Ehre für eine fast vergessene Schriftstellerin – Opfer des NS-Terrors

Eine Straße für Lili Grün

31.08.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hellersdorf. Die 1942 durch das NS-Regime wegen ihrer jüdischen Abstammung ins Vernichtungslager Maly Trostinec in Weißrussland deportierte und dort ermordete österreichische Schauspielerin und Schriftstellerin Elisabeth (Lili) Grün wird jetzt durch die Benennung einer Straße in Hellersdorf geehrt. Am Mittwoch, 30. August, wurde das Straßenschild „Lili-Grün-Weg“ in der neuen Interhomes-Siedlung an der Carola-Neher-Straße feierlich enthüllt. Heike Nachkunst, Vertreterin des Bauherrn, sagt, dass man gern dem Wunsch des Bezirks nachgekommen sei: „Es ist uns eine Ehre, Lili Grün damit ein Denkmal zu setzen.“ Auf dem etwa 13.000 Quadratmeter großen Grundstück, das die Interhomes AG im Jahr 2013 erworben hatte, sind 70 Eigenheime entstanden, 20 sind noch im Bau. Die meisten Häuser wurden bereits bezogen.

Wieder ins gesellschaftliche Gedächtnis gerückt

Dass der Name Lili Grün wieder ins gesellschaftliche Gedächtnis gerückt ist, ist vor allem der in Friedrichshain lebenden Literaturwissenschaftlerin Anke Heimberg verdanken. Heimberg stellte umfangreiche Recherchen zu Grüns Biografie an, der Berliner Aviva Verlag brachte die Werke der im Alter von 38 Jahren von den Nazis getöteten Künstlerin neu heraus. Auf eines der Bücher, den 1933 erschienen Debütroman „Herz über Bord“ (bei Aviva inzwischen neu verlegt unter „Alles ist Jazz“), in dem Lili Grün ihre Erlebnisse im Berlin der ausgehenden 1920er/beginnenden 1930er-Jahre verarbeitet, war Anke Heimberg vor zehn Jahren auf einem Trödelmarkt gestoßen. „Ich habe es dann begeistert in einem Zug durchgelesen und wollte mehr über die Autorin erfahren“, erzählt sie. Doch die Nachforschungen waren schwierig. Es existierten kaum noch Dokumente, ein Nachlass war nicht zu finden. „Es war, als sollte der Mensch völlig ausgelöscht bleiben“, erinnert sich Anke Heimberg. Ihre jahrelangen Forschungen brachten das Leben und das Werk der Künstlerin wieder in die Erinnerung. Über Lili Grüns wiedererschienene Bücher schrieb der derzeit in der Türkei unter der Erdogan-Regierung mit haltlosen Anschuldigungen in Haft sitzende Publizist Deniz Yücel in der taz: „Es sind präzise und gefühlvolle Beschreibungen des Großstadtlebens, humorvoll und selbstironisch erzählt, leicht melancholisch, ziemlich keck und sehr berührend.“

„Jeden Tag für freie und demokratische Gesellschaft einsetzen“

Marzahn-Hellersdorfs Wirtschaftsstadtrat Johannes Martin (CDU), auch verantwortlich für das Tiefbauamt, sagte, dass die Benennung der Straße zwei Funktionen habe: Zunächst stehe natürlich die Erinnerung an die Persönlichkeit. Lili Grün habe das Leben in der wachsenden Großstadt Berlin der 20er-Jahre plastisch beschrieben, auch die Probleme und Widersprüche. Ihr Werk passe hervorragend zum wachsenden Bezirk Marzahn-Hellersdorf. „Ihr Name auf dem Straßenschild ist aber auch ein Denkmal, das an die Verbrechen des NS-Regimes erinnert.“ Und dazu auffordere, sich jeden Tag für eine freie und demokratische Gesellschaft einzusetzen, so der Christdemokrat. Nur wenige Meter entfernt von der Lili-Grün-Straße befindet sich das Flüchtlingsheim an der Carola-Neher-Straße, gegen das im Sommer 2013 Neonazis und ihre Anhänger hetzten. Dabei wurde vor anwesenden Fernsehteams provokativ der Hitlergruß gezeigt. Der Kampf gegen die Unterkunft für aus ihren Ländern wegen Verfolgung, Armut und Hunger geflohenen Menschen unter dem Slogan „Nein zum Heim!“ wurde zur Blaupause für ähnliche Aktionen von Rechtsextremisten in der ganzen Bundesrepublik.

Aktive Gedenkkultur im Bezirk

Der Antrag, Lili Grün mit der Benennung einer Straße in Hellersdorf zu ehren, kam vom SPD-Fraktionsvorsitzenden in der BVV, Ulrich Brettin. Die anderen Fraktionen schlossen sich an. Im Bezirk gibt es eine aktive Gedenkkultur. In einer Arbeitsgruppe Gedenkorte (in der vergangenen Legislaturperiode gab es auch noch eine AG Straßenbenennungen) setzen sich Bezirksverordnete, Mitarbeiter des Bezirksamtes und des Heimatvereins mit Vorschlägen zur Straßenbenennung auseinander. Es gibt eine bestätigte Vorschlagsliste, die nach und nach abgearbeitet wird. „Das ist natürlich abhängig von der Verfügbarkeit neuer Straßen“, sagt Stadtrat Martin. „Bei Privatstraßen reichen wir die Liste an die entsprechenden Entwickler mit der Bitte um Beachtung. Die Entscheidung liegt allerdings beim jeweiligen Eigentümer.“

Frauen bei Neubenennungen bevorzugt

In Hellersdorf sei die Vorschlagsliste aufgrund bereits erfolgter Benennungen fast erschöpft, so Martin. Schon fest steht, dass in Mahlsdorf eine Straße nach Charlotte von Mahlsdorf benannt wird, wir berichteten. Das soll voraussichtlich zum 90. Geburtstag von Charlotte, mit bürgerlichem Namen Lothar Berfelde, am 18. März nächsten Jahres erfolgen. Auf der Liste für Mahlsdorf stehen weiterhin die Grafikerin und Illustratorin Ingeborg Meyer-Rey (Bummi, Kinderbücher) und die Arbeiterschriftstellerin Emma Döltz (Mahlsdorf). In Marzahn wurde bereits eine Straße im CleanTech Business Park nach der Wissenschaftlerin Clara Immerwahr benannt, auf der Liste stehen u.a. noch die US-Astronautin Judith Resnik, die 1986 bei der Challenger-Katastrophe ums Leben kam, und die deutsch-jüdische Fotografin Lore Krüger, Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Weil nur etwa zehn Prozent aller Straßen im Bezirk nach Frauen heißen, sollen diese bei Neubenennungen bevorzugt werden.

 

 

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