Eltern, Lehrer und Schüler protestieren gegen Zustände an Schulen

Demo „Unsere Schulen sind am Limit!“

04.05.2018, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel

Karlshorst. Mit einem Sternmarsch machten Kinder, Eltern, Lehrer, Horterzieherinnen und -erzieher am Donnerstag, 3. Mai, auf die sich zuspitzende Schulsituation im Ortsteil aufmerksam. Ausgehend von der Lew-Tolstoi-Grundschule am Römerweg, der Karlshorster Schule in der Lisztstraße, der Richard-Wagner-Grundschule in der Ehrenfelsstraße und des Hans-und-Hilde-Coppi-Gymnasiums am Römerweg versammelten sich laut Polizeiangaben bis zu 750 Teilnehmer an der Treskowallee/Ecke Waldowallee. Nach Angaben der Veranstalter waren es mehr als 2.000. In dem Demonstrationszug auf der knapp einen Kilometer langen Strecke zum Johannes-Fest-Platz am S-Bahnhof Karlshorst hielten sie Transparente und Schilder hoch, auf denen Forderungen zu lesen waren wie: „Keine Massenhaltung für Kinder“, „Mittag in 6(!) Schichten – wir wollen nicht hetzen beim Essen“ und „Bessere Schulen – bessere Zukunft“. Mit Tröten, Pfeifen und Sprechchören wie „Wir sind Kinder, wir sind laut, weil ihr keine Schulen baut“, verliehen die Demonstranten ihrem Vorwurf, die Politik würde zu wenig für sie tun, lautstark Nachdruck. Sie protestierten gegen die Überfüllung und die Zustände an Karlshorster Schulen, denn: Die Schulen sind am Limit.

Falsche Prognosen bei Kinderzahlen

Während der Abschlusskundgebung auf dem Johannes-Fest-Platz sagte Ulrich Karlsen vom Elternnetzwerk Karlshorst: „Die Überfüllung unserer Schulen ist völlig unnötig! An zehn Plätzen hätten neue Schulen gebaut werden können, anstatt nur Wohnungen.“ Doch man sei von viel zu geringen Prognosen beim Anstieg der Kinderzahlen ausgegangen. Die geplanten Schulen an der Waldowallee 115 und am Blockdammweg 60 seien schon jetzt zu klein. „Wir protestieren gegen die verschleppte Schulplanung und eine mangelnde Kommunikation seitens der Schulverwaltung des Bezirks und des Landes Berlin mit uns Eltern.“ An der Karlshorster Grundschule, die ursprünglich für drei Klassenzüge mit 450 Schülern gebaut worden sei, gebe es zum wiederholten Male sechs 1. Klassen. Heute lernten dort über 600 Kinder. Bald könnten es 800 sein, befürchtet Karlsen. Ein modularer Ergänzungsbau hätte zwar die Schulkapazität vergrößert, aber die Turnhalle sei gleich geblieben, der Schulhof hätte sich verkleinert und es gebe nicht genügend Toiletten. „Die Karlshorster Schulen müssen in den nächsten Jahren Priorität haben“, forderte Ulrich Karlsen. Dazu sei ein Umdenken erforderlich.

Nur zehn Minuten Zeit fürs Schulessen

Über schlimme Zustände an der an der Lew-Tolstoi-Grundschule berichtete Elternvertreter Dr. Johannes Frisch. Die Schule sei 1,5-zügig überbelegt. „Es ist einfach zu voll, wir wissen nicht mehr wohin mit den Klassen.“ Es gebe keine Fachräume mehr und keine Räume für Arbeitsgruppen, alles würde als Klassenzimmer genutzt. 500 Schüler müssten in mehreren Schichten von jeweils zehn Minuten in einem 60 Quadratmeter kleinen Raum ihr Schulessen einnehmen.

Auch an der Richard-Wagner-Schule muss in fünf kurzen Schichten gegessen werden. In der Turnhalle treiben Doppelklassen Sport. Durch die Aufstellung eines modularen Ergänzungsbaus wurden die Sportflächen auf dem Schulhof deutlich kleiner.

