Drinnen + draußen

Das Kompott

13.05.2018, Linna Schererz

Fotos: Linna Schererz

Es war quasi das Sahnehäubchen der Mittagsmahlzeit: das Kompott, etwas vulgärer auch als „das Eingemachte“ bezeichnet. Oder als „Eingewecktes“. Jedenfalls durfte es nicht fehlen, damals, als wir Kinder waren. „Schön aufessen, sonst gibt es kein Kompott“, diese Drohung kam immer aus mütterlichem Mund, wenn die Suppe oder was es sonst als Hauptspeise gab, mal nicht so mundete. Das zog. Niemand wollte schließlich auf die Süßspeise verzichten. Die konnte mal ein Pudding sein, am häufigsten waren es jedoch eingekochte und damit haltbar gemachte süße Früchte. Die waren je nach Jahreszeit selbst geerntet worden. Meistens von Frauen und Kindern. „Du willst ja später auch essen!“, hieß die Ermahnung, wenn Kind sich drücken wollte. Männer schleppten höchstens die Gläser heran, selten nahmen sie danach noch am aufreibenden Produktionsprozess teil. Dafür aber umso lieber am Verzehr.

Nach Wertigkeit gelagert

Kompott wurde nicht nur im Keller nach seiner Wertigkeit gelagert (die Gläser mit Früchten, die billig und häufig waren, standen in den Regalen vorn, Schätze wie Himbeeren oder Heidelbeeren ganz hinten), es kam auch je nach Tag auf den Tisch. Werktage waren etwas für Pflaumen, Apfelmus, Stachelbeeren und Kürbiskompott. An Sonntagen gab es schon mal Erdbeeren, Kirschen oder Johannisbeeren. Bei letzteren wurde übrigens nach schwarz, rot oder weiß unterschieden. Schwarze waren eindeutig etwas für Sonntage, weiße oder rote auch wochentags-geeignet. An Feiertagen wurde die hintere Regalreihe geplündert oder Früchte wurden aufgepeppt, gern mit Vanillesoße oder Pudding. Schlagsahne kam erst Jahre später dazu.

Waren die Kühltruhen schuld?

Wann haben wir eigentlich mit dem Kompottessen Schluss gemacht?, habe ich kürzlich mit einer Freundin aus Kreuzberg gerätselt. Bei unserem Gespräch zeigte sich kaum ein Ost-West-Unterschied. Bis Mitte der 1970er-Jahre wurde laut der Kreuzbergerin auch im Westen noch kräftig eingekocht. Dann kamen die Kühltruhen und damit bessere Konservierungsmöglichkeiten. Im Osten erfolgte das zwar einige Jahre später, doch auch wir froren dann lieber ein, statt einzukochen. Und aßen immer weniger süßes Einmach-Obst, dafür aber nicht weniger süße Joghurts und Cremes aus dem Supermarkt. Und manchmal kauften wir auch Gläser mit Kirschen oder Apfelmus dort. Um dann festzustellen: Bei Oma oder Mama hat das besser geschmeckt.

Tipps aus Ratgebern

Inzwischen entwickelt sich das Einkochen langsam wieder zum Trend, zahlreiche Ratgeber und Kolumnen in Zeitschriften wie beispielsweise Brigitte halten dafür Tipps bereit. Nur geht es jetzt allerdings weniger um Vorratshaltung, sondern um gesunde und wohlschmeckende Speisen. Wenn man selbst Obst und Gemüse herangezogen und verarbeitet hat, weiß man schließlich, ob es wirklich Bio und chemiefrei ist oder nicht. Und man setzt gewöhnlich wesentlich weniger Zucker ein als die Industrie.

Wir beginnen mit Vanillepudding

Leider haben wir nur einen kleinen Mietergarten. Es ist sehr überschaubar, was dort wächst. Ein paar Johannisbeeren und Stachelbeeren reichen gerade so für einige Gläser Marmelade. Doch im Brandenburger Umland kann man als Selbstpflücker so ziemlich alle Früchte ernten, die man in Gläser packen will, um im Winter noch einmal den Sommer zu schmecken. Seit Jahren nehme ich mir vor, das zu tun. Diesmal wird’s was, ganz bestimmt. Als Erstes aber gibt es am heutigen Sonntag selbstgekochten Vanillepudding, garniert mit Himbeeren und Minze. Denn ich finde: Es ist längst wieder Zeit fürs traditionelle Kompott.

 

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