Erinnerungen an den Fotografen Wulf Olm (1942-2007)

Ein Herz für Mensch und Tier

05.04.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Marcel Gäding Zum Vergrößern bitte auf das Startbild klicken!

Das Museum Lichtenberg widmet ihm das Kalenderblatt des Monats: Am 5. April vor zehn Jahren ist der Fotograf Wulf Olm gestorben. Viele kennen den gebürtigen Karlshorster, der zuletzt in Neu-Hohenschönhausen wohnte, als Bildreporter der Berliner Zeitung. Auch wir wollen an seinem heutigen zehnten Todestag an einen lieben, langjährigen Kollegen erinnern.

Wir fingen am ersten Arbeitstag des Jahres 1987 gemeinsam bei der Berliner Zeitung an. Ich berichtete in der Lokalabteilung über (Ost)Berlin, vor allem über den neuen Bezirk Hellersdorf. Wulf Olm, Jahrgang 1942, kam von der Jungen Welt, hatte damals schon einen herausragenden Ruf insbesondere als Sportfotograf. Für die „Berliner“ fotografierte er Arbeiter und Parteifunktionäre, den Aufbau der großen Neubausiedlungen am Stadtrand – und immer wieder auch Sportereignisse und Sportler. Nach der politischen Wende setzte er den Wandel der Stadt und des Landes ins Bild, besonders in großen Reportagen mit Alexander Osang, die auch als Bücher erschienen.

Nie „nur“ Fotograf

Wir kannten uns anfangs nur aus Begegnungen auf den Redaktionsfluren und der Verlagskantine, richtig kennenlernen sollten wir uns erst Jahre später. Es war wohl Mitte der 1990er-Jahre, als Wulf Olm, der ausgebildete Fotolaborant und studierte Diplomfotografiker (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig), immer häufiger auch für das Lokalressort arbeitete. Die Entscheidung, statt über die großen nun über die kleineren Themen des Lebens zu berichten, war wohl ihm nicht schwer gefallen. Denn Wulf liebte die Menschen. Und weil diese sein ehrliches Interesse spürten, gewann er auch schnell ihre Sympathie. Ich erinnere mich an gemeinsame Termine, da riss Wulf manchmal das Gespräch an sich, meist heftig berlinernd. So mancher, der eigentlich erst gar nichts sagen wollte, geriet dann schnell ins Plaudern. Es gab auch Interviews, in die er kurzerhand eigene Fragen einbrachte, wenn er glaubte, die Journalistin komme von wichtigen Themen ab. Denn Wulf war nie „nur Fotograf“, er sah sich zu Recht als Bildreporter und damit auch als Fragesteller. Wenn der Arbeitsauftrag beendet war und es Zeit wurde, in die Redaktion zu eilen, bremste Wulf häufig: „So viel Zeit muss sein“. Mit diesen Worten verlangte er dann noch ein gemeinsames, kurzes Kaffeetrinken. Und es gelang ihm damit fast immer, uns aus der Hektikfalle zu lösen. „So viel Zeit muss sein“, hat sich mir wie vielen anderen Kollegen als Lebensweisheit ins Gedächtnis eingebrannt…

„Raus müsst Ihr, dorthin, wo das Leben spielt!“

Manchmal provozierte Wulf uns auch absichtlich ein wenig. Beispielsweise, wenn der schmächtige Mann plötzlich mit seiner mehrere Kilogramm schweren Fototasche in den Großraum kam und kopfschüttelnd konstatierte: „Alle schon wieder am Schreibtisch!“ Er forderte uns auf: „Raus müsst Ihr, dorthin, wo das Leben spielt! Nicht hier rumhängen und telefonieren.“ Und manchmal setzte er seufzend hinzu: „Immer Politik, wer was gesagt hat oder wo was gebaut wird…“ Die Menschen interessierten doch ganz andere Dinge, sagte er.

