Schlamperei in der Behörde trifft Roma-Projekte

Bezirk lässt 300.000 Euro verfallen

22.12.2015, Klaus Tessmann

Foto: Regina Friedrich

Marzahn-Hellersdorf. Der Bezirk hat 300.000 Euro Fördermittel verfallen lassen. Denn die Verwaltung hat geschlampt. Es wurde versäumt, Mitte August das Geld, das für laufende Roma-Projekte an drei Jugendeinrichtungen im Jahr 2016 nötig ist, von der Senatsverwaltung für Integration abzurufen. Dabei hätten die benötigten Mittel nur angemeldet werden müssen. Das tat das Bezirksamt aber nicht – und jetzt ist es zu spät dazu. Auf Anfrage von LiMa+ äußert sich Sozialstadträtin Dagmar Pohle (Die Linke): „Die Mittel standen nur für 2015 zur Verfügung, es gab keine Zusage für 2016.“ Bei ihr sei keine Aufforderung eingegangen, Mittel zu beantragen. Ansonsten sei der Integrationsbeauftragten des Bezirks, Dr. Thomas Bryant, zuständig. Doch dieser ist erst seit Oktober im Amt. Nachdem die langjährige Integrationsbeauftragte Elena Marburg im Mai in den Ruhestand verabschiedet worden war, gab es monatelang eine Lücke in der Besetzung des Postens.

Drei Vereine betroffen
Betroffen sind die Vereine Haus der Begegnung M 3, Kiek In und Babel. Diese freien Träger in Marzahn-Hellersdorf haben sich den zugewanderten Roma aus Ost-Europa zugewendet und für sie Integrationsangebote geschaffen. Stephan Fischer, der Vereinsvorsitzende vom M 3 e.V., ist sauer auf diese Form der Bezirkspolitik: „Das Geld wird vom Senat bereitgestellt und dann einfach so ‚vergessen’.“

„Aus“ für auf auf drei Jahre angelegtes Projekt
Auch die Geschäftsführerin des Vereins Kiek In, Gabriele Geißler, ist entsetzt. Im sozialen Netzwerk Facebook verweist sie darauf, dass ihr Projekt im Juli 2015 erfolgreich angelaufen ist. Zwei Mitarbeiterinnen hatten es in kurzer Zeit geschafft, das Vertrauen einer größeren Gruppe von Zugewanderten aus Ost-Europa zu gewinnen. Täglich kamen ca. 20 Roma zu verschiedenen Angeboten und Beratungen. Damit sollte ihnen der Alltag und die Integration in die hiesige Gesellschaft erleichtert werden. Am 16. Dezember kam das „Aus“ für das Projekt, das eigentlich für drei Jahre konzipiert war. Die Geschäftsführerin stellt sarkastisch fest, „keine/r ist verantwortlich, keine/r trägt die Schuld.“ Und für die Roma sei keiner mehr da, der „ihnen bei der Integration zur Seite steht“.

Vertrauen geht verloren
„Vor sechs Jahren haben wir angefangen, uns mit der Problematik der Roma in Marzahn zu beschäftigen“, erzählt Stephan Fischer. Seit vier Jahren hat der M 3 aus teilweise eigenen Mitteln eine Stelle für die Beratung finanziert. Dann gab es die Möglichkeit, über den Integrationsbeauftragten beim Senat etwas Geld für diese Arbeit zu beantragen. Und 2015 kam das neue Projekt. Damit konnten noch mehr Arbeitsplätze, zum Teil als feste Jobs oder aber auf Honorarbasis, geschaffen werden. Gemeinsam mit dem Arbeiter Samariter Bund kam auch eine Schuldnerberatung hinzu. „Wir hatten mitbekommen, dass viele Familien bis über beide Ohren in der Schuldenfalle stecken.“ Die Mitarbeiter der Beratungsstellen kümmerten sich um tägliche Probleme, brachten Schulschwänzer zum Unterricht, begleiteten Familien zum Jugendamt, besorgten Arbeitsplätze oder stellten Berufe vor. „Wir konnten viele Probleme lösen, bevor vom Jugendamt oder vom Jobcenter Sanktionen verhängt wurden“, sagt Fischer. Die Roma-Familien hätten gerade begonnen, sich zu öffnen und Vertrauen in die Mitarbeiter zu setzen, so dass deren Ratschläge auch befolgt wurden. Nun fühlten sich diese Menschen einmal mehr verstoßen. Fischer betont, dass es ein langer Prozess sei, bevor die Familien Vertrauen in einen „fremden“ Berater fassen. Einmal verloren, werde es sehr schwer sein, dieses Vertrauen zurückzugewinnen.

Rund 5.000 Roma im Bezirk
Über die Anzahl der zugewanderten Roma im Bezirk gibt es keine konkreten Zahlen, da die Statistiken nur die Staatsangehörigkeit erfassen. „Wir gehen davon aus, dass in Marzahn-Hellersdorf rund 1.000 Roma-Familien aus Ost-Europa leben“, so Fischer. Diese sind Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union und genießen Freizügigkeit. Für ein reibungsloses Einleben in die hiesigen Verhältnisse benötigten sie aber dringend sprachkundige Ansprechpartner, entsprechend aufgearbeitete Informationen und passende Hilfen.
Da zu jeder Familie im Durchschnitt vier Kinder gehören, kann man von rund 5.000 Roma in Marzahn-Hellersdorf ausgehen. Fischer sagt, dass es der M 3 bisher hauptsächlich mit der Gruppe der Roma aus Polen zu tun gehabt habe. Doch es haben sich auch Roma aus Bulgarien, Rumänien, der Slowakei und Ungarn im Bezirk niedergelassen. Am M 3 waren fünf Stellen für Roma-Projekte geschaffen worden. Dafür standen 120.000 Euro bereit. Für das Jahr 2016 sollte das Geld auf 140.000 Euro aufgestockt werden. Doch unerwartet für die Einrichtungen und ebenso für ihre Nutzer kam das „Aus“. Am vergangenen Freitag, 19. Dezember, musste der Verein die betroffenen fünf Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit schicken.

Statt fünf nur noch eine halbe Stelle
Jetzt bekommt der M 3 nur noch 15.000 Euro vom Senat für die Arbeit mit den Roma. Damit kann nicht einmal eine halbe Stelle für einen Berater finanziert werden. „Wir reden von 300.000 Euro an finanziellem Schaden für den Bezirk. Der nicht abzuschätzende ideelle Schaden trifft wieder einmal eine Gruppe von Menschen, die anscheinend nirgendwo auf der Welt ‚willkommen’ ist. Leider auch nicht in Marzahn-Hellersdorf“, kritisiert Stephan Fischer.

Fischer erinnert daran, dass vor 70 Jahren (1936) die von den Faschisten als „Zigeunerlager“ titulierte Zwangsunterkunft in der Nähe des Marzahner Parkfriedhofs stand. Alle Sinti und Roma aus Berlin wurden dort unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten und schließlich in KZ abtransportiert. Nur wenige Menschen überlebten die Nazi-Herrschaft.

 

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