„In diesem Jahr wird am Coppi-Gymnasium die neue Turnhalle fertig“, sagte Heiner Prötzig, Vorsitzender der Gesamtelternvertretung, „aber die Dreifeld-Halle ist jetzt schon zu klein.“ Ein Feld müsse man an die Karlshorster Grundschule abgeben. Teilweise würden die Schüler in die Alfred-Kowalke-Straße fahren, um dort Sport treiben zu können. Auch an der weiterführenden Schule mit einer Kapazität von 680 Schülern befürchtet man Probleme, wenn sich in den nächsten Jahren die Abgangszahlen der Grundschulen verdoppeln.

Bis 2030 wird in Karlshorst ein Anstieg der Einwohnerzahlen auf knapp 34.000 erwartet. 2017 betrug die Zahl der Karlshorster noch rund 27.000. Die steigende Bevölkerungszahl wird auch mit einer deutlichen Erhöhung der Kinderzahlen einhergehen. „Das war nicht die letzte Demo zu diesem Thema in Karlshorst“, sagte Ulrich Karlsen. „Es war nur der Auftakt.“

Lage problematisch – Ausblick hoffnungsvoll

Fabian Peter, Referent beim Schulstadtrat Wilfried Nünthel (CDU), sagte auf Nachfrage von LiMa+: „In einigen Lichtenberger Stadtteilen ist die Situation an den Schulen sehr problematisch. Wir wissen um die angespannte Lage.“ Der Berliner Senat und der Bezirk hätten bereits darauf reagiert. Die Voraussetzungen für Neubau und Sanierung von Schulen und Sportanlagen in Lichtenberg seien teilweise bereits gelegt oder schon mitten in den Planungen. Die finanziellen Mittel jedenfalls stünden zur Verfügung.

So sei in Karlshorst beispielsweise am Blockdammweg 60 der Bau einer zweizügigen Grundschule geplant, an der Waldowallee 115 soll eine vierzügige Grundschule mit zusätzlicher Sekundarstufe entstehen – in Form einer Gemeinschaftsschule. Wann dort gebaut wird konnte Peter noch nicht präzisieren. Grund: Das Grundstück am Blockdammweg befinde sich noch in Privatbesitz und die vertraglichen Grundlagen zur Grundstücksübertragung liefen noch. Das Grundstück an der Waldowallee gehöre der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Es soll an das Land Berlin übertragen werden. Die bestehende Lew-Tolstoi-Grundschule am Römerweg 120 erhalte bis 2020 einen Anbau, so der Referent. Die Bauarbeiten würden Anfang 2019 beginnen. Um dort sofort eine Entlastung zu erreichen, werde im Herbst dieses Jahres für knapp eine Million Euro ein Schulcontainer aufgestellt. Nach Fertigstellung des Anbaus soll der Container an einen anderen Standort umziehen.

Perspektivischer Überschuss?

In einer Pressemitteilung der SPD Lichtenberg im Vorfeld des Sternmarsches heißt es: „Neue Schulen entstehen nicht über Nacht, das wissen wir alle.“ Aber die Maßnahmen der Senatsverwaltung, die den Schulbau und somit den Abbau des Schulplatzdefizits beschleunigten, gingen in die richtige Richtung. Das gelte insbesondere für die Beschleunigung des Schulneubaus auch in Lichtenberg bei den Grundschulneubauten an der Konrad-Wolf-Straße und an der Sewanstraße.

„Von dieser Entwicklung profitiert gerade auch ein Stadtteil wie Karlshorst, wo im Rahmen der Schulbauoffensive der Neubau bzw. die Reaktivierung von zwei Grundschulen – Blockdammweg, Waldowallee – und zwei Integrierten Sekundarschulen – HTW Campus Karlshorst, Waldowallee – vorgesehen ist.“ Die Realisierung dieser Maßnahmen werde die Schulplatzproblematik in Karlshorst entschärfen und „nach Prognosen des Bezirksamtes, selbst unter Berücksichtigung des prognostizierten Bevölkerungszuwachses, perspektivisch sogar zu einem Überschuss führen.“

***

Update am Freitag, 4. Mai:

