Interview mit Roland Jüngling über Erfolge, Erlebnisse und Entwicklungen beim DDR-Rekordmeister

BFC in der Bundesliga spielen sehen

06.10.2014, Andrea Scheuring

Fotos: Andrea Scheuring

Hohenschönhausen. Roland Jüngling kommt entspannt auf seinem Fahrrad ins Sportforum geradelt. Der heute 57jährige, der zu aktiven Fußballer-Zeiten gleichermaßen durch seine läuferischen Qualitäten wie durch sein Zweikampfverhalten überzeugen konnte, sich selbst aber bescheiden als „Wasserträger“ bezeichnet, wohnt seit vier Jahren gleich um die Ecke. Fünf Meistertitel konnte der Mittelfeldakteur mit dem BFC Dynamo in der Oberliga gewinnen. Am Samstagvormittag trifft sich Roland Jüngling vorm BFC-Vereinsheim mit Jugendlichen der AG (L)Einwand, die in einem Medienprojekt die Geschichte des „Fußballs in der DDR“ untersuchen. Bereitwillig gewährt der Fußballer, der heute als Berufskraftfahrer tätig ist, einen Einblick in seine Erfolge, Erlebnisse und Entwicklungen beim DDR-Rekordmeister.

LiMa+: Wie sind Sie zum BFC Dynamo gekommen?

Jüngling: Mein Wunschtraum war immer, Fußballer zu werden. Schon von klein auf. Wir Jungs haben auf den Straßen rumgekickt, waren nur mit dem Lederball verbunden. 1966 bin ich zur SG Dynamo Schwerin gekommen. Mein Trainer Horst Schulz hat mich dort sozusagen auf mein späteres Leben in der Hauptstadt vorbereitet. Das war damals alles schwierig. Meine Eltern wollten mich nicht gehen lassen. Ich war ja erst 13 Jahre alt und sollte nun, alleine, nach Berlin ins Internat. Ich habe gedroht, dass ich nichts mehr für die Schule tue, da haben sie mich ziehen lassen. Und so kam ich am 30. August 1970 zur Sportschule Werner Seelenbinder – hier im Sportforum. Ich hab´ dann beim BFC Dynamo alle Altersklassen – von den Schülern bis zum Männerbereich – durchlaufen.

LiMa+: Welcher sportliche Erfolg ist Ihnen als der schönste in Erinnerung geblieben?

Jüngling: Mein erstes Oberligaspiel beim BFC war 1974 gegen Lok Leipzig im Zentralstadion. Unter Flutlicht. Eine wunderbare Atmosphäre. Das werde ich nie vergessen. Ich bin fünfmal mit dem BFC Dynamo DDR-Meister geworden. Dreimal als Spieler. 1983 musste ich dann verletzungsbedingt aufhören und war dann noch als Mannschaftsleiter des Oberliga-Kollektivs aktiv, wo ich mit der Mannschaft zweimal Meister wurde. Die schönste Erinnerung habe ich an das Spiel, mit dem wir zum zweiten Mal DDR-Meister wurden. Das war das letzte Punktspiel der Oberligasaison 1979/80 gegen Dynamo Dresden im Jahnsportpark. Wir mussten unbedingt gewinnen. Dresden hätte ein Unentschieden gereicht. Wir gewannen mit 1:0 durch ein Tor von Norbert Trieloff in der 76. Minute. Das war eine Meisterschaft, die hart erkämpft worden war. Bei der ersten DDR-Meisterschaft hatten wir durch unsere Leistungen ja einen riesigen Punktevorsprung gehabt. Aber jeder Meistertitel ist mir viel wert.

LiMa+: Warum hat der BFC international, z.B. im Europapokal, nie so erfolgreich gespielt?

Jüngling: Wir hatten eine Europacup-Saison, ich glaube das war 1979,  da haben wir gegen Servette Genf, Apoel Nikosia und Nottingham Forest gespielt und sind bis ins Viertelfinale gekommen. Wir haben damals in Nottingham 1:0 gewonnen, zu Hause leider 3:1 verloren. Oder denken Sie an das Spiel gegen Werder Bremen 1988, wo wir zu Hause 3:0 gewonnen und dann in Bremen 5:0 verloren haben. Wir konnten leistungsmäßig wirklich mit diesen Spitzenmannschaften mithalten und waren trotzdem nicht erfolgreich. Woran hat es gelegen? Wir waren vielleicht keine Profis.

LiMa+: Wie haben Sie die Derbys gegen Union erlebt?

