Lesetipp: „Heinrich Dathe – Zoologe und Tiergärtner aus Leidenschaft“

Ein Herz für Tiere

04.11.2015, Andrea Scheuring

Fotos: Freunde Hauptstadtzoos (1), Basilisken-Presse (2). Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

25 Jahre ist es nun her, dass der Gründungsvater und langjährige Direktor des Berliner Tierparks, Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe (1910-1991), durch den Ostberliner Magistrat „zwangspensioniert“ wurde. Im Dezember 1990 musste der anerkannte Zoologieprofessor – nach 35 Dienstjahren – innerhalb weniger Tage seinen Schreibtisch und im Laufe des Monats auch die Dienstwohnung im Tierpark räumen. Der Einigungsvertrag ließ keine Übernahme von Mitarbeitern des Öffentlichen Dienstes jenseits der 60 zu. Die Art und Weise der Kündigung, besser der menschliche Umgang der verantwortlichen Politiker mit dem über 80jährigen wurde schon damals in der Öffentlichkeit völlig zurecht kritisiert. Am 6. Januar 1991 starb der beliebte Tierparkdirektor. An „gebrochenem Herzen“, wie viele meinen.

Sammelband über Lebenswerk
Mit der „Dathe-Affäre“ des Magistrats beschäftigt sich der abschließende Text des Sammelbandes „Heinrich Dathe – Zoologe und Tiergärtner aus Leidenschaft“, den Katrin Böhme, Ekkehard Höxtermann und Wolfgang Viebahn soeben bei Basilisken-Presse (Fachverlag für Wissenschafts- Biologiegeschichte) herausgegeben haben. Mit dem 336seitigen, reich bebilderten Buch liegt nun die erste umfassendere Darstellung zum Leben und Werk eines der populärsten deutschen Tiergärtners des 20. Jahrhunderts vor. Der Band beinhaltet Beiträge eines Gedenkkolloquiums und wissenschaftlichen Symposiums, das Dathes Heimatstadt Reichenbach anlässlich des 100. Geburtstages des Tiergärtners  2010 gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie sowie der Staatsbibliothek – welche seit 1992 auch den persönlichen und wissenschaftlichen Nachlass Dathes verwaltet – in Reichenbach und Berlin veranstaltete. In vier großen Abschnitten wird die Person und Persönlichkeit, der wissenschaftich-berufliche Werdegang und die öffentliche Rolle und Rezeption des 1910 im Vogtland geborenen Heinrich Dathe sowie dessen Wirken von der Idee bis zum Aufbau des Tierparks Friedrichsfelde beleuchtet. Zu Wort kommen Weggefährten, Zoologen, Historiker und Naturschützer.

Wissenschaftler, Tiergärtner, Volksbildner

Beim Betrachten der vielschichtigen, trotzdem stringent verlaufenden Biographie Heinrich Dathes wird schnell offenbar, dass der leidenschaftliche, international renommierte Zoologe mit dem enormen Arbeitspensum und der bis zum Ende ungebrochenen Schaffenskraft – wovon weit gefächerte wissenschaftliche Veröffentlichungen von Vogelkunde, Wildtierhaltung über die Verhaltensbiologie bis zur Wirbeltierforschung zeugen – auch ein „mitreißender Volksbildner“ war. Ob im Funk oder Fernsehen versuchte Dathe zeitlebens seine Popularität auch dafür zu nutzen, um über „seinen“ Tierpark und dessen Bewohner zu informieren. Sonntäglich etwa „Im Tierpark belauscht“ beim Gespräch mit Karin Rohn im Berliner Rundfunk. „Die Wissensvermittlung über Tiere und deren Lebensräume stand dabei an erster Stelle, lebendig und unterhaltsam von Professor Dathe vorgetragen.“ (Jörg Junhold)

Wege durch Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche

Heinrich Dathe – „mit einer 80-jährigen Lebensbahn über die wechselnden politischen Systeme hinweg“ (Böhme/Höxtermann/Viebahn) – war ein Mensch mit Visionen. Bereits als Schüler schrieb er 1923 in einem Schulaufsatz: „Oft hat sich schon der Wunsch in mir geregt, einmal reich zu sein. Ich habe mir auch schon ausgemalt, was ich (…) mit dem Geld anfangen würde. (…) Da ich die Natur sehr liebe, würde ich mir einen größeren Garten anlegen, worin ich Pflanzen und Tiere verwildern ließe, um deren Wachsen und Gedeihen beobachten zu können. (…) Endlich ließe ich mir eine große Halle bauen, die von unten geheizt werden könnte, damit tropische Hitze erzeugt würde. In diese müsste vorher eine dicke Schicht Erde gebracht werden, damit ich ausländische Gewächse wie Palmen, Kakteen, Apfelsinen, Zitronen und Bananenbäume einsetzen könnte…“ Vierzig Jahre später konnte sich Dathe diesen Kindheitstraum in Gestalt des Alfred-Brehm-Hauses auf dem Gelände des größten europäischen Landschaftstiergartens verwirklichen. Der Aufbau dieser einzigartigen Anlage in Friedrichsfelde, die auch wegen ihrer Zuchterfolge großes Renommee im Ausland genoß, wurde ihm ab 1954 zur Lebensaufgabe. Mehr als 70 Millionen Besucher fanden im Lauf der Jahrzehnte hier Erholung und Erkenntnis.

Am kommenden Sonnabend, 7. November, wäre Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe 105 Jahre alt geworden.

 

Katrin Böhme, Ekkehard Höxtermann, Wolfgang Viebahn (Hrsg.): „Heinrich Dathe – Zoologe und Tiergärtner aus Leidenschaft“: Eine detailreiche, lesens- wie wissenswerte Zusammenstellung von Beiträgen, die versuchen, das umfangreiche Lebenswerk Heinrich Dathes zu betrachten. „Die für Dathe entwürdigende Entlassung aus dem Amt des Tierparkdirektors 1990 sowie die zurückliegenden öffentlichen Diskussionen um seine frühere NSDAP-Mitgliedschaft verstellten zuweilen den Blick auf eine Lebensleistung, die bei aller Kritik an der Persönlichkeit Dathes uneingeschränkt bestehen bleibt“, resümieren die Herausgeber. Dem ist nichts hinzuzufügen. Absolute Leseempfehlung! Nicht nur für Fans des Berliner Tierparks. Erschienen bei Basilisken-Presse (u.a. mit Unterstützung von Freunde Hauptstadtzoos), 2015, broschiert, 29 Euro, ISBN: 978-3941365148

 

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