Zwischen Stadt und Land (17)

Ein Stück heile Welt

06.05.2018, Marcel Gäding

Heile Welt am Kutzingsee in Brandenburg. Foto: Marcel Gäding

Nun also wollen sie in Berlin den Kleingärtnern an den Kragen. Wobei: Was heißt nun? Investoren schielen ja schon seit Jahren auf die Parzellen, vor allem in der Innenstadt. Was ist schon ein popeliger Laubenpieper gegen einen zahlungskräftigen Kapitalanleger? Wer immer den schnöden Mammon vor Augen hat, dem ist ein Millionenertrag lieber als die mickrige Jahrespacht von Hobbygärtnern. Das jüngste Argument: Weg mit den Kleingärten, her mit zigtausenden Wohnungen. Die werden schließlich in Berlin dringend benötigt. Eine ganze Kultur ist in Gefahr. Das war schon vor Jahren absehbar.

Als der Drang immer größer wurde, der Großstadt zu entfliehen, kam das Angebot zum Kauf einer kleinen Datsche gerade richtig. 400 Quadratmeter heile Welt, dazu ein Häuschen ganz in der Nähe eines Sees. Manches Mal saßen wir mit unseren Berliner und Dresdner Gartennachbarn abends bei Bier und Korn, sahen in den klaren Sternenhimmel über Brandenburg und waren froh, am Wochenende vom Duft der Kiefern und dem Zwitschern der Vögel umgeben zu sein. Die Kommune, in der sich jenes Refugium befand, plante weitsichtig. Wohnungsbau kommt in dieser schönen Ecke nicht in Frage. So mancher Immobilienspekulant hatte das Nachsehen. Nix mit Eigentumswohnungen am See.

Lange Schlangen beim Besichtigungstermin

Unsere kleine Scholle haben wir längst verkauft. Als wir vor fast drei Jahren in unser Eigenheim nahe Storkow zogen, inserierten wir Bungalow und Garten im Internet. Die Leute standen bei den Besichtigungsterminen Schlange. Unter den Interessenten waren viele, die im Kampf um die besten Plätze in Berlin ihren Garten verloren hatten. Nachdem wir einen Käufer fanden, konzentrierten wir uns auf das Leben auf dem Dorf.

Abends, wenn wir all die schaurigen Nachrichten von Protesten gegen Verdrängung aus den Wohngebieten und vom Aufstand der Kleingärtner in der Abendschau gesehen haben, lehnen wir uns zurück. „Glück gehabt“, sagen wir dann oft. Zumal nun auch die letzten Baugrundstücke selbst in unserer abgelegenen Gegend längst vergeben sind. Berliner „Freunde“ suchen in sozialen Netzwerken verzweifelt nach einem Fleckchen Erde in Brandenburg, Makler stellen sogar mehrere Tausend Euro Belohnung für entscheidende Tipps auf noch ungenutzte Immobilien in Aussicht. Längst bekommen auch wir hier draußen die Verdrängung aus der Innenstadt deutlich zu spüren. Wer es sich leisten kann, zieht aufs Land. Alle anderen gucken in die Röhre.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie drei Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Dass ihm Investoren seine Umgebung nicht zubauen können, stimmt ihn froh.

 

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