Thi Hanh Mura sieht sich in ihrer Existenz als Unternehmerin bedroht

„Ich werde für mein Recht kämpfen!“

09.10.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Lichtenberg. Frau Thi Hanh Mura steht zwischen 5 und 6 Uhr auf. Immer. Sie braucht die Zeit für sich, um in Ruhe den Tag zu beginnen, mit einem kleinen Frühstück, bei dem nie eine Tasse Grüner Tee fehlen darf. Dann macht sie sich zurecht für ihr Geschäft, das keine 100 Meter von ihrer Wohnung entfernt, an der Weitlingstraße 117 auf sie wartet. Denn um 7 Uhr öffnet an Wochentagen der kleine Laden, in dem es Zeitungen, Lebensmittel, alkoholfreie Getränke, Spirituosen, aber auch Haushaltswaren, Coffee to go, Stieleis, kleine Mahlzeiten wie heiße Bockwurst und Nudelgerichte, Geschenkartikel und noch viel mehr gibt. Frau Mura „schmeißt“ den Laden alleine, seit nunmehr 16 Jahren, wie sie sagt. Bis um 23 Uhr die Eingangstür verschlossen wird ist sie zu Stammkunden ebenso freundlich und zuvorkommend, wie für eher zufällig hereinschneiende Berlin-Touristen, die oft dankbar sind, auch zu später Stunde noch einkaufen zu können. An Sonn- und Feiertagen ist von 8 bis 23 Uhr geöffnet.

Ein Mini-Multi-Laden im Kiez

Thi Hanh Mura verdient nicht viel Geld mit dem Verkauf. Deshalb fungiert der Laden zugleich auch als Reinigungsannahmestelle sowie DHL-Paketshop. In einem Hinterräumchen betreibt die Geschäftsfrau zusätzlich noch eine kleine Änderungsschneiderei. „Das Gesamtpaket funktioniert“, sagt die zierliche Unternehmerin. Dabei geht es ihr nicht immer nur um den Verdienst. „Vor kurzem stand am späten Abend plötzlich ein Obdachloser bei mir im Geschäft“, erzählt sie. Seine Hose war zerrissen und er bat ganz höflich um Nadel und Faden. „Ich habe das genäht – ohne Geld natürlich.“ In der Umgebung, insbesondere entlang der Weitlingstraße, gibt es eine Reihe kleinerer Geschäfte. Man kennt sich und die meisten Inhaber helfen einander.

Seit Thi Hanh Mura um die Jahrtausendwende der Liebe wegen von Vietnam nach Deutschland kam, bestreitet sie ihren Lebensunterhalt selbst. Darauf ist die Gewerbetreibende stolz. „Ich möchte nicht auf Almosen angewiesen sein“, beschreibt sie ihre Motivation. Die Eheleute leben mittlerweile getrennt, aber der Mann schaut ab und an im Geschäft vorbei und packt mit an, wenn zum Beispiel schwere Kisten voller Ware zu tragen sind.

Ein Monstergesetz

Drei Mal wurde schon in den Mini-Markt eingebrochen, einmal wurde die Inhaberin sogar überfallen und mit einem Messer bedroht. Es gab unzählige Diebstähle. Aber das alles ficht sie nicht an. Ein anderes Problem lässt die Ladenbesitzerin seit Jahren nicht mehr ruhig schlafen: Es geht um die Erlaubnis, das Geschäft, wenn auch mit Einschränkungen, auch an Sonn- und Feiertagen zu betreiben. Was vorher behördlicherseits niemanden groß interessierte, wurde etwa seit 2004 zum Zankapfel, nicht nur für Frau Mura, sondern für viele so genannte Spätis (LiMa+ berichtete) Die Bestimmungen, welche Geschäfte geöffnet bleiben dürfen und welche nicht, was unter Umständen verkauft werden darf und was nicht, sind für Nichtjuristen nur schwer durchschaubar, geschweige denn nachzuvollziehen. Natürlich gibt es Ausnahmeregelungen und wieder Ausnahmen von den Ausnahmen. Und es drohen drakonische Strafen bei Verstößen. Auch wenn das einstige Ladenschlussgesetz in ein „Berliner Ladenöffnungsgesetz“ novelliert wurde, bleibt es doch für viele Ladenbesitzer ein bürokratisches Monster.

Besondere Betriebsart mit Fallstricken

Frau Mura besteht darauf, sie habe eine unbefristete Gewerbeerlaubnis mit besonderer Betriebsart, ein Mischbetrieb aus Lebensmittelhandel und Schankwirtschaft. Das erlaube ihr auch an Sonn- und Feiertagen zu öffnen. Jedoch darf sie an diesen Tagen zum Beispiel keine Lebensmittel oder Zigaretten verkaufen. Bierflaschen dürfen nur einzeln und geöffnet – zum sofortigen Verzehr – über den Ladentisch gehen. 2013 gab es die Forderung, zusätzliche Wände in das ohnehin kleine Geschäft einzuziehen. Bereiche, in denen wochentags alkoholische Getränke angeboten werden, müssen an Sonn- und Feiertagen verschlossen sein. Die Inhaberin kam allen Maßgaben nach. Das Warenregal mit Tabakwaren hinter ihrer Kasse wird an diesen Tagen zusätzlich mit einem Vorhang verhüllt. In den Schaufenstern werden bestimmte Waren abgedeckt.

Wem nutzt das?

Und trotzdem wollen Mitarbeiter des Ordnungsamtes bei Kontrollen immer wieder Ordnungsverstöße erkannt haben. Mal war es eine Flasche Bier, die nicht vor Ort geleert wurde, mal wurden von Kunden angeblich mehrere Flaschen mitgenommen. Die Zahl der verhängten Bußgelder ist inzwischen angestiegen. Im vergangenen Jahr musste die Geschäftsfrau auf einen Schlag 528 Euro Strafe bezahlen. Im August dieses Jahres wurden 945 Euro Bußgeld verhängt! Der Grund: Eine am Sonntag verkaufte Caprisonne und ein Feuerzeug, das die Ladenbesitzerin der Kundin noch dazu geschenkt hatte, weil diese eigentlich nur um Feuer für Zigaretten gebeten hatte. Ist da noch die Verhältnismäßigkeit gewahrt oder geht es nur um die rigorose Anwendung eines Gesetzes, über dessen Sinnhaftigkeit auch in der Politik seit langem gestritten wird? Eine pure Machtdemonstration? Wem nutzt das?

„Aufgeben kommt nicht infrage“

Frau Mura sieht sich in ihrer Existenz bedroht und ist sich keiner Schuld bewusst. Gespräche im Amt brachten keine Klärung. Wie sie sagt, sei ihr mit sofortiger Schließung des Geschäftes gedroht worden. Die 55-Jährige ist verzweifelt, mehrfach musste sie sich ärztlich behandeln lassen. Sie möchte die Sache vor Gericht klären lassen und hat die Angelegenheit ihrem Anwalt übergeben. Doch der Gerichtstermin habe sich immer weiter nach hinten verschoben, wegen Geringfügigkeit und fehlender nachhaltiger Beweise, sagt die Händlerin. Im November ist nun die Verfahrensaufnahme geplant. Aufzugeben kommt für Thi Hanh Mura nicht infrage: „Ich habe nichts falsch gemacht und werde für mein Recht kämpfen“, sagt sie.

 

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