Einer der besten Tierfotografen

Zum Beispiel Tiere. Denn Wulf Olm hatte inzwischen auch einen Ruf als einer der besten Tierfotografen Deutschlands erworben. Fast täglich war er im Tierpark Berlin (im Zoo nicht ganz so oft, aber ebenfalls häufig). In Friedrichsfelde aber kannte er nicht nur den Direktor, die Kuratoren und Pfleger, sondern quasi auch jedes Tier persönlich. Auch im Tierheim Berlin in Falkenberg fotografierte er häufig, gestaltete auch den Jahreskalender – natürlich mit Tierfotos.
Nicht selten kam er kurz vor Drucklegung der Zeitung an den Produktionstisch und legte uns ein Blatt Papier hin. Denn Wulf hatte mal wieder einen Löwen, Bären oder auch einen putzigen Gecko abgelichtet: „Das muss noch ins Blatt“, sagte er nachdrücklich. „Alle Infos stehen auf dem Zettel. Damit Ihr einen ordentlichen Bildtext schreiben könnt.“ Er ließ sich nicht abwimmeln, auch wenn es zeitlich eng war, wurde nochmals neu geplant. Mit Wulf Olm verging wohl kein Tag, an dem der Lokalteil der Berliner Zeitung nicht irgendein ein Tier zeigte. Sehr zur Freude der Leser, die seine Fotos liebten.

Auf der Trabrennbahn Karlshorst

Selber hatte er auch eine Zeit lang Tiere, drei Pferde auf der Trabrennbahn Karlshorst, in jenem Lichtenberger Stadtteil, wo er aufgewachsen war und an dem zeitlebens sein Herz hing. Er saß selbst hin und wieder im Sulky, beispielsweise bei den damaligen Berliner Journalisten-Rennen. Ansonsten ließ er seine Pferde mit Jockey laufen. Die gewannen zwar nie nennenswerte Preise, Wulf liebte sie dennoch. Oft war er im Stall anzutreffen, in seiner Kluft ähnelte er einem Stallburschen, sah nicht aus wie ein bekannter Fotograf. Doch aus äußerlichen Dingen hat sich Wulf Olm nie viel gemacht. Später, als er nach einem Herzinfarkt kürzer treten musste, kamen seine Pferde auf einen Tierhof nach Brandenburg. Dort hatten sie es gut, bei Rennen mussten sie nicht mehr starten.

Den Begriff „Platte“ mochte er nicht

Viele Jahre lang bis zu seinem viel zu frühen Tod nach eineinhalb Jahren heimtückischer Krankheit am 5. April 2007 lebte Wulf Olm in einer Einzimmer-Neubauwohnung in Neu-Hohenschönhausen. Auch diesen Stadtteil verewigte er mit vielen Fotos, von den ersten Bauarbeiten bis zum funktionierenden Wohnquartier für fast 60.000 Menschen. Den Begriff „Platte“ für die Großsiedlung mochte er nicht. Denn mit seinen aufmerksamen Augen sah er das Besondere in seinem Quartier, das Leben der Menschen dort war für ihn keineswegs langweilig. Gern ging er auf einen Kaffee ins Linden-Center. Auch unser letztes Treffen fand in einem Eiscafé dort statt, da war Wulf schon sichtlich von seiner Krankheit gezeichnet.

Wulf Olm ist auf dem Evangelischen Friedhof Karlshorst an der Robert-Siewert-Straße 57/67 bestattet. Sein Urnengrab befindet sich auf der Grabstätte UGA-A/432. Auf dem Friedhof fanden auch Oskar Gregorovius (1843 – 1913), der Baumeister der Kolonie Karlshorst, und der beliebte erste Berliner Tierparkdirektor Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe (1910 – 1991) ihre letzte Ruhe. Diese Nachbarschaft hätte Wulf Olm wohl sehr gefallen. Es wird Zeit, dem lieben Kollegen mal wieder einen Besuch abzustatten. R.I.P. , Wulf. Wir vermissen Dich!

Birgitt Eltzel arbeitete von 1987 bis 2013 im Lokalressort der „Berliner Zeitung“ und ist jetzt als freiberufliche Journalistin vor allem in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf tätig.

Kalenderblatt des Monats im Museum Lichtenberg
Nachruf auf Wulf Olm in der Berliner Zeitung von Alexander Osang hier

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