Jüngling: Die Derbys gegen Union waren in der Serie natürlich immer besondere Spiele. Gerade auch diese Rivalität zwischen Union, der als Arbeiterclub der DDR galt, und uns als Club der Schutz- und Sicherheitsorgane, der Staatssicherheit. Das hatte immer Brisanz. Deshalb wurden die Spiele ja auch im Stadion der Weltjugend ausgetragen. Ich habe im Derby leider zweimal mit 1:0 gegen Union verloren. Dann aber auch wieder Spiele gegen die Köpenicker erlebt, wo wir 7:1, 8:1 gewonnen haben. Die Atmosphäre war immer super. 40.000 Zuschauer. Ausverkauftes Stadion.

LiMa+: Der BFC war als Stasi-Verein in der DDR verhasst. Spielte das Thema eine Rolle?

Jüngling: Der BFC war der Club der Schutz- und Sicherheitsorgane. Es gab Spieler und Funktionäre, die – so wie ich – bei der Volkspolizei angestellt waren. Und einige Andere, die bei der Staatssicherheit waren. Wer von den Spielern aber IM war, hat man nicht gewusst. Mit dieser Frage haben wir uns damals auch gar nicht beschäftigt. Niemand wusste, dass es überhaupt Stasi-IMs gab. Wir haben uns auf unsere Aufgabe als Sportler konzentriert. All die Dinge, die nach 1989 herausgekommen sind… Das Unrechtmäßige, das geschehen ist, kann ich nur verurteilen. Ich habe nach der Wende lange zum Nachdenken gebraucht. Das war natürlich auch unter den Spielern ein Thema. Aber wir haben nicht gefragt: Warst du IM? Ob es einer ehrlich gesagt hätte? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich bin kein IM gewesen.

LiMa+: 1979 floh ihr Mitspieler Lutz Eigendorf in den Westen. Wie erinnern Sie dieses Ereignis?

Jüngling: Lutz Eigendorf kam damals mit mir zusammen auf die Sportschule. Wir haben dieselbe Schulbank auf der KJS gedrückt. Er hat öfters bei mir abgeschrieben. Ich hatte daher ein besonderes Verhältnis zu ihm. Wir trafen uns auch oft privat. Das Freundschaftspiel in Kaiserlautern 1979 – ich war damals auch dabei – hatten wir verloren und sind dann im Bus Richtung Heimat gefahren. Aus irgendeinem Grund durften wir in Gießen nochmal aussteigen und einkaufen gehen. Und dort hat sich Lutz dann von der Mannschaft abgesetzt und blieb im Westen. Eine Entscheidung, die er selbst getroffen hat. Ob er beeinflusst worden war am Abend zuvor, als unsere Mannschaft noch ein gemütliches Beisammensein hatte mit Fritz Walter und den anderen von Kaiserslautern. Ich weiß, es nicht. Zuhause angekommen, gab es keine Repressalien gegen uns. Wir konnten ja nichts dafür. Aber nach diesem Vorfall wurden bei Europacupspielen, bei Auswärtsspielen erhöhte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Ich meine, wir sind zu Europacupspielen mit der Privatmaschine von Erich Mielke geflogen und nach den Partien sofort wieder zurück. Später wurde auch in den Mannschaftsbus extra eine Toilette eingebaut, damit wir im Westen auf der Autobahn nicht noch einmal aussteigen mussten.

LiMa+: Was verbindet Sie noch heute mit dem BFC Dynamo?

Jüngling: Ich spiele zusammen mit Bernd Brillat, Bernd Schulz und anderen in der Traditionsmannschaft des BFC. Wir treffen uns alle acht Wochen im Sportforum zum Training und sitzen danach noch gemütlich beisammen. Unser letztes Spiel hatten wir Ende Juni in Wartenberg anlässlich des Vereinsjubiläums des SV. Im Winter nehmen wir auch an einigen Hallenturnieren teil, vor allem das große Neujahrsturnier in der Dynamohalle ist immer gut besucht. So sieht man sich ab und zu. Wir organisieren auch jedes Jahr zu Weihnachten ein gemeinsames Abendessen. Viele Leute fehlen allerdings, weil sie inzwischen in der ganzen Republik verteilt leben. Die sportliche Entwicklung des BFC habe ich immer verfolgt und freue mich über den Aufstieg in die Regionalliga. Ich wünsche dem Verein, dass es weiter nach oben geht. Entscheidend sind Leistungen. Mit den Leistungen kommen auch Sponsoren. Ich schätze, wenn ich Rentner bin, werde ich den BFC bestimmt noch in der Bundesliga spielen sehen.

 

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden