Wenn Eltern im Netz komisch werden

Digitale Pubertät

26.02.2017, Jule Pauline Damaske

Foto: Jule Damaske. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Jeder muss einmal in seinem Leben durch die Pubertät, so nervig das für einen selber und wohlgemerkt auch das Umfeld ist. Wenn wir damit abgeschlossen haben, falls man damit abschließt, schauen wir zurück und lachen über Klamottenfehlgriffe, wie neonfarbene Tops mit großen Smileys bedruckt, oder der damals beliebten Justin-Bieber-Frisur und Ausdruckspatzern, die wir unseren Eltern an den Kopf geworfen haben. Wer hätte aber gedacht, dass wir selber noch einmal eine ganz andere Art der Pubertät an unseren Eltern miterleben?

Ich bin aus der Generation “Internet und Smartphone”. Täglich verwende ich meine mobilen Endgeräte und verschicke Nachrichten und Fotos. Aber ehe ich mich so sicher wie jetzt im Netz verhalten habe, ist auch einiges passiert. Ehe ich so weit war, musste ich zuerst durch die “digitale Pubertät”.

Viele aus meiner Generation werden wissen, was ich meine. “Digitale Pubertät” ist, wenn Eltern komisch werden im Netz. Das kann mit WhatsApp-Nachrichten anfangen, die aus mehr Emojis als Wörtern bestehen. Das erklärt, warum meine Mutter früher so lange für einen Text gebraucht hat. Nicht etwa, weil man mit gespreizten Zeigefinger zielstrebig auf das Display drückt und die einzelnen Buchstaben suchen muss. Jeder hat das Bild vor Augen! Den Oberkörper leicht zurückgelehnt, das Handy mit ausgestrecktem Arm so weit wie möglich von den Augen entfernt und einer schmalen Lesebrille auf der Nasenspitze, über die hinweg geblickt wird. Nein, daran lag es nicht. Meine Mutter hat für jede Situation, ja für praktisch jedes Wort, den perfekten Emoji gesucht. “Wir sind bowlen”, “Schönes Wetter heute”. Das hat meine Mutter am Anfang gemacht, und mein 9-Jähriger Bruder nutzt jetzt mindestens genauso viele lachende Smileys, wenn er sich mal das Handy ausleihen darf und einen Text schreibt. Also ist nicht nur die ältere Generation betroffen, sondern es ist ein Phänomen, das viele Einsteiger in die Social Medias betrifft.

Neben der Emoji-Flut spielen auch Kettenbriefe eine große Rolle. Ich dachte sie wären mit “msn”, “schülerVZ” & Co ausgestorben, aber haben anscheinend ein Come-Back erlebt. “Ich bin ja eigentlich nicht abergläubisch, aber das funktioniert wirklich!!!!!!” – So oder so ähnlich fangen die meisten Kettenbriefe an, die einen dann dazu auffordern, die Nachricht an mindestens zehn weitere Kontakte zu schicken. Ansonsten wird man die Liebe seines Lebens nicht finden, es passiert etwas Schreckliches oder im schlimmsten Fall bekommt man nachts von einer gruseligen Gestalt Besuch. Durch die sechs Ausrufezeichen nach jedem Satz in einem Kettenbrief erscheint der Absender natürlich viel glaubwürdiger.

Ich selber erhalte seit Jahren keine Kettenbriefe mehr und bekomme das nur durch meine Mutter mit. Doch auch mein kleiner Cousin hat mit seinem ersten Handy einst eine solche Nachricht weitergeschickt. Er wollte es mal ausprobieren. Und darum geht es ja schließlich auch in der Pubertät. Man probiert sich aus und früher oder später merkt man, wie merkwürdig Einiges war. Jeder fängt mal klein an, ob im echten Leben oder im digitalen. Durch die (digitale) Pubertät müssen alle früher oder später mal durch. Ob klein, ob groß, man probiert sich eben aus. Ich bin auf jeden Fall gespannt, welche Art von Pubertät mich in 30 Jahren erwartet.

 

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