Zwischen Stadt und Land

Die Sache mit den Bräuchen

19.02.2017, Marcel Gäding

Fasching in der DDR. Unser Autor war zu dem Zeitpunkt vier Jahre. Foto: Archiv (Zum Vergrößern bitte aufs Foto klicken)

In einer kleinen Kiste unten im Keller liegen Fotos unserer Kindertage. Es sind nicht viele, was wir heute bedauern. Aber wir wuchsen zu einer Zeit auf, in der eine gute Kamera viel Geld kostete und auch die dazugehörigen Filme ihren Preis hatten. Eine der Aufnahmen zeigt eine Kindergruppe in lustigen Kostümen. Es entstand in der Faschingszeit. Ich war damals mal Kater, mal Arzt, mal Koch. Für meine Mutter war das immer Stress, weil sie Wochen vorher für zwei Jungs nach dem passenden Outfit suchen musste. So richtig Mitspracherecht bei der Wahl der Maskerade gab es nicht. Wir zogen an, was Mutti uns morgens vor der Faschingsfeier rauslegte. Als feststand, dass es wieder in die Heimatstadt unserer Familie geht, war mit dem närrischen Treiben Schluss. Bräuche, die wir bis dato auf dem Land kennengelernt haben, gab es kaum noch. Eigentlich feierten wir nur noch die hohen christlichen Feste, wobei wir Ostern schon gar nicht mehr zum Eiertrudeln gingen.

Vergangenes Jahr hatten wir das erste Mal nach einer gefühlten Ewigkeit wieder ein Kostüm an. Zampern heißt hier bei uns im Dorf irgendwo bei Storkow jener Brauch, der zur Fastnachtzeit gepflegt wird. „Ihr müsst das wenigstens einmal mitgemacht haben“, hatte uns Heidi, die vorherige Besitzerin unseres Hauses am Wald, noch mit auf den Weg gegeben. „Da lernt man das ganze Dorf kennen.“ Und so zögerten wir auch nicht, als die Einladung zum Vorbereitungstreffen dieser ländlichen Sause ins Haus flatterte. Im Dorfgemeinschaftshaus erwarteten uns viele neugierige Gesichter, als wir „Buletten“ den Raum betraten. Wenige Wochen später wanderten wir als Gefangener und als Maus verkleidet zum vereinbarten Treffpunkt. Das halbe Dorf war auf den Beinen, die meisten kannten wir bis dahin aber noch gar nicht. Also schlossen wir uns der illustren Truppe an. Nach einem Begrüßungstänzchen und dem ersten Gläschen Kirschlikör startete der Treck. Sieben Stunden brauchten wir für 13 Kilometer. An jedem zweiten Haus gab es einen Stopp. Erst ein Ständchen der eigens organisierten Kapelle, danach Hackepeterbrötchen, Soljanka und Buletten – dazu ein Schnäpschen, ein Bier oder ein Becher Glühwein. Brav stellten wir uns den Bewohnern vor Betreten der Grundstücke vor: „Wir sind die Neuen von Nummer 4“.

Die armen Leute von der Landkreiszeitung!

Nun muss man wissen, dass dieses Zampern ein sorbischer Brauch ist, der irgendwann einmal in unsere Region gekommen ist. So richtig weiß eigentlich niemand, wer der Urheber dafür ist. Eine Erklärung wäre die Nähe zum Spreewald, der nur wenige Kilometer hinter unserem Dörfchen beginnt. Die alten Fotos in unserem Dorfgemeinschaftshaus zeigen, dass schon lange gezampert wird. Die örtliche Landkreiszeitung würdigt das Treiben, in dem sie bis Anfang März nach jedem Wochenende elend lange und meist sehr langweilige Riesentexte auf ihre Seiten hievt, garniert mit Fotos und dem Ansatz, das in Form einer gewollten, aber nicht gekonnten Reportage-Form aufzuschreiben. Nachberichterstattung sagen wir Schreiber dazu. Ein gehasstes Genre, was man den Beiträgen auch anmerkt. Auf dem Land aber gehört das zur Chronistenpflicht. Also geht es beim Zampern überall in etwa gleich zu: Eine Spaßparade mit Musik, Essen, Alkohol und Blasmusik. Jeder Dorfbewohner, der die Truppe zu sich aufs Grundstück bittet, gibt Eier und Speck sowie Geld, das in die Zamperkasse fließt und von dem später Renovierungen oder Anschaffungen bezahlt werden, die allem im Dorf zugutekommen. Abends geht es zum „Dorfbumms“, einer Party mit DJ – aber ohne Kostüme, zumindest bei uns. Am nächsten Tag sind Eier und Speck Bestandteil eines leckeren Frühstücks. Während wir essen, werden auf die Wand die Bilder des Dorffotografen projiziert. Danach räumen alle gemeinsam auf. Weil niemand den Fastnachtstermin an die örtliche Presse kommuniziert, sucht man in der Landkreiszeitung vergeblich nach jenen schlechten Texten. Das ist auch gut so.

Als wir das erste Zampern hinter uns hatten, waren wir wie infiziert. Ein Heidenspaß, der nun auch einen festen Platz in unserem Kalender hat. Vergangenes Jahr hatten wir noch Schwierigkeiten, an den Tagen darauf die Leute aus unserem Dorf den Namen zuzuordnen, mit denen sie sich beim Zampern vorstellten. Kein Wunder bei den vielen verkleideten Menschen. Lange nutzten wir kleine Eselsbrücken. Gabi war für uns ewig der Fliegenpilz. Jörg der grüne Käfer.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

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