Letzter Braunkohleblock Berlins wird in Klingenberg abgeschaltet

Braunkohle ist Geschichte

24.05.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1), Volkmar Eltzel (2-3), Bezirksmuseum Lichtenberg (4-6). Zum Vergrößern Hauptbild-Klick.

Rummelsburg. Heute, am Mittwoch, 24. Mai 2017, endete eine Ära: Im Heizkraftwerk Klingenberg wurde die Braunkohle-Verfeuerung zur Energiegewinnung eingestellt. Damit wird in keinem der Berliner Kraftwerke mehr der tertiäre Brennstoff mit dem hohen Schwefelgehalt eingesetzt. Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD) und Lichtenbergs Bürgermeister, Michael Grunst (Linke) vollzogen gemeinsam mit Vattenfall Wärme Berlin Vorstand, Gunther Müller, symbolisch den Braunkohleausstieg durch die Enthüllung einer Gedenktafel. „Der nun frei werdende Raum wird für nachhaltige Projekte für Nachbarn und Berliner genutzt“, sagte Gunther Müller. So sei u.a. die Einrichtung eines Gemeinschaftsgartens auf dem Vattenfall-Areal vorgesehen. Für die Pflege und den Betrieb des Gartens, der noch in diesem Jahr eröffnet werden soll, suche man noch Partner. Ein weiteres Projekt sei die Errichtung einer Aquaponik-Anlage, mit der Fisch und Gemüse in wechselseitiger Symbiose produziert wird.

Dank für zuverlässige Versorgung

„Rund 300.000 Haushalte beziehen aus Lichtenberg zuverlässig und bezahlbar Fernwärme für die Beheizung von Wohnraum und die Versorgung mit Warmwasser. Dafür möchte ich mich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kraftwerkes und auch bei den Betreibern bedanken“, erklärt Michael Grunst. Betrieben mit Braunkohle, Erdgas und seit 2008 auch unter Mitverbrennung von Holz habe sich das Kraftwerk Klingenberg über Jahrzehnte als Rückgrat der Fernwärmeversorgung des Berliner Ostens bewährt.

Ausstieg drei Jahre vorfristig

Im September vergangenen Jahres hatte der schwedische Staatskonzern angekündigt, in Klingenberg ab Mai 2017 keine Braunkohle mehr zu verfeuern. Die Kohle-Anlage wird damit drei Jahre früher als ursprünglich geplant stillgelegt. Möglich wurde das durch die beschleunigte Modernisierung der vorhandenen Anlagen zur gasbasierten Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Rund 100 Millionen Euro investiert Vattenfall nach eigenen Angaben am Standort Klingenberg dafür. Der Umstieg von Braunkohle auf Erdgas erspart Berlin künftig jährlich 600.000 Tonnen des klimaschädlichen Kohlendioxid- Ausstoßes.

Zudem erfolgte im April 2017 der Baubeginn für eine moderne KWK-Anlage im Heizkraftwerk Marzahn an der Rhinstraße für ca. 325 Millionen Euro. Die Standorte Klingenberg und Marzahn sichern im Verbund die Versorgung von mehr als 300.000 Haushalten in den Berliner Ostbezirken mit Fernwärme und Strom, insbesondere in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf.

Schrittweise Umstellung auf erneuerbare Energie

Berlin will bis 2030 gänzlich aus der Kohlenutzung aussteigen, dann sollen auch die drei auf Steinkohlebasis arbeitenden Kraftwerke der Hauptstadt umgestellt sein. Der Senat hatte am Donnerstag, 18. Mai, dazu den Entwurf für eine Novellierung des Berliner Energiewendegesetzes im Abgeordnetenhaus auf den Weg gebracht. Schrittweise soll demnach auch eine Umstellung auf erneuerbare Energien erfolgen. „Eine intensive Zusammenarbeit mit Brandenburg ist angeraten, um den Braunkohleausstieg auch dort voranzubringen“, sagt Berlins Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Regine Günther (parteilos). Ramona Pop (Bündnis 90/Die Grünen), Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, begrüßt die Investitionen in Klingenberg als Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort Berlin. „Ausdrücklich will ich Vattenfall und alle anderen Energieerzeuger zu weiteren Schritten ermutigen, die unserem Ziel einer nachhaltigen und auf erneuerbaren Energien basierenden Versorgung unserer Stadt dienen“, so die Senatorin.

Ein Kraftwerk mit Geschichte

Die Lastschiffe, die bisher die Braunkohle aus Brandenburg auf der Spree direkt bis zum Kraftwerk Klingenberg schipperten, müssen sich nun eine neue Fracht suchen. Seit der Inbetriebnahme des Kraftwerks im Jahr 1926 wurde dort die Kohle per Schiff angeliefert. Der Standort Köpenicker Chaussee 42-45 liegt am Nordufer der Spree kurz vor der Rummelsburger Bucht. Durch den Oder-Spree-Kanal war das Kraftwerk mit dem schlesischen Steinkohlerevier verbunden, nach Erneuerung der technischen Komponenten in den 1970er-Jahren wurde vor allem Lausitzer Braunkohle verfeuert. Die Hülle des Kraftwerks steht unter Denkmalsschutz. Benannt ist das Kraftwerk nach Georg Klingenberg, einem Pionier des Kraftwerksbaus. Architekten waren dessen Bruder Walter Klingenberg und Werner Issel. Bei seiner Eröffnung galt das mit Kohlestaub betriebene Kraftwerk als das größte und modernste in Europa. Ab 1927 gab es in unmittelbarer Nähe ein großes Freibad, das Städtische Flussbad Lichtenberg. Das Badewasser wurde mit dem warmen Kühlwasser des Kraftwerks beheizt. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges wurde die Einrichtung geschlossen. Nach dem Krieg wurde der Badebetrieb zunächst wieder aufgenommen, in den 1950er-Jahren dann endgültig eingestellt. Die Hygienebedingungen waren nicht mehr ausreichend, die Qualität des Spreewassers erlaubte kein Baden mehr.

Freudendemos

Die Lichtenberger Bündnisgrünen hatten vor der Bezirksverordnetenversammlung am 18. Mai und am vergangenen Sonntag an der Rummelsburger Bucht mit Freudendemos schon mal die Abschaltung des Braunkohleblocks gefeiert. Sie werten den Ausstieg als Erfolg ihres jahrelangen Engagements. (mit el.)

 

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