Museum Lichtenberg mit neuer Sonderausstellung

DDR: zwischen Alltag und Diktatur

16.11.2017, Marcel Gäding

Dr. Thomas Thiele ging die vergangenen Monate auf Spurensuche - fündig wurde der Museumschef im eigenen Archiv. Fotos: Marcel Gäding

Das Museum Lichtenberg widmet sich ab Freitag in einer Sonderausstellung dem Leben in der DDR, in dem es im eigenen Bezirk auf Spurensuche geht. Titel: „Die DDR im Kleinformat – Alltag und Diktatur in Berlin-Lichtenberg.“

Wie ein Fremdkörper wirkt das große Bürogebäude an der Ecke Frankfurter Allee und Ruschestraße zwischen all den sanierten Wohnhäusern. Auch 28 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR könnte man vor der unsanierten Fassade des Plattenbaus historische Filme drehen. Das Gebäude ist Teil eines Komplexes, in dem sich bis 1989/1990 das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) befand und der Lichtenberg und Hohenschönhausen in der gesamten DDR bekannt machte. Was nur wenige wissen: Kein anderer Ort repräsentiert in derart geballter Form Alltag und Diktatur in der DDR. Folgerichtig ist daher auch der Titel einer in dieser Form einzigartigen Ausstellung: „Die DDR im Kleinformat – Alltag und Diktatur in Berlin-Lichtenberg“, die an diesem Freitag (17. November) im Museum Lichtenberg eröffnet wird.

DDR-Spurensuche in Lichtenberg

Wer in Lichtenberg auf Spurensuche gehen will, wird schnell fündig, denn überall finden sich im Bezirk die baulichen Zeugnisse des einstigen Arbeiter- und Bauernstaates. Dazu gehören unter anderem die einstige Untersuchungshaftanstalt des MfS in Hohenschönhausen, die Stasi-Zentrale an der Ruschestraße, die bis 1994 genutzten Gebäude des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Karlshorst. Weitgehend in Vergessenheit geraten aber ist, dass von Lichtenberg aus auch DDR-Geschichte geschrieben wurde. In einem unscheinbaren Wohnhaus an der heutigen Einbecker Straße 41 befand sich 1945 der Sitz der Gruppe um Walter Ulbricht – meist aus dem Exil stammende Kommunisten, die im Auftrag von Josef Stalin nicht nur eine kommunistische Partei gründeten, sondern auch Einfluss beim Wiederaufbau im sowjetisch besetzten Sektor und auf die ersten Wahlen 1946 nahmen, aus denen die SPD als stärkste Kraft hervorging. Parallel richtete sich die Sowjetunion ein, in dem sie große Teile Karlshorsts zu Sperrgebieten erklärte und in Hohenschönhausen ein Speziallager errichtete. In den Jahren darauf, vor allem zwischen 1965 und 1975, wuchs der Bezirk. „In dieser Zeit gewann er 120.000 neue Bewohner dazu“, sagt Thiele. DDR-Baugeschichte wurde unter anderem am Fennpfuhl geschrieben, in dem man viele Prototypen von Wohnhäusern verwirklichte, die später Vorbild für den industriellen Wohnungsbau in der gesamten DDR sein sollten. Die meisten der 55 Schulen trugen Namen antifaschistischer Widerstandskämpfer, aber auch schon mal hochgedienter Stasi-Bonzen wie Erich Wichert, dem 1985 verstorbenen Stasi-Chef von Berlin. Ihm zu Ehren erhielt die 43. Oberschule in der Alfred-Kowalke-Straße seinen Namen im Rahmen eines vom MfS organisierten Fahnenappells.

Schmunzeln ist durchaus erlaubt

Die Autoren der Ausstellung – Barbara Timm, Dirk Moldt und Thomas Thiele – haben sich bewusst für eine Zweiteilung der Schau entschieden. Den äußeren Rahmen bildet die SED-Diktatur, während im Inneren des Ausstellungsraumes Platz ist, um den Alltag in der DDR zu dokumentieren. Einerseits zeichnen sie das Bild des durchorganisierten Überwachungsstaates, andererseits vom Land, in dem viele Menschen auch gerne lebten. „Man war nicht gezwungen, immer mitzulaufen“, sagt Thiele und erinnert sich dabei auch an sein eigenes Leben. Er habe hier und da auch schon mal widersprochen, erklärt der Museumsdirektor, ohne dabei die Repressalien kleinzureden, denen vor allem Oppositionelle ausgesetzt waren – wie etwa jene Umweltgruppen, die sich unter dem Schutz der Kirche organisierten und neben Aufrüstung auch die Umweltverschmutzung anprangerten.

„Wir werden nicht die schöne DDR darstellen“, kündigt Thomas Thiele an. Vielmehr versuchen die Ausstellungsmacher einen Bogen zu spannen. Dabei ist durchaus erlaubt, auch mal zu schmunzeln. Recht viele Anekdoten liefern unter anderem die Bewohner eines Hochhauses an der Möllendorffstraße, die bis zur Wende Jaques-Duclos-Straße hieß. Thiele bekam von ihnen die Bücher der sogenannten Hausgemeinschaftsleitung – eine in Leder eingebundene Dokumentation mit zahlreichen Protokollen. Sie ermöglicht einen Einblick in den Alltag der Hausgemeinschaft, der nicht nur von Organisatorischem wie gemeinschaftliche Arbeiten, bestimmt war, sondern sich auch in Feiern und geselligen Veranstaltungen spiegelte. In jedem Fall wollen Thiele und seine Mitstreiter mit einem weit verbreiteten Bild vom Leben in der DDR aufräumen, „in dem wir zeigen, dass dort nicht nur Mitläufer lebten, die sich dem System bedingungslos unterordneten“. Das Bild, das heute vielfach von der DDR gezeichnet werde, sei falsch. Vor allem soll die Ausstellung die Menschen im Bezirk ansprechen, aber auch Jugendliche, die so ein Stück über das Leben ihrer Eltern beziehungsweise Großeltern erfahren.

Lieder und Texte zur Ausstellungseröffnung

„Die DDR im Kleinformat – Alltag und Diktatur in Berlin-Lichtenberg“, zu sehen bis zum 1. April 2018. Öffnungszeiten: Di–Fr sowie So 11-18 Uhr. Ausstellungseröffnung: 17. November, 19 Uhr. Es sprechen Dr. Dirk Moldt, Kurator, und Dr. Thomas Thiele, Museumsleiter. Im Anschluss: „Vom zärtlichen Grün“ – Lieder und Texte von und mit dem Liedermacher und Autor Heinz Bomberg. Ort: Türrschmidtstraße 24, 10317 Berlin. Infos: www.museum-lichtenberg.de

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden