Seit 40 Jahren fertigt der Biesdorfer Axel Stüber Drehorgeln an

Der Letzte seiner Zunft

20.03.2017, Steffi Bey

Fotos: Marcel Gäding

Biesdorf. Wie eine Schatzkammer wirkt die Werkstatt von Axel Stüber. Mal abgesehen davon, dass an der einen Wand jede Menge Werkzeuge in aufgeräumten Regalen liegen und gegenüber mehr als 200 Schubfächer mit Beschlägen, Griffen und Schrauben zu finden sind – die wahren Schätze stehen auf den Werkbänken: handgefertigte Drehorgeln in unterschiedlichen Holzarten und Designs. Farbige Ornamente zieren beispielsweise brasilianisches Palisadenholz und im oberen Teil des Kastens glänzen vergoldete Messingpfeifen.

Nicht durch Elektronik zu ersetzen

Stüber ist der letzte Handwerker seiner Art in Berlin. Seit 40 Jahren baut er Drehorgeln, seit Mitte der 1990er-Jahre in Biesdorf. 17 verschiedene Instrumente hat der Drehorgelbauer im Angebot. Kompakt sind sie alle. „Kleines Gehäuse mit viel Inhalt“, sagt der Meister. Eine althergebrachte Lochbandsteuerung gehört unbedingt dazu. Axel Stüber würde nie diesen konventionellen Antrieb durch Chips oder ähnlich kurzlebige Speichermedien ersetzen. „Weil das aus meiner Sicht ein Widerspruch zur werthaltigen Berliner Drehorgel wäre,“ betont der Firmenchef. „Wir bauen schließlich Instrumente, die 150 Jahre alt werden sollen.“ Maßgeblich für den Klang sind die Pfeifen verantwortlich. Der 62-Jährige fertigt sie unter anderem aus Kiefer und Bambus. Ziegenleder verwendet er für die Blasebälge, die nun mal zu klassischen Drehorgeln gehören.

Typisch Berlinerisch

Nachdem das Holz zunächst etwa ein Jahr lang ruhte, werkeln Stübers zwei Mitarbeiter gut fünf Monate an einer Orgel-Kleinserie. Der Meister selbst gibt den Schmuckstücken sozusagen den perfekten Schliff und stellt sie endgültig fertig. Alleine das Stimmen der Pfeifen dauert zwei Wochen. Aber danach, sagt Axel Stüber, könne er am Klang erkennen, welches Instrument aus seiner Manufaktur stammt. Schließlich tönt es aus den Stüber-Kästen typisch Berlinerisch: grell und laut, mit scharfer, durchdringender Note. Auch nach 40 Jahren im Geschäft denkt der rüstige Biesdorfer noch lange nicht ans Aufhören. Mehr und mehr kümmert er sich allerdings um die Restaurierung der wertvollen Klangkörper: natürlich mit Originalmaterialien.

Nur noch wenige Drehorgelspieler

Denn eines ist klar – die Drehorgel gehört zu Berlin. Das bekannte Lied „Berliner Luft“ aus dem Jahr 1904 sei so ein typisches Stück, sagt Stüber. Seine Hochzeiten hat das Instrument aber lange hinter sich. „1930 waren in Berlin noch 800 Spieler gemeldet, inzwischen ist die Zahl verschwindend gering“, weiß der Experte. Damals zogen die Spieler durch Hinterhöfe. Und die Bewohner hörten durch die dünnen Fensterscheiben die Musik. Sie wickelten ein paar Groschen in Zeitungspapier und warfen sie runter.

Mit dem Straßentheater durch Europa

Dass der exzellente Handwerker nicht nur Drehorgeln baut und sie in die ganze Welt verschickt, sondern sich auch für die Geschichte des Instrumentes interessiert, ist für ihn selbstverständlich. Seit vielen Jahren gehört er zum Verein „Internationale Drehorgelfreunde Berlin“ und tourt manchmal mit einem Straßentheater durch Europa. Bei solchen Ausflügen tankt der vielbeschäftigte Biesdorfer Kraft und erfreut sich am Klang und am Aussehen der handgefertigten Orgeln.

Ende Juni Internationales Drehorgelfest

Auch in diesem Jahr findet Ende Juni in der Hauptstadt wieder das „Internationale Drehorgelfest“ statt, bei dem Stüber natürlich mitmacht. Er ist gespannt auf die vielen Gäste, die oftmals von überall her, mit seinen Schmuckstücken anreisen.

Leierkasten ist verstimmtes Instrument

Und wie muss man sich den typischen Drehorgelkäufer vorstellen? „Zu etwa 75 Prozent sind es Männer jenseits der ,50‘, die sich aus Freude an mechanischer Musik so etwas zulegen“, berichtet Axel Stüber. Interessant dabei: Rund 95 Prozent stellen sich die Instrumente ins Haus oder die Wohnung. Nur etwa fünf Prozent der Orgeln „landen auf der Straße“, weiß der Geschäftsmann. Leierkasten würde er seine Einzelstücke niemals nennen. Weil dieser Begriff verstimmte Drehorgeln bezeichnet.

In diesem Jahr will Stüber, gemeinsam mit den „Drehorgelfreunden Berlins“, den Antrag stellen, „dass die Tätigkeit des Drehorgelspiels in die bundesdeutsche Kulturerbeliste aufgenommen wird“, erklärt der Biesdorfer.

Weitere Informationen, auch zur Ausleihe von Stüber-Orgeln:
www.berliner-drehorgel.de

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden