Am 5. Mai ist der internationale Tag der Hebammen

Der erste Schrei

05.05.2016, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Irgendwann hat Friederike Knüpling aufgehört zu zählen, wie vielen Babys sie ans Licht der Welt verholfen hat. „Aber es sind mittlerweile bestimmt so um die 1.500“, sagt, die leitende Hebamme des Sana Klinikums Lichtenberg. Erst im Oktober 2015 wechselte sie vom Virchow Klinikum der Charité hierher und hat es noch keine Sekunde bereut. „Alle im Mutter-Kind-Zentrum haben mich sehr freundlich empfangen und ich bin froh, Teil eines so tollen Teams zu sein.“ Friederike Knüpling ist die Chefin von 24 Hebammen im Kreißsaal des Sana Klinikums. Es gibt Schichten, in denen eine Hebamme hier drei Geburten betreut. „Trotzdem bleibt immer Zeit für ein liebes Wort sowohl an die werdenden Mütter als auch unter den Kolleginnen.“ Die Patientinnen sind sehr zufrieden. Das spiegelt sich auch in den Geburtenzahlen wieder. Alleine 2015 kamen im Sana Klinikum Lichtenberg 3.508 Babys zur Welt – Rekord! Seit Jahren steigen die Zahlen stetig: Im Jahr 2012 waren es noch 2.880 Babys, 2013 schon 3.166 und 2014 bereits 3.445.

Ihr Traumberuf
Friederike Knüpling ist selbst Mutter von vier Kindern, 21, 15, 14 und 12 Jahre alt. Alles Mädchen! „Die ersten drei haben wir in einer Klinik bekommen, die Jüngste kam mit Hilfe einer Hebamme zu Hause zur Welt.  „Auch das lief sehr gut“, sagt die vierfache Mutter. „Mein Mann war immer dabei und ich fand es wunderbar.“

Hebamme ist immer noch der Traumberuf der 48-Jährigen. Als Kind hatte sie eine Fernsehsendung geschaut, in der über die Arbeit der Geburtshelferinnen berichtet wurde. „Die Hebamme durfte als Erste das neue Menschlein anfassen. Das fand ich toll, das wollte ich auch“, erinnert sie sich. Damals sei es noch üblich gewesen, das Baby an den Füßen hochzuhalten und ihm einen kleinen Klaps auf den Po zu geben, auf dass es die Welt mit seinem ersten Schrei begrüße. Aber das werde schon lange nicht mehr so gehandhabt, sagt die berufserfahrene Frau. Auch der Stups auf den Hintern sei heutzutage verpönt. „Das Baby wird einfach ein bisschen trockengerubbelt, dann holt es kräftig Luft und der Schrei ertönt.“ Als Chefhebamme schaut Friederike Knüpling ihren Kolleginnen auch gerne mal bei der Arbeit über die Schulter, ohne selbst aktiv zu werden. „Ich lerne immer noch dazu, keine Geburt ist wie die andere“, sagt sie. „Wenn ich dann sehe wie das Baby erscheint und den ersten Schrei von sich gibt… das ist für mich immer noch so ein ergreifender Moment, dass mir des Öfteren mal die Tränen kommen.“

Die Väter sind oft dabei
Es sei einfach schön, wenn die Mutter sich mit einer kleinen Unterstützung nach der anstrengenden Geburt aufsetze und ihr Kind – wohlauf und frisch abgetrocknet – das erste Mal selbst auf die Brust lege. Fast bei allen Paaren seien die Väter heutzutage bei der Geburt zugegen. „Wir sagen ‚Geburt der Familie’ dazu“, so die leitende Hebamme. Oft schneiden die Väter – unter Anleitung der Hebammen, versteht sich – die Nabelschnur durch. Dann kuscheln Mutter und Kind erst einmal miteinander, das sogenannte „bonding“. Etwa nach einer Stunde untersucht der Kinderarzt zum ersten Mal den neuen Erdenbewohner im Beisein der Eltern. Dann werden auch die Größe und der Kopfumfang gemessen. „Nach dem Geburtsvorgang sehen viele Männer ihre Frauen mit anderen Augen“, sagt Friederike Knüpling.

Wird die Leiterin heute auch eher von Planungs-, Organisations- und Abstimmungsaufgaben in Anspruch genommen, so lässt sie es sich trotzdem nicht nehmen, einige Geburten selbst zu betreuen und zu begleiten. Sie lebt ihren Kindheitstraum. Nach dem Abi 1987 absolvierte Friederike Knüpling eine Ausbildung zur Krankenpflege und nahm 1992 ein Medizin-Studium auf. Dann lernte die junge Frau ihren späteren Mann kennen und wurde bald darauf schwanger. „In der Zeit vor und während der Geburt lernte ich den Hebammenberuf noch einmal hautnah kennen – und wieder fand ich ihn toll.“ Nach dem fünften Semester ließ sie das Studium Studium sein und verfolgte ihr ursprüngliches Ziel. Die damals dreijährige Hebammenausbildung absolvierte sie erfolgreich im zweijährigen Schnelldurchlauf. Es folgte die Arbeit als Hebamme in der Charité (später Virchow Klinikum der Charité). Noch ein eigenes Töchterchen kam zur Welt, noch eines und noch eines.

