Frau & Mann

Das Salz in der Suppe

22.04.2018, Volkmar Eltzel

Foto: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Alles ist heutzutage so cremig, light, soft, smart und clean. Selbst das Salz aus dem Supermarkt ist nicht mehr richtig salzig. Für denselben Salzgeschmack benötigt Mann doppelt so viel von dem körnigen Stoff wie noch vor 20 Jahren. Das Zeug klumpt auch nicht mehr bei Feuchtigkeit. Weil es sich nicht mehr nur um stinknormales Natriumchlorid handelt! Nein! „Modernes“ Speisesalz wird gewaschen, gleichmäßig kristallisiert, zentrifugiert und wieder getrocknet. Hinzu gegeben werden Rieselhilfsmittel wie Kalzium- oder Magnesiumcarbonat, außerdem noch Aufheller, damit‘s schön weiß aussieht. Jod für die Schilddrüse, gegen Atomstrahlen. Fluor für die Zähne, Folsäure und Vitamine für weiß der Geier was! – Gibt es eigentlich noch Salz ohne diesen Schnickschnack?

Der aus dem Gestein gewaschene und in den Meeren gelöste Urstoff ist es schließlich, der so lebenswichtige Aufgaben erfüllt. Er schützt die Zellen vor Austrocknung, ist gut für die Knochen, ermöglicht den Nervenzellen die Weiterleitung elektrischer Signale und ist unentbehrlich für die Verdauung und die Muskeln. Kein Herz der Welt würde ohne ihn schlagen.

Deshalb wohl symbolisiert das Salz auch Leidenschaft und Liebe, die ja bekanntlich durch den Magen geht. Neue Nachbarn und gute Freunde heißt man mit Brot und Salz herzlich willkommen. Salz kostet nicht die Welt, aber die Welt kostet es. Das besondere Mineral konserviert organische Stoffe und gegen spiegelglatte Straßen hilft es auch. Salz ist viel mehr als nur ein simples Küchengewürz.

Auf die richtige Prise kommt es an

Ja, ja, zu viel ist nicht gesund, wie bei allem, was Spaß macht. Muss Mann halt mehr trinken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Erwachsenen pro Tag weniger als fünf Gramm Salz – einen Teelöffel voll.
Ha! Was denn für Salz, das 50-prozentige? Was denn für Teelöffel, große, kleine? Was denn für Menschen, große, kleine – Frau, Mann? Geh doch die Sonne putzen, du WHO!

Mann mag es nun mal deftig, scharf, süß, sauer und eben salzig. Für den minimalen Salzgehalt der Gerichte, wenn Frau am Wochenende kocht, gibt es für ihn nur eine plausible Erklärung:
Sie nimmt den Salzstreuer und hält ihn – mit den Löchern nach oben – für zwei Sekunden über den Topf. Währenddessen schüttelt sie ganz vorsichtig, mehr waage- als senkrecht. Dass nur einige auserwählte Körner mittels Beschleunigung kurzzeitig die Erdanziehungskraft überwinden mögen und den nicht leichten Weg über die halbdurchlässige Membrane aus dem Behältnis finden, um sodann mit 9,81 Metern pro Sekunde zum Quadrat hinab in die Speise zu stürzen.

Bei Tisch

Das Zubereitete wird von den männlichen Rezeptoren, die hoffnungsvoll auf den Sinneszellen der Zunge und des Gaumens auf Arbeit warteten, als „etwas fade“ registriert. Alte Salzreserven im Körper werden mobilisiert, damit es das kleine Signal überhaupt bis in die Großhirnrinde schafft und dort als Geschmack wahrgenommen werden kann.

Dialog:
Frau: „Und schmeckt’s?!!“
Wenn er jetzt fahrlässig die falsche Antwort gibt, darf er nächsten Samstag und Sonntag selber in der Küche stehen. Dann sind ihr die Speisen wiederum zu salzig, Frau hängt am Wasserhahn und hat schlechte Laune.
„Neiiööüüjaaaa“, ist deshalb seine präzise Antwort und Wortschöpfung, die er mit großem kognitiven Aufwand über den Teller gebeugt formuliert: zeitgewinnend sprechen, Frau ansehen, Gesichtszüge analysieren, Vor- und Nachteile abwägen, entscheiden, Laute korrigieren, unschuldig blicken, eifrig weiterkauen. Das alles zusammen und in einem Zeitfenster, welches sich schnell schließt bis Frau reagiert.

Frau: „Ich habe alles gesalzen! Außerdem ist in den Nahrungsmitteln sowieso genug Salz, das reicht für den Tagesbedarf des Körpers.“
Ja, des Frauenkörpers(!), denkt Mann, sagt er natürlich nicht.

„Außerdem schmeckt man die einzelnen Zutaten so viel besser heraus“, fügt Frau bekräftigend hinzu. Mann nickt bedächtig und überlegt, ob die Zutaten einzeln besser geschmeckt hätten. Das bleibt aber für immer sein Geheimnis. Als Frau nochmal kurz in die Küche verschwindet, reißt er entschlossen und blitzschnell den Salzstreuer zu sich heran und schüttelt über dem Teller kräftig und senkrecht mit den Löchern nach unten… Der verflixte Aufsatz muss von jemandem gelockert worden sein und gibt nach…
Hallo WHO! Wird wohl heute wieder nix mit weniger als fünf Gramm.

 

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