Laut und vielfältig gegen Neonazis und Rassisten

„Bunter Wind für Lichtenberg“

14.08.2014, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Lichtenberg. Der Neonazi-Treffpunkt in der Lückstraße 58 ist Geschichte – die Rechtsextremisten, die dort einen Tarnverein unterhielten, sind am 3. Juni ausgezogen (wir berichteten). Doch die Wachsamkeit vor neonazistischen Umtrieben im Bezirk bleibt. Am Mittwoch, 13. August, startete das Lichtenberger Bündnis für Demokratie und Toleranz deshalb die Kampagne “Bunter Wind für Lichtenberg”. Ziel ist, das Engagement für ein diskriminierungsfreies Miteinander, zur Mitgestaltung einer demokratischen Kultur im gesamten Bezirk sichtbar zu machen – und damit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus weiter zurückzudrängen. Mehr als 100 Einzelpersonen und Organisationen haben den Kampagnenaufruf bereits unterschrieben, darunter Abgeordnete und Vertreter demokratischer Parteien, Sportler und Künstler. In den kommenden Monaten soll es eine Vielzahl von Veranstaltungen – Gesprächsrunden und Begegnungen, Filme, Konzerte und Lesungen – geben, kündigte Rosemarie Heyer vom Bündnis an. Bereits am 23. August wird die Kampagne auf dem Wasserfest in der Rummelsburger Bucht vorgestellt, am 30. August dann bei einem Kiezfest in Friedrichsfelde. Zudem beteiligt sie sich an den stadtweiten Aktionswochen für ein offenes und vielfältiges Berlin vom 7. September bis 10. Oktober.

Gesicht gezeigt
“Wir haben gute Veränderungen im Weitlingkiez erlebt”, sagte Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD). Nachdem der Kiez Anfang der 1990er-Jahre mit einem durch Neonazis besetzten Haus und Straßenschlachten einen schlechten Ruf bekommen hatte, habe es viele Menschen gegeben, die sich diesen Umtrieben entgegenstellten. “Dass wir uns entschieden haben, Gesicht zu zeigen, hat den Wandel bewirkt”, betonte Geisel. Wenn man nicht gegen Rechtsextremismus und Intoleranz aufstehe, könne es zu Entwicklungen wie in Mecklenburg-Vorpommern kommen, wo Neonazis in ganzen Orten dominieren. Einen Rückschlag habe es gegeben, als es den Rechtsextremisten 2011 gelang, den Laden in der Lückstraße 58 zu mieten, so der Bürgermeister. “Aber es ist ihnen nicht gelungen, in den Kiez hinein zu wirken.” Besonders bewährt habe sich das gemeinsame  Wirken gegen die Neonazis: “Bei aller unterschiedlicher Meinung zur Alltagsproblematik haben sich die Parteien dabei zusammengetan.” Auch der Vermieter der Lückstraße 58 wurde in seinem Bestreben, den Rechtsextremisten zu kündigen, unterstützt. Auch die Idee für “Bunter Wind für Lichtenberg” – ihr Logo ist eine bunte Windmühle – entstand innerhalb der Proteste um die Lückstraße 58.

Forderung nach NPD-Verbot
Gesine Lötzsch, Bundestagsabgeordete der Linken, sagte, sie habe besonders beeindruckt, dass sich auch viele ältere Menschen in Lichtenberg den Neonazis in den Weg stellten. Erst im Mai wollte die NPD durch einen Infostand vor einem Haus in Friedrichsfelde, in dem viele Sinti und Roma wohnen, provozieren. Die Rechtsextremisten wurden durch Lichtenberger Bürger, darunter auch Rosemarie Heyer, blockiert. Gesine Lötzsch nutzte den Kampagnenstart, um nochmals für ein NPD-Verbot zu plädieren.

Eisbären sind auch dabei
Unter den Erstunterzeichnern der Kampagne ist auch Daniel Goldstein, Pressesprecher der Eisbären Berlin. Diese spielen zwar in Friedrichshain, trainieren aber weiterhin in Hohenschönhausen und veranstalten seit vergangenem Jahr auch wieder einige Spiele im traditionsreichen Wellblechpalast. Goldstein sagte, im Verein gebe es antirassistisches Engagement auf allen Ebenen – von der Stadionordnung und der Arbeit mit den Fans bis hin zur Unterstützung von Schulen bei Projekten gegen Rassismus und Rechtsextremismus.

Klares Ausrufungszeichen setzen
Daniel Goldsteins Engagement innerhalb der Kampagne ist auch ein ganz persönliches: Sein Großvater war Kurt Julius Goldstein (1914-2007), deutsches Mitglied der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg, Überlebender von Auschwitz und des Todesmarsches nach Buchenwald. Goldstein war Ehrenvorsitzender des Internationalen Auschwitz Komitees und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten. Der Journalist und Rundfunkintendant hatte in vielen Zeitzeugengesprächen an Schulen und bei Veranstaltungen von seinem Leben berichtet. “Es liegt mir auch deshalb am Herzen, dass wir ein ganz klares Ausrufezeichen gegen Neonazis und Rassismus setzen”, sagte sein Enkel.

 

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