Der Demografie-Bericht 2015 liegt vor und wird jetzt beraten

Bezirk stellt sich aufs Alter ein

28.12.2016, Sabine Flatau

Fotos: Birgitt Eltzel (1), Sabine Flatau (2-4)

Marzahn-Hellersdorf. Der Bezirk verzeichnete 2015 gegenüber dem Vorjahr das stärkste Bevölkerungswachstum seit 23 Jahren. Rund 260.000 Menschen leben in Marzahn-Hellersdorf (Stand 31. Dezember 2015). Das sind 3.200 mehr als Ende 2014. Diese Zahlen enthält der Demografie-Bericht Marzahn-Hellersdorf, der jetzt vorliegt. Er wurde von der Abteilung Gesundheit und Soziales im Bezirksamt herausgegeben und nutzt Daten des Einwohnermelderegisters. Er wurde im Dezember der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vorgelegt und wird nun in deren Ausschüssen beraten.

Altenplanung wird erarbeitet

Das Bevölkerungswachstum beruht fast ausschließlich auf dem Zuzug von Menschen mit Migrationshintergrund. Überwiegend sind es Asylsuchende. Verglichen mit anderen Bezirken, hat Marzahn-Hellersdorf jedoch wenige Migranten. Sie machen knapp 15 Prozent aller Bewohner aus. Im Berliner Durchschnitt sind es fast 30 Prozent.

Erwartet wird, dass die Bewohnerzahl bis zum Jahr 2030 um 20.000 auf etwa 280.000 steigt. Die Zahl der Älteren, die das 65.Lebensjahr überschritten haben, erhöht sich gemäß einer Prognose der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sogar um 27.000. Das Bezirksamt erarbeite deshalb „eine Altenplanung für diese Legislaturperiode“, sagt Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke). Dabei gehe es um Barrierefreiheit, wohnortnahe seniorengerechte Angebote der sozialen Infrastruktur oder auch spezielle Wohnungs- und Betreuungsangebote.

Durchschnittsalter 43,5 Jahre

Betrachtet wird auch die Bevölkerungsdichte. Der Durchschnittswert für den gesamten Bezirk liegt bei 42 Einwohnern pro Hektar. Besonders viel Platz haben die Bewohner der Siedlungsgebiete. Dort leben durchschnittlich 21 Menschen pro Hektar. In der Großsiedlung Marzahn sind es 55. Am dichtesten ist die Großsiedlung Hellersdorf bewohnt. Dort liegt der Wert bei 97. Das Durchschnittsalter im Bezirk beträgt 43,5 Jahre und liegt damit über dem Berliner Durchschnitt von 42,8 Jahren. Bei diesem Wert hat sich eine große Veränderung vollzogen. Das Durchschnittsalter betrug 1991 in Marzahn-Hellersdorf knapp 31 Jahre und ist seither dreimal stärker angestiegen als im Berliner Durchschnitt. Im Zeitraum von 2010 bis 2015 ist vor allem die Zahl derjenigen gewachsen, die das 55. Lebensjahr überschritten haben und demnächst in Rente gehen. Es sind 13.916 Einwohner. Dies sei die einstige Eltern-Generation, die jetzt das Großeltern-Alter erreicht habe, heißt es im Bericht.

2019 wird der Bezirk 40 Jahre alt. Dagmar Pohle, die seit 2002 im Bezirksamt sitzt, sagt, die Alters- und die Sozialstruktur seien vielfältiger geworden. Marzahn-Hellersdorf habe sich „vom jüngsten Berliner Bezirk zu einem Bezirk entwickelt, der inzwischen leicht über dem Berliner Altersdurchschnitt liegt und am schnellsten altert. Man könnte auch sagen, reifer wird.“

Spätaussiedler aus Kasachstan und Russland

Rund 39.000 Bewohner mit Migrationshintergrund leben im Bezirk. Der größte Teil der Migranten, etwa 17.400, ist aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen. Die meisten wohnen in der Großsiedlung Marzahn. Ursprünglich waren sie vor allem in der Russischen Föderation und in Kasachstan zuhause. Ein Viertel aller kasachischen Migranten in Berlin lebt in Marzahn-Hellersdorf – mehr als in jedem anderen Bezirk.

Anknüpfen an kulturelle Wurzeln

Viele, die schon vor Jahren zugewandert sind, haben eine neue Heimat im Bezirk gefunden und können an ihre kulturellen Wurzeln anknüpfen. Zu einer gefragten Einrichtung ist das Berliner Tschechow-Theater an der Märkischen Allee 410 geworden. Die integrative Spielstätte wurde 2002 vom Kulturring in Berlin e.V. gegründet. „Wir spielen Stücke in Deutsch und danach in Russisch, jeweils in ganzer Länge und an einem Tag“, sagt die Theaterleiterin Alena Gawron. „Diese Doppelinszenierungen sind einzigartig in Berlin.“ Außerdem bietet das Theater Workshops für Kinder und lädt zu Lesungen, Konzerten, Kabarett und Vorträgen ein. Im Dezember werden Weihnachtslieder gesungen und das Jolka-Fest gefeiert. Deutsche und Russlanddeutsche gehören zu den Besuchern, Kinder aus Berlin und Brandenburg. Alena Gawron wurde in der Slowakei geboren. Ihre Mutter ist Ungarin, ihr Vater Tscheche. „Ich bin dreisprachig aufgewachsen, ganz Multikulti“, sagt sie. Sie studierte Deutsch und Russisch, und lebt seit 1987 in Marzahn.

Niedrigstes Wanderungsvolumen aller Bezirke

Wie Alena Gawron haben viele Marzahn-Hellersdorfer eine enge Bindung an ihren Wohnort. Dazu tragen auch Einrichtungen wie das SOS-Familienzentrum in Hellersdorf bei, in dem sich Bewohner treffen, austauschen oder sich beraten lassen. Dass sich die Marzahn-Hellersdorfer in ihrem Kiez wohlfühlen, darauf weist eine Zahl im Demografie-Bericht hin. Es ist das Verhältnis der Anmeldungen zu den Abmeldungen im Bezirk. Diese Zahl wird Wanderungsvolumen genannt und ist mit 19,8 je 100 Anwohner angegeben. Es ist das niedrigste Wanderungsvolumen unter allen Bezirken.

 

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