Historisches Konsumgelände

Ein Denkmal verfällt

05.03.2014, Birgitt Eltzel

Simulationen: Joseph-Orlopp-Straße GmbH, Fotos: Birgitt Eltzel. Zum Vergrößern bitte auf die Bilder klicken.

Lichtenberg. Es ist ein prachtvolles Backsteinhaus, an dem allerdings der Zahn der Zeit genagt hat: die alte Konsumbäckerei an der Ruschestraße. Das Gebäude steht wie andere Häuser auf dem Areal unter Denkmalschutz. Doch das Denkmal verfällt. Vor mehr als 20 Jahren hatte die Konsumgenossenschaft Berlin ihren Produktions- und Bürokomplex mit der alten Bäckerei und der Wurstfabrik an der Josef-Orlopp-Straße/Ruschestraße, der von 1900 bis Ende der 1920er-Jahre errichtet worden war, aufgegeben. Danach wollten sich zwar mehrere Investoren an dem Areal versuchen, doch alle scheiterten. Auch die Joseph-Orlopp-Straßen GmbH (die sich tatsächlich anders als die Straße schreibt), eine Gemeinschaft von drei Investoren aus Berlin und dem Bundesgebiet, ist mit einem von ihr entwickelten Konzept noch nicht weitergekommen. Sie hatte die Immobilie vor drei Jahren erworben. Der Grund für den Stillstand: Im Bezirksamt und beim Senat gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie mit der Nutzungsabsicht der Investoren umgegangen werden soll.

Lofts in Fabrikhallen
Die Investorengemeinschaft will die rund 77.000 Quadratmeter große Fläche mit mehreren Gebäuden zu einem Platz für die Kreativwirtschaft entwickeln – mit Büros und Gewerbeflächen, aber auch mit Loftwohnungen in den ehemaligen Fabrikgebäuden. Stefanie Bung, die Projektentwicklerin, sagt, dass dabei nicht an Wohnungen für Yuppies oder Reiche gedacht werde: “Wir wollen Lofts im ursprünglichen Sinn.” Laut Wikipedia wurden in den 1940er-Jahren in New York City und London leerstehende Fabrikhallen zu Wohnzwecken umfunktioniert, wobei die Bausubstanz kaum verändert wurde. Eine Wohnung umfasste damit oft die gesamte Fläche einer Etage, in die einfach Möbel hineingestellt wurden. Damit ergaben sich offene Wohnungen mit riesigen Grundflächen und hohen Decken. Lofts wurden schnell zu den begehrten Wohnungen für Freiberufler und Künstler, die damit Wohn- und Arbeitsraum integrierten und so oft günstig wohnen konnten. Laut Bung werde für Loftwohnungen in den früheren Konsumgebäuden von einem Preis um etwa 2.500 Euro je Quadratmeter ausgegangen. Das untere Segment bei Luxuswohnungen in Berlin beginnt bei etwa 4.000 Euro.

Areal ist Gewerbegebiet
Doch das Gelände an der Josef-Orlopp-Straße ist planungsrechtlich derzeit nicht für Wohnen geeignet. “Es ist in den gesamtstädtischen und bezirklichen Planungen als reines Gewerbegebiet ausgewiesen”, sagt Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD), der auch für Wirtschaft zuständig ist. Die Fläche unterliegt dem Stadtentwicklungsplan Industrie und Gewerbe. Er sagt auch, dass das Bezirksamt eine Umwandlung in ein sogenanntes Mischgebiet erwogen habe und für den Bereichsentwicklungsplan Wohnen einen entsprechenden Prüfauftrag ausgelöst habe. “Die Stellungnahmen der Senatsverwaltungen sind aber allesamt ablehnend.” Denn seit zwei Jahren sei die Nachfrage nach Gewerbeflächen stark gestiegen, auch für dieses Gebiet, so der Bürgermeister. Bereits heute befänden sich mehrere Gewerbebetriebe mit Erweiterungsabsichten auf dem Gelände und in einigen Gebäuden. Zudem gebe es “mindestens zwei weitere konkrete Gewerbe-Interessenten, von denen einer sogar den gesamten Standort nutzen möchte”. Das habe er dem Eigentümer offen mitgeteilt, erklärt Geisel. “Es ist jetzt an ihm, entweder weitere Jahre erfolglos seine Wohnpläne zu verfolgen oder sich erfolgversprechend in Richtung Gewerbeansiedlung zu orientieren.”

Baustadtrat: Mischnutzung vorstellbar
Der für Stadtentwicklung zuständige CDU-Stadtrat Wilfried Nünthel sieht das ein wenig anders. Er könnte sich unter bestimmten Umständen durchaus eine Mischnutzung Gewerbe/Wohnen vorstellen. “Allerdings muss der Eigentümer dazu ein städtebauliches Konzept vorlegen, wie die unterschiedlichen Interessen berücksichtigt werden können”, sagt der Baustadtrat. Das Gewerbe dürfe nicht vertrieben werden. Zwar habe die Investorengruppe bereits den ersten Entwurf eines Konzeptes eingereicht, aber das reiche noch nicht aus.

Auch Immobilien-Stadtrat Andreas Prüfer (Linke) kann den Vorstellungen der Joseph-Orlopp-Straße GmbH durchaus etwas abgewinnen: “Ich finde das ziemlich schick, würde es vorantreiben wollen.” Denn diesen Standort könne man nur mit ungewöhnlichen Maßnahmen entwickeln. Prüfer war bis 2011 Wirtschaftsstadtrat, Geisel für Bauen zuständig. “Ich habe die Investoren, die zunächst bei mir vorstellig wurden, damals zu ihm geschickt”, sagt Prüfer. Als Baustadtrat habe sich der heutige Bürgermeister noch eine Mischnutzung vorstellen können.

Öffentliche Debatte
Das bestreitet Geisel auch nicht. Aber die Zeiten hätten sich geändert, sagt er und verweist nochmals auf die inzwischen steigende Gewerbe-Nachfrage. Zudem betont er, dass es der Joseph-Orlopp-Straße GmbH “nicht um preiswertes Wohnen im Rahmen des Lichtenberger Bündnisses für Wohnen geht, sondern um Loftwohnungen”. Allerdings sieht er auch, dass es unterschiedliche Auffassungen zum Thema im Bezirksamt gibt: “Wir müssen jetzt eine Klärung herbeiführen.” Sowohl Nünthel als auch Prüfer stimmen dem zu. “Wir sollten öffentlich debattieren, was wir auf dem Gelände wollen”, sagt Prüfer. Wilfried Nünthel ergänzt, dass der fertige Entwurf des Bereichsentwicklungsplans Wohnen der Bezirksverordnetenversammlung vorgelegt werden wird: “In diesem Rahmen wird dann auch über das frühere Konsumgelände diskutiert werden.”

 

 

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