heim ziehen konnten: „Ein Luxus, das warme Wasser kam gleich aus dem Hahn.“ Der erste Artikel über die allerersten Neu-Marzahner stand übrigens in der „BZ am Abend“, dem heutigen „Berliner Kurier“ – Fotograf Volkhard Kühl und Reporter Rudi Bensel waren wenige Tage vor Weihnachten 1977 bei Dunkelheit über die Baustelle gestapft und hatten ein Licht in einem Fenster des ansonsten dunklen Zehngeschossers gesehen. „Wir hatten zwar noch keine Klingelschilder, aber irgendwie haben sie trotzdem die richtige Taste gefunden“, sagte Gerd Jütte. Er hat den Artikel, der nach einem langen Abend mit den Journalisten entstand, wie viele andere in dicken Mappen aufbewahrt – ganz persönliche Erinnerungen an die Marzahner Gründerjahre und die darauf folgenden.

Erinnerung: Ein riesiger Abenteuerspielplatz

Marzahns erster Bürgermeister Gerd Cyske sprach gern von der „Gummistiefelzeit“. Dieses Schuhwerk brauchte, wer sich durch Schlamm und Matsch bewegen musste – der Bau von Wegen und Straßen dauerte oftmals länger das Hochziehen neuer Häuser (siehe auch hier). Für viele Kinder war die anfangs noch unwirtliche Wohnumgebung dennoch absolut spannend. Detlef Caspers, der 1978 als Achtjähriger mit seinen Eltern an die Allee der Kosmonauten zog, heute Schichtleiter bei der Berliner S-Bahn, sagt: „Wir Jungs haben immer die großen Maschinen bestaunt, das Neubaugebiet war für uns ein riesiger Abenteuerspielplatz.“ Caspers lebt noch heute im Bezirk.

Üppiges Grün, buntere Häuser

Der Abenteuerspielplatz von einst ist längst verschwunden. Viel Grün ist entstanden, neue Straßen und Wege, die Häuser sind saniert, etliche wurden wegen Anfang der 2000er-Jahre zurückgehender Bevölkerungszahlen sogar wieder abgerissen. Als das Bezirksmuseum in einer Ausstellung Fotos aus der Marzahner Gründerzeit zeigte, diskutierten viele der Gäste, wo denn die Aufnahmen gemacht wurden. Vieles war nur noch schwer wiederzuerkennen, das einst spärliche Grün ist nun üppig, die Gebäude sind bunter und wurden durch neue wie das Einkaufszentrum Eastgate oder die Hellersdorfer Helle Mitte ergänzt. Ich selbst erinnere mich noch gut, wie wir bei Verwandten Ende der 1980er-Jahre aus dem 9. Stock eines Marzahner Hochhauses Richtung Kienberg/Hellersdorf guckten, auf Felder und Wiesen. Heute befinden sich dort die viel besuchten „Gärten der Welt“, derzeit Hauptaustragungsort der Internationalen Gartenausstellung (IGA) Berlin 2017, mit Berlins erster Kabinenseilbahn.

Die Kräne drehen sich wieder

Inzwischen drehen sich auch in Marzahn-Hellersdorf die Kräne wieder. Denn der Bezirk, 2001 entstanden aus dem 1979 gegründeten Bezirk Marzahn und dem 1986 gebildeten Stadtbezirk Hellersdorf, wächst – so wie die ganze Stadt Berlin. Neue Wohnungen werden erneut dringend gebraucht. In den nächsten drei Jahren sind im Bezirk mehr als 3.400 Wohnungen geplant bzw. schon im Bau. An das Tempo der Marzahner Aufbaujahre kommen die Bauleute allerdings nicht heran – für die sieben vier- bis sechsgeschossigen Neubauten der Joachim-Ringelnatz-Siedlung Süd (299 Wohnungen) beispielsweise braucht es fast zwei Jahre. Dort wurde der Grundstein im Januar 2017 gelegt, die Fertigstellung ist im Dezember 2018 vorgesehen. Denn anders als im industriellen Wohnungsbau mit Taktstraßen und Komplexbrigaden (auf den Tiefbau folgte die Montage, dann kamen die Innenausbauer wie Tischler, Maler und Elektriker), entstehen die derzeitigen Neubauten praktisch nach dem Manufakturprinzip. Wer allerdings deshalb gehofft hatte, die Häuser würden abwechslungsreicher, so wie beispielsweise die beliebten Gründerzeitgebäude in der Innenstadt, war auf dem Holzweg – sie ähneln sich doch alle recht stark. Auch an Typenbauten wird jetzt wieder gedacht. Die landeseigene Stadt und Land Wohnbauten Gesellschaft will ab Herbst den Prototyp eines vielseitig wandelbaren Gebäudes an der Schkeuditzer Straße in Hellersdorf errichten, quasi die Platte 2.0.

Denkmal leider ungepflegt

Dort, wo vor 40 Jahren alles begann, hat ein Denkmal schon Patina angesetzt: An der Steinernen Richtkrone windet sich dichtes, immergrünes Efeu empor, am Sockel blühen Rosen. Doch die Betonplatte mit der Figur des Brigadiers, die auch an den Modulor von Le Corbusier (1887-1965) erinnert, die berühmte Maßfigur des Menschen, mit der der weltberühmte Architekt die Proportionen von Gebäuden bestimmte, ist verwittert und teilweise mit Graffiti beschmiert. Es stünde dem Bezirk, Eigentümer des Kunstwerks, gut zu Gesicht, dieses (inklusive des Richtsspruchs von Dramatiker Helmut Baierl) endlich einmal gründlich aufzufrischen und nicht nur im Jubiläumsjahr regelmäßig zu pflegen. Schließlich steht es für die Geschichte von Marzahn-Hellersdorf wie kaum ein anderes – und auch für viele damit verbundene, ganz individuelle Geschichten der Bewohner in der „Platte“.

Ausstellungen zur Geschichte:
„Von den Anfängen bis zu den Großsiedlungen“, Dauerausstellung des Bezirksmuseums, Haus 1, Alt-Marzahn 51. Geöffnet: Di-Do und So 1 bis 17 Uhr. Eintritt frei.
„Bauplatz Marzahn-Hellersdorf“, Bezirkliches Informationszentrum, Hellersdorfer Straße 159, täglich 9 bis 18 Uhr, Eintritt frei. 

Das Buch zum Bezirk:
„Gestatten, Marzahn-Hellersdorf!“, Bild-Text-Band, 136 Seiten in deutsch und englisch, Preis 24,90, erschienen im März 2017 im BezirkePlus-Verlag Volkmar Eltzel, bestellbar in allen Buchhandlungen (vorrätig beispielsweise bei Thalia im Eastgate) sowie über amazon.

 

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