In einer Pressemitteilung, die LiMa+ am 4. Mai um 11.27 Uhr erreichte, erklärten die Vorsitzenden der Fraktion Die Linke der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung, Kerstin Zimmer und Norman Wolf: „Die Einschätzung der SPD Lichtenberg, dass die Schulproblematik in Bälde entschärft wird, teilen wir bei allem Optimismus nicht.“ Die Schulentwicklungsplanung, die bereits in der letzten Wahlperiode unter SPD-Führung verschlafen worden sei, müsse endlich verlässliche Zahlen liefern. „Wenn nachweislich der Bedarf an sozialer Infrastruktur wie Schulen, Kitas und z.B. Jugendfreizeiteinrichtungen nicht gedeckt werden kann, müssen die Planungen für neue Wohnungen solange zurückstehen bis eine verlässliche Aussage über die Realisierung von Kita- und Schulplätzen getroffen werden kann“, so Kerstin Zimmer und Norman Wolf.

 

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Leserkommentare

  1. Demo „Unsere Schulen sind am Limit!“
  2. Gut das es endlich von den betroffenen mal eine Art “Aufschrei” gibt, doch was hat sich hier die Politik bei gedacht? Vor Jahren waren Kindergärten rar, da habe ich bereits gefragt, wie man das dann mit den Schulen angehen möchte, keine Reaktion bzw. ist ja noch lange hin..
    Nun sind wir da, was ich bereits vor Jahren angeprangert habe und, es passiert wieder nichts.
    Auch das die HTW weg geht (aus Karlshorst) und die Räumlichkeiten weiter Schulisch genutzt werden können -vor allem eine weiterführende Schule ist wichtig-, so schnell wie möglich, scheint die Politik nicht wirklich zu interessieren, man spricht “nur” drüber aber an Taten kann man die Herren und Damen, z.Zt., nicht messen.
    Auch wenn betont wird, das es in Lichtenberg sehr problematisch ist, in den anderen BEzirken ist es nicht besser und ich warte auf den ersten Aufschrei, wenn ein Kind nicht aufs Coppi kommt (zu voll) und in der “Nahen” Umgebung nur in Spandau noch was frei ist.
    Unterm Strich wird es so laufen, dass die Schulgebäude fertig gestellt werden, wenn der Bedarf nicht mehr besteht. Die betroffenen sind dann in einem Alter, da bedarf es dieser Schulgebäude nicht mehr und die Geburten sind dann wieder Rückläufig.
    Freuen wir uns auf zusätzliche Räumlichkeiten für Museen der besonderen Art oder gleich so umbauen das diese als Altersresidenz genutzt werden können.

  3. HTW + schnell neue Schulen geht
  4. Wir brauchen das MoBS-Schnellbauverfahren wie in der Sewan-43 auch für die 2 neuen Schulgrundstücke in Karlshorst.
    Dann kann man nach Fertigstellung Ende 2020 auch davon absehen, bis 2026 die HTW ziehen zu lassen, was viele Mio. kosten würde.
    V.a. kann Geisel uns so ein Nullsummenspiel, nein: in der Summe ja einen Verlust, nicht als Zugewinn verkaufen: Wir verlören einen guten Arbeitgeber und eine der größten Hochschulen, während wir für die dort angedachte Schule eine Extra-Fläche verdient hätten.
    Der Coppi-Schule gönne ich gerne Platz auf dem HTW-Gelände für die Zeit, wo sie 4- statt 3,5-zügigen Bedarf hat. Das ist in Ordnung.
    Fällt die HTW, weckt das nur Begehrlichkeiten auf die Grundstücke der 3 nahen preiswerten Wohnheime, die dann mittelfristig deplatziert wären.
    Hieß es noch 2017 in der Investitionsplanung Berlins, dass die Gemeinschaftsschule Waldowallee 2022 fertig sein soll, präsentiert uns die SenBild voller Stolz im April 2018 die Fertigstellung 2026, ähnlich am Blockdammweg. Und dann sollen wir uns noch darüber freuen, dass der HTW eine goldene Brücke nach Schöneweide gebaut wird, die der Steuerzahler teuer und unnötig bezahlt?
    Nein, wirklich nicht.

    Noch ne Sache: Da die tausenden neuen Wohnungen ja dauerhaft stehen bleiben, werden wir auch dauerhaft neu Schulen brauchen. Die kommen zwar zu spät, aber auch dann nicht unnötig.

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