Leidenschaftlicher Hobbyhistoriker im Ehrenamt: Karl-Heinz Gärtner

Der Ortschronist

08.05.2016, Steffi Bey

Fotos: Steffi Bey (1), Birgitt Eltzel (2)

Biesdorf. In alten, abgewetzten Kartons stecken die Schätze des 62-Jährigen. Dicht gedrängt bewahrt er dort historische Ansichtskarten auf. „Kleine Kunstwerke, darunter viele Lithografien“, sagt Karl-Heinz Gärtner. Eine der Ältesten stammt von 1898 und zeigt eine Biesdorfer Gaststätte, die es längst nicht mehr gibt. Mehr als 3.000 solcher fotografischer Erinnerungen trug er in den vergangenen Jahrzehnten zusammen. Auf den meisten sind Lokale und Wohnhäuser abgebildet.

Recherchen zum Ersten Weltkrieg
Doch den Kraftfahrzeugmechaniker interessieren nicht nur die Schwarz-Weiß-Motive, sondern auch die Rückseiten der Postkarten. Er schaut, wo die Briefmarken abgestempelt wurden, liest die privaten Botschaften und fühlt sich dabei oft inspiriert. So kam er auf die Idee, intensiv die Zeit des Ersten Weltkrieges zu betrachten. „Ich las von Gefallenen und suchte daraufhin die Kriegsdenkmäler in den Marzahn-Hellersdorfer Ortsteilen auf“, berichtet der Biesdorfer.

Gärtner verglich die Namen auf den Karten mit den Inschriften der Denkmäler. Und stellte fest, dass weit mehr Einheimische umkamen, als bislang bekannt war. Er versuchte, Kontakt zu Familienmitgliedern aufzunehmen, schaute auch in Kirchenlisten und ist noch lange nicht am Ende seiner Recherche. Ein Ziel hat er sich allerdings gesetzt. 2018, genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, will er eine Ausstellung zu diesem Thema im Bezirksmuseum Marzahn präsentieren. Bis dahin informiert der Ortschronist immer mal wieder Interessierte in Vorträgen über seine Ergebnisse.

Arbeit an mehreren Themen gleichzeitig
Seit 2000 erfüllt er dieses Ehrenamt mit Leben. Zumeist arbeitet Karl-Heinz Gärtner an mehreren Themen gleichzeitig. Während er Daten und Fakten über historische Gaststätten in Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf, Marzahn und Hellersdorf zusammenträgt, stellt er eine Chronik der Bewohner von Schloss Biesdorf zusammen und entdeckt dabei ständig neue Details. „Die inspirieren mich und ich muss noch tiefer in die Geschichten eindringen“, erzählt er.

Auch Zufälle helfen
Oft sind es Zufälle, die ihn schließlich auf die richtige Spur bringen. Als er vor einigen Jahren die Schulchronik des Bezirks verfasste und dabei unwillkürlich auf den Architekten Paul Tarruhn stieß, wollte er mehr über diesen Menschen erfahren. Ein Werkstattkunde half dem Mechaniker bei seiner Suche und spielte ihm eine Telefon-CD zu. Irgendwann telefonierte Karl-Heinz Gärtner dann mit der Enkeltochter des Architekten. Die im Emsland Lebende schickte ihm später Fotos und Zeitungsausschnitte und besuchte den Chronisten in Berlin. „Es war eine tolle Begegnung, ich habe ihr viele Schulen gezeigt, die ihr Großvater entwarf“, erinnert sich der Biesdorfer.

Auf der Spur der Biesdorfer Schlossbesitzer
Solche Erfolgserlebnisse machen den freundlichen Heimatforscher regelrecht süchtig, gibt er zu. Sie gehören inzwischen zu seinem Leben. Seine Frau und seine erwachsenen Töchter freuen sich jedes Mal mit ihm. Manchmal plant die Familie sogar ihren Urlaub nach dem aktuellen Stand einer bestimmten Recherche. „Wir waren zum Beispiel in Dresden und schauten uns das Grab der Familie Bültzingslöwen an“, berichtet Gärtner. Baron Günther von Bültzingslöwen sei der zweite Besitzer von Schloss Biesdorf gewesen, über den es bislang kaum Material gab. Als Gärtner schließlich seine Suche auf ganz Deutschland ausdehnte, fand sich jemand, der den Großneffen in Bayern kannte. „Der verwies mich an die in der Schweiz lebende Halbschwester Günther von Bültzingslöwens“, sagt der Ortschronist. Die betagte Dame übergab ihm nicht nur Fotos des Adligen, sondern auch Briefe. „Jetzt ist bekannt, dass dieser in Biesdorf eine Zuckerrübenplantage etablieren wollte“, weiß Gärtner. Aber das klappte nicht, von Bültzingslöwen sei Pleite gegangen und verkaufte das Schloss an die Familie Siemens.

Postkarte vom Trödler
Besonders spannend an seinem zeitaufwendigen Hobby findet Karl-Heinz Gärtner, das Ungewisse: „Ich weiß nicht, worauf ich noch stoße, was mich erwartet“, sagt er lächelnd.Neulich erfüllte sich endlich ein langer Wunsch. Ein Trödelhändler verkaufte ihm eine historische Postkarte aus Hellersdorf. Sie stammt aus den 1930er-Jahren und zeigt den Gutshof samt Gaststätte.

Karl-Heinz Gärtner moderiert am Montag, 9. Mai, um 18 Uhr den Alt-Biesdorfer Stammtisch im Stadtteilzentrum Alt-Biesdorf 15. Dort geht es unter dem Thema „Baumblüte in Biesdorf“ um die Geschichte des traditionsreichen Blütenfestes von Biesdorf. Der Ortsteil wurde einst „Werder des Ostens“ genannt. Eintritt: 4 Euro.

 

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