Wie die Gärten der Welt in Marzahn entstanden

China machte den Anfang

01.07.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf. Vor drei Jahrzehnten wurde zur 750-Jahr-Feier Berlins die (Ost)-Berliner Gartenschau eröffnet, 1991 firmierte das Gelände zwischen Blumberger Damm und Eisenacher Straße dann als Erholungspark Marzahn. Wie aus der Anlage später die „Gärten der Welt“ wurden, derzeitiger Hauptaustragungsort der IGA Berlin 2017, ist aus einer gerade erschienen, 190 Seiten starken Publikation zu erfahren. Den Band „Die Gärten der Welt in Berlin-Marzahn – wie sie entstanden sind“, Teil 2 der Erinnerungen „Von der Berliner Gartenschau zu den Gärten der Welt“, hat der Verein „Freunde der Gärten der Welt“ zum Park-Jubiläum aufgelegt. Er ist eine Fundgrube für Interessierte – und spiegelt auch die neuere deutsche Geschichte wieder.

Nach der Wende nicht mehr so attraktiv

Denn die anfangs so beliebte Berliner Gartenschau war als „Erholungspark Marzahn“ für viele in den 1990er-Jahren nicht mehr so attraktiv. Schließlich konnten die Marzahner und Hellersdorfer nun auch viel größere Parkanlagen im Westteil der Stadt wie den Britzer Garten oder den Tiergarten besuchen. Die Grün Berlin GmbH, die das Gelände seit 1991 bewirtschaftet, mühte sich zwar redlich, doch die Besucher blieben aus. Erst die auf den Filmemacher Manfred Durniok („Mephisto“, 1934–2003) zurückgehende Idee eines Chinesischen Gartens, des größten in Europa, brachte den Erfolg. Schon in der Bauphase ab 1997, als chinesische Spezialisten in Marzahn wirkten, kamen immer mehr Besucher. Auf den am 15. Oktober 2000 eröffneten China-Garten folgten zwei weitere aus Fernost, Japan und Korea, sowie ein Balinesischer und ein arabischer Orientgarten, danach kamen Beispiele europäischer Gartenkunst. Der langjährige Geschäftsführer der Grün Berlin GmbH, Hendrik Gottfriedsen, konnte bis zu seiner Pensionierung 2008 beinahe jedes Jahr einen neuen internationalen Garten eröffnen. Der bisher letzte der Reihe, der Englische Garten mit Cottage und Pleasureground, wurde mit der Eröffnung der IGA von seinem Nachfolger Christoph Schmidt der Öffentlichkeit übergeben.

Die Gärten, die mit Hilfe auch von Spezialisten aus den jeweiligen Ländern bzw. Regionen angelegt wurden, entstanden mit Hilfe des Landes Berlin und millionenschwerer Fördermittel. (Eine Ausnahme stellt der Koreanische (Seouler) Garten dar – er ist ein Geschenk der Hauptstadt Südkoreas.) Auch die Allianz Umweltstiftung beteiligte sich. Eine Investition, die sich gelohnt hat – schon vor der IGA kamen jährlich Hunderttausende Besucher allein wegen der „Gärten der Welt“ nach Marzahn-Hellersdorf.

Initiator des Chinesischen Gartens gegen Japan-Garten

Von Mitte der 1990er-Jahre an datieren Tagebuchnotizen von Hendrik Gottfriedsen, die im Buch nachzulesen sind. „16.07.1996: Telefongespräch mit Herrn Manfred Durniok. Er drängt auf baldigen Baubeginn, droht mit Beschwerde beim Regierenden Bürgermeister und sagt zu, Geld zu beschaffen. 23.12. 1996: Schriftliche Zusage der Senatsverwaltung für Wirtschaft. Wir bekommen 1,2 Millionen DM für einen ersten Bauabschnitt ( das Eingangsbauwerk mit Mauer). 29.09.1997: Dreißig chinesische Arbeiter (Mauerer, Gärtner und andere Fachleute) kommen für 90 Tage nach Berlin, um den ersten Bauabschnitt zu bauen.“ Wenige Tage nach der Eröffnung des Chinesischen Gartens dann: „6.11.2000: Telefongespräch mit Manfred Durniok: Ich soll meine Aktivitäten hinsichtlich des Japanischen Gartens sofort einstellen, man könne dies den chinesischen Freunden nicht zumuten.“

Umstrittenes Verhältnis zur Religion

Umstritten war das Verhältnis zwischen Gartenkunst und Religion. Das zeigte sich besonders am heutigen Orientalischen Garten, der als Islamischer Garten, der das Paradies verheißt, nach marokkanischem Beispiel angelegt worden war. Es dauerte fünf Jahre bis zu seiner Realisierung. Nur durfte er nach dem 11. September 2001 nicht mehr Islamischer Garten heißen. Ein Bürgerbrief vom 14.10.2004 hatte eine heftige Diskussion über diesen Namen entfacht, notierte Hendrik Gottfriedsen am 17.07. 2005, dem Eröffnungstag: „Ich entschied mich für ‚Orientalischer Garten’“. Begründet worden war das damals u.a. zusätzlich damit, dass keiner der bereits vorhanden „Gärten der Welt“ nach einer Religion heißt.

Das sollte sich 2008 mit der Eröffnung des „Christlichen Gartens“ ändern, einem „geschriebenen“ Garten, der vor allem durch die goldglänzende Metallkonstruktion aus Bibel- und anderen Worten wirkt, die einen Wandelgang einrahmt. Der Name fand seinerzeit heftigen Widerspruch, obwohl die künstlerische Leistung von relais Landschaftsarchitekten durchaus anerkannt wurde. Im Buch des Freundeskreises, das aus mehreren Aufsätzen verschiedener Autoren besteht, darunter auch etlicher Planer der Gärten, beschäftigt sich Bernd Schütze, Leiter des Umwelt- und Naturschutzamtes Marzahn-Hellersdorf, mit dem Paradigmenwechsel. „Im aktuellen Konzept der Erweiterung der Gärten der Welt und im Konzept der IGA 2017 ist bisher nicht zu erkennen, dass das religiöse Thema zukünftig weiter geführt werden soll“, schreibt er. „Den internationalen Gartenkabinetten aus aller Welt, den Projekten aus China, Thailand, Libanon, Australien, Brasilien, Chile und Südafrika wird bisher keine Religion definierend zugedichtet. Hoffen wir, das es so bleibt, hoffen wir, dass es zukünftig wieder die verbindende Kraft der Gartenkunst der Welt sein wird, die wir im Erholungspark in Freude genießen.“

„Die Gärten der Welt in Berlin-Marzahn – wie sie entstanden sind“, 190 Seiten. Das Buch ist für 7 Euro beim Verein „Freunde der Gärten der Welt“ zu erwerben.
www.freunde-der-gaerten-der-welt.de

 

 

 

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