Deutsch-Russisches Museum wird 50 Jahre

Das Heiligtum von Karlshorst

08.11.2017, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding

Karlshorst. Die Fenster vom Wintergarten des Deutsch-Russischen Museums sind abgedunkelt. An den Wänden hängen Fotos, Fahnen, alte Hinweisschilder. Unter einer Flagge thronen die überlebensgroßen Köpfe von Meliton Kantaria, dem „Helden der Sowjetunion“, der mit einer Aufnahme berühmt wurde. Das Foto, das ihn am 2. Mai 1945 auf dem Dach des Reichstages beim Hissen der sowjetischen Siegesfahne zeigt, ging um die Welt. Bis heute hat es nicht an Bedeutung verloren. Immerhin steht es für den Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland. Und für das Ende eines barbarischen Krieges, der weltweit Millionen Menschen das Leben kostete und die Sowjetunion tief in ihrem Inneren und in ihrer Seele traf. Zu sehen sind die Exponate in der neuen Sonderausstellung „Unsere drei Leben – 50 Jahre Museum Berlin-Karlshorst“. Mit ihr macht sich das Haus an der Zwieseler Straße quasi ein eigenes, bemerkenswertes Geburtstagsgeschenk.

Die Sonderausstellung ist weit mehr als die bloße Zurschaustellung beliebiger Exponate. Sie ist eine kleine Reise durch die bewegende Geschichte des Hauses, das bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Offizierskasino der Wehrmachtspionierschule war. Sie skizziert die drei Leben des Museums, wie sein Direktor Dr. Jörg Morré sagt. Zu sehen sind unter anderem Ausrüstungsgegenstände von Soldaten, Briefe von Kriegsveteranen – und ein äußerst interessantes Schreibgerät. Der Füllfederhalter der Marke Montblanc befindet sich seit gut einem Jahr im Besitz des Museums. Er stammt aus dem Nachlass von Hans-Jürgen Stumpff (1889-1968), Generalstabschef der Luftwaffe und Mitunterzeichner der Kapitulation Hitler-Deutschlands. Angaben seiner Witwe zufolge soll Stumpff mit dem Füllfederhalter seine Unterschrift unter das Papier gesetzt haben, in dem es unter anderem heißt: „Wir, die hier Unterzeichneten, handelnd in Vollmacht fuer und im Namen des Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht, erklaeren hiermit die bedingungslose Kapitulation aller am gegenwaertigen Zeitpunkt unter deutschem Befehl stehenden oder von Deutschland beherrschten Streitkraefte auf dem Land, auf der See und in der Luft…“. „Angeblich soll er ihn seiner Witwe zufolge immer bei sich getragen haben“, sagt Museumsdirektor Morré mit der kritischen Distanz eines erfahrenen Historikers.

Museum sorgte zunächst für Ärger zwischen DDR und Sowjetunion

Jene drei Leben des Deutsch-Russischen Museums haben ihren Ursprung im Jahr 1967. Damals war man sich einig, dass an dem Ort, an dem die USA, die UdSSR, Frankreich, Großbritannien und Deutschland in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 das Ende des Zweiten Weltkrieges besiegelten, eine Stätte der Erinnerung entstehen soll. Mit Hilfe des Moskauer Streitkräftemuseums richtete man die Räume her. Weitgehend unverändert blieb der Saal, an dem die Kapitulation unterzeichnet wurde. Bis heute hängen die Flaggen der Alliierten über den großen Holztischen. „Damals war die Gründung des Museums eine rein sowjetische Angelegenheit“, sagt Morré. Das führte zum Ärger zwischen der Sowjetunion und der SED-Führung. Die hätte sich gewünscht, das Haus am Jahrestag der DDR-Gründung – am 7. Oktober – zu eröffnen. Doch es kam anders. Die sowjetische Seite entschied sich, aus welchen Gründen auch immer, für den 50. Jahrestag der Oktoberrevolution. Und so kam es, dass die DDR-Öffentlichkeit vom „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945“ am 5. November 1967 kaum Notiz nahm, weil Medien das Ereignis negierten. Bis zur Wende führte man in der Regel Gruppen durchs Haus – darunter Volkspolizisten, Angehörige der Grenztruppen und des Ministeriums für Staatssicherheit, aber auch sowjetische Kriegsveteranen, Briten, Amerikaner und Franzosen. „In diesem Fall war das ganze Haus in Habachtstellung, um einen guten Eindruck zu hinterlassen“, sagt Jörg Morré. Denn immerhin war das Museum für die Sowjetunion ein Heiligtum.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs war unklar, ob das Museum eine Zukunft hat. Dr. Alexander Nikonov, der Vorsitzende des Trägervereins, berichtet vom Besuch einer Dame aus dem Umfeld von Staatspräsident Michail Gorbatschow. Der damalige Museumsleiter Wladimir Lukin soll ihr eine Museumsbroschüre für Gorbatschow mitgegeben haben, die eine handschriftliche Bitte enthielt: „Er äußerte den Wunsch, diesen wichtigen historischen Ort zu erhalten“, sagt Nikonov. Daraufhin soll Gorbatschow den Erhalt des Hauses mündlich angeordnet haben. 1995 begann das zweite Leben. Damals eröffnete das Museum nach einem Umbau – getragen von einem Verein, in dem sich unter anderem das Deutsche Historischen Museum und das Zentralmuseum der Streitkräfte der Russischen Föderation engagieren. 2013 dann das dritte Leben – eine völlig überarbeitete Dauerausstellung. Den fünf festen und 25 externen Mitarbeitern steht ein Etat von rund 900.000 Euro pro Jahr zur Verfügung.

Museums-Chef im Blaumann

In den vergangenen Jahren hat sich das Museum vom Ort der Erinnerung zu einer Sammlung entwickelt. Gut 16.000 Exponate befinden sich im Depot, viele davon hat Jörg Morré eigenhändig zusammengetragen. Sie stammen unter anderem aus früheren Kasernen der westlichen Streitkräfte, die bis 1994 in den neuen Bundesländern stationiert waren. Ab und an zieht sich der Direktor einen Blaumann über, mietet sich einen Transporter und sichert die Hinterlassenschaften. Darunter sind auch schon mal Fenstergitter, Fotonegative oder Feldpostbriefe. Vieles davon lagert derzeit aus Platzgründen in Seecontainern, die das Museums eigens gekauft hat.

Zum 50. Geburtstag des Deutsch-Russischen Museums blicken Deutsche, Russen, Ukrainer und Weißrussen auf eine bewegte Zeit zurück – fernab jedweder politischer Differenzen, die es zwischen Deutschland und Russland, aber auch zwischen Russland und der Ukraine gibt. „Die politischen Spannungen haben keinen Einfluss auf die Arbeit“, sagt Nikonov und betont: „Wichtig ist uns, dass wir Respekt voreinander haben.“

Ausstellung „Unsere drei Leben“, zu sehen bis zum 7. Januar 2018, Di-So 10-18 Uhr, Führungen sonntags 15 Uhr, Eintritt frei. Ort: Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Zwieseler Straße 4, 10318 Berlin. Infos: Tel. 030 50150810.

 

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