Demokratisch danebengegangen

28.01.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Nun ist es also entschieden: Die Alice-Salomon-Hochschule (ASH) bekommt im Herbst dieses Jahres eine neue Fassade. Übertüncht werden soll ein Gedicht in spanischer Sprache, 1951 geschrieben von Eugen Gomringer (93). Das steht dort seit 2011 und hatte lange Zeit kaum jemanden gestört. Bis sich im vergangenen Jahr einige Student*innen (die #metoo-Debatte war gerade aufgeflammt) an dem Text rieben, der AStA der Hochschule nachzog und etwas in Gang gesetzt wurde, was schon jetzt als „Hellersdorfer Gedichtestreit“ in die Annalen eingegangen ist und nicht nur die Medien der Stadt, sondern auch die Presse weltweit bewegte. Eine Studierende aus den USA soll dem Thema sogar ihre Dissertation gewidmet haben.

Viel wurde in den letzten Monaten über die Auseinandersetzung zum Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer berichtet, über Sexismusvorwürfe, über Kulturbarbarei. Man muss es an dieser Stelle nicht wiederholen. Gibt man in die Suchmaschine Google den Namen des Dichters ein, kommt man zu 152.000 Ergebnissen. Bei „Gedicht Hellersdorf“ sind es 65.900 Hinweise, bei „Avenidas Gomringer“ werden immerhin noch 19.400 Verweise auf Artikel gezählt. Diese Zahlen werden noch ansteigen. Denn nach einem Votum des Akademischen Senats hat die Hochschule am Dienstag, 23. Januar, beschlossen, Gomringers Zeilen von der Fassade zu entfernen und alle fünf Jahre durch ein neues Poem zu ersetzen. Gleichzeitig soll eine Tafel vor der Hochschule an den Streit erinnern – und auch an die Worte des Dichters.

Verloren hat auch die Hochschule selbst

Man darf gespannt sein. Aber auch verärgert. Denn die Entscheidung der Alice-Salomon-Hochschule hat zwar einen langen Prozess durchlaufen – von der Diskussion, bei der auch Gegenstimmen zu Wort kamen, über die Abstimmung bis hin zum genannten Beschluss – , sie zeigt trotzdem, wie Borniertheit, Ignoranz und akademisches Spießertum auf dem Marsch durch die Institutionen gewinnen können. Ganz demokratisch. Nicht nur der Dichter hat dabei verloren, sondern besonders die Hochschule selbst. Vor allem an Reputation, ebenso an Akzeptanz im Bezirk. Eine Bekannte, die in der Großsiedlung Hellersdorf wohnt, brachte es auf den Punkt: „Wo leben die denn? Haben die wirklich keine anderen Sorgen?“

In der Tat, gerade von einer Hochschule, die vor allem künftige Sozialpädagogen und Sozialarbeiter ausbildet, erwartet man etwas mehr Realitätssinn. Wenn es gegen Sexismus und seine Folgen gehen soll: Bitte schön, sehr dafür! Macht Euch stark dagegen! Aber sucht den Kampfplatz an der richtigen Stelle, nicht in einer misslungenen Gedichtinterpretation. Wie wäre es beispielsweise beim Unterstützen alleinerziehender Mütter, die es schwer haben, einen Arbeitsplatz zu finden? Wie als Helfer*innen in einem Frauenhaus? Zu viel Realität für jemanden, der lieber den akademischen Diskurs über ganze sechs Worte führt?

Einen neuen Ort finden

Ich würde mir gerade wegen der Auseinandersetzung, bei der die Einwohner nicht mit abstimmen konnten, ganz persönlich wünschen, dass Gomringers Gedicht Hellersdorf erhalten bleibt (die Zustimmung des Dichters natürlich vorausgesetzt). Im Großformat, nicht nur als Fußnote an einer Tafel der AHS. Wie wäre es damit, die Ode an einem bezirklichen Gebäude in der Nähe der Hochschule anzubringen, vielleicht sogar am gegenüberliegenden Rathaus? Dem Bürgermeister dürften deshalb jedenfalls kaum Sexismus-Vorwürfe gemacht werden – seit Ende 2016 regiert am Alice-Salomon-Platz 3 mit Dagmar Pohle schließlich eine Frau.

Eugen Gomringer schrieb: avenidas/ avenidas y flores / flores /flores y mujeres / avenidas / avenidas y mujeres / avenidas y flores y mujeres / y un admirador. Auf Deutsch heißt das: “Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen/ Alleen und Blumen und Frauen / und ein Bewunderer”. Hat das Gedicht, insbesondere in seiner spanischen Urfassung, nicht eine wunderschöne Sprachmelodie?

 

 

 

 

 

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