Im Familienrat besprochen
Von 2010 bis 2013 absolvierte die vierfache Mutter eine Management-Weiterbildung und war danach als leitende Hebamme des Kreißsaals und der vorgeburtlichen Station tätig. „Der Wechsel als leitende Hebamme ins Sana Klinikum Lichtenberg wurde vorher im Familienrat besprochen und gemeinsam entschieden“, sagt sie. „Schließlich müssen durch die berufliche Veränderung die Töchter zu Hause mehr ran als vorher.“ Aber das klappe ganz gut, auch Dank des Vaters. „Was braucht eine Hebamme mit Familie?“, fragt Friederike Knüpling und schickt die Antwort gleich selbst hinterher: „Einen guten Mann, der Verantwortung übernimmt! Ohne ihn hätte ich das alles nicht geschafft.“ Zum Glück habe er die Möglichkeit, in Gleitzeit zu arbeiten. „Es gibt Tage“, so Friederike Knüpling, „da komme ich nach Hause und er muss noch einmal ins Büro.

Sicherheit an erster Stelle
Im Sana Klinikum Lichtenberg kommen 24 Prozent der Babys per Kaiserschnitt zur Welt, im Bundesdurchschnitt sind es mehr als 30 Prozent. „Wir präferieren bei uns die natürlichen Geburten“, erklärt die leitende Hebamme. Nur wenn es medizinisch geboten sei, erfolge ein Kaiserschnitt. „Als Hebamme im Kreißsaal habe ich im Falle des Falles immer die Sicherheit, den Geburtshelfer (Arzt) hinzu zu rufen und auch der Kinderarzt ist gleich nebenan.“ Beim Kaiserschnitt werde nach Möglichkeit und Wunsch eher die für Mutter und Kind schonende rückenmarksnahe Anästhesie angewendet, um den Schmerz auszuschalten. So sei die Mutter während der Geburt die ganze Zeit über wach und könne den ersten Schrei ihres Kindes hören.

Ob natürliche Geburt oder Kaiserschnitt – alles laufe meist ruhig und entspannt ab. Um jede werdende Mutti kümmere sich speziell eine Hebamme. Mittels Kardiotokografie (CTG) würden die Herztöne von Mutter und Kind, alle Signale des Mutterleibs sowie die Wehen ständig überwacht und aufgezeichnet. Es komme schon mal vor, dass eine Geburt über 24 Stunden dauert. Dann wechselten sich natürlich mehrere Hebammen ab. „Gar nicht selten haben es einige neue Menschlein aber auch mal so eilig, dass Mama und Papa schon mit dem Baby auf dem Arm, manchmal in Begleitung der Feuerwehr im Kreißsaal ankommen“, berichtet die Hebamme. „Erst vor kurzem hatten wir wieder so einen Fall.“ Wie so oft sei alles gut gegangen.

Vieles hat sich verändert
Obwohl es immer noch „Kreißsaal“ heißt, handelt es sich heute vielmehr um freundlich gestaltete Einzelzimmer, in warmen Farben und speziell für Geburten ausgestattet. Viele kleine und größere Hilfsmittel erleichtern den Frauen die Geburt. Von möglicher Akkupunktur über Aromatherapie bis hin zur Gebärbadewanne für eine Niederkunft im wohlig warmen Wasser – vieles ist auf Wunsch möglich. Im Sana Klinikum Lichtenberg gibt es darüberhinaus sechs Familienzimmer, in denen künftige oder gerade gewordene Eltern ein bis zwei Nächte verbringen können. Mittels virtueller Touren auf der Webseite des Sana Klinikums Lichtenberg können Schwangere bereits frühzeitig die Räumlichkeiten des Mutter-Kind-Zentrums in Augenschein nehmen.

„Heute ist die Qualifikation zur Hebamme viel anspruchsvoller geworden“, sagt Friederike Knüpling. Das werde auch der großen Verantwortung besser gerecht. Um Hebamme zu werden, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die dreijährige Ausbildung mit einem Staatsexamen-Abschluss oder einen Bachelor-Studiengang mit integrierter Ausbildung und anschließendem vierten Bachelor-Jahr.

Verstärkung
Besonders freut sich die Chefin auf berufliche Verstärkung im kommenden Oktober. Denn das Sana Klinikum Lichtenberg arbeitet mit dem Sankt Joseph Krankenhaus Tempelhof bei der Ausbildung von Hebammen zusammen. Es werden die ersten Absolventinnen aus der Kooperation sein. Wer diesen Beruf ergreife, so die leitende Hebamme, der muss sich dafür begeistern können. Plötzliches Aufstehen mitten in der Nacht oder von jetzt auf gleich von einer Party weg zu müssen, weil man dienstlich gebraucht werde, das sei „nicht ohne“. „Eine Hebamme betreut immer mindestens zwei Menschen während der Geburt. Mutter und Kind. Nicht selten brauchen aber auch die werdenden Väter Zuspruch.“ In der Wochenbett-Betreuung sei die Hebamme oft gleichzeitig medizinische Beraterin, beste Freundin und psychologische Betreuerin. „Aber der Lohn, den man dafür bekommt, der ist natürlich riesig“, sagt Friederike Knüpling und meint ganz selbstverständlich den ideellen Lohn. Die Gehälter von Hebammen entsprechen denen von Krankenpflegerinnen und Pflegern.

Bleibt bei dem stressigen Beruf noch Zeit für Hobbys? „Ich stricke gerne“, erzählt Friederike Knüpling. „Socken für die ganze Familie, während der S-Bahn-Fahrt in die Charlottenburger Wohnung, beim Fernsehen oder in unserem Schrebergarten.“ Das sei fast wie ein Kurzurlaub für sie. Na ja, und früher habe sie auch im Chor gesungen und viel mehr gelesen. Sie „arbeite daran“ beides ein bisschen zu reaktivieren. „Wenn Zeit ist.“

 

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