Drinnen + draußen

Die Stadt und ihr Rand

26.11.2017, Birgitt Eltzel

Zeichnung: Birgitt Eltzel

Als Stadtrandbewohnerin, die dort auch noch arbeitet, ist man ja manchem entwöhnt. Hipster? Sind hier, j.w.d., wie der Berliner sagt, so gut wie nicht vorhanden (Ausnahmen bestätigen die Regel). Mode? Na ja. Nicht so besonders chic, aber auch nicht so proletarisch oder hinterwäldlerisch wie uns Zitty oder Tip glauben lassen wollen. Manchmal durchaus Schlabberlook, gern auch mit Glitzer. Lange künstliche Fingernägel sind an der Peripherie unbedingt en vogue. Häufiger aber tritt der Stadtrandbewohner ordentlich ordentlich bis gepflegt konservativ gekleidet in Erscheinung, je nach Alter. Nahe der Grenze zu Brandenburg ist man geerdet, hier geht es mehr ums Praktische als darum, sich von der Masse abzuheben (Ausnahmen bestätigen die Regel). Kneipen? In manchen darf man nach Herzenslust rauchen (ab 18), die wenigsten sind trendy, solide Hausmannskost überwiegt (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Reise nach Prenzlauer Berg

Solcherart sozialisiert, reiste ich kürzlich mal wieder nach Prenzlauer Berg. Nun ist der Ruf des Stadtteils, der Hippste der Hippen zu sein, schon lange am Verblassen. Aber man müht sich immer noch redlich, dem einstigen Image gerecht zu werden. Mit einem Bekannten verschlug es mich unweit des U-Bahnhofs Eberswalder Straße in ein Lokal, das sich dann ganz anders als das erwartete Café entpuppte. Kaffee gab es zwar auch, natürlich in seiner modischen Form als Latte, Macchiato und Espresso, dazu durchaus leckere Kuchen. Doch die Gastronomie war nur das Beiwerk. Denn eigentlich waren wir in einem Gebäude gelandet, wo früher ein Ladengeschäft war, jetzt ein ultramodernes Refugium von Co-Working-Spaces. Um es auf Deutsch zu sagen: Dort kann der (vorzugsweise junge) Kreative schicken Büroraum mit angesagter Adresse mieten. Und wer dafür nicht das Kleingeld hat (so ganz billig ist das nämlich nicht), kann sich in den Gastraum setzen, natürlich den Laptop (beliebteste Marke laut unserer Beobachtung anscheinend jene mit dem Apfel) deutlich sichtbar für jeden aufgeklappt.

Elektronisches Schloss vor dem WC

Mitten unter den Youngstern mit Dreitage- oder Ziegenbart, die jungen Frauen supercool mit Schlaffihosen oder Miniröcken und Doc Martens-Schuhwerk, kamen wir Oldies uns anfangs als Fremdkörper vor. Bis der nette junge Tischnachbar uns bat, doch mal auf seinen Tischcomputer aufzupassen – nur für eine Zigarettenlänge vor dem Haus. Das ist Vertrauen! Fast zu Hause fühlten wir uns dann, als uns ein menschliches Bedürfnis packte. Ins WC ging es zwar nur nachdem man den Zifferncode, den man zuvor beim Thekenpersonal erfragen musste, in eine elektronische Schließanlage eingegeben hatte. Doch drinnen erfuhr man, was man auch am Stadtrand in sanitären Anlagen genauso erleben kann (ganz ohne Codeeingabe): Eine der zwei Bedürfniskabinen war wegen Defekt gesperrt, die andere genügte zwar den hygienischen Ansprüchen, dafür quoll der Behälter für benutzte Papierhandtücher über. Auf dem Fußboden und im Waschbecken fanden sich etliche Papierschnipsel, einige davon mit Lippenstiftabdrücken.

Gemeinsamkeiten entdeckt

Irgendwie beruhigte mich das. So viel scheint uns dann ja doch nicht zu trennen, die Coolen aus der City und die untrendigen Stadtrandbewohner. Und wenn es nur der Zwang zur Unordnung ist, der uns eint, weil den mancher hier wie da gern auslebt – gerade auf den stillen Örtchen, wo man so schön unbeobachtet ist.

